Drogen : Deutschlands großer Rauschangriff

Heroin, Kokain, Crystal Meth – wegen dieser Drogen werden Kriege geführt und Gangster Milliardäre. Den ganzen Stoff verdankt die Welt dem Schaffen deutscher Chemiker.

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Heroin als Hustenmittel.
Heroin als Hustenmittel.Foto: public domain

HEROIN

Wer auf der Internetseite von Bayer den Namen Felix Hoffmann eintippt, sieht das Bild eines jungen Mannes mit gestutztem Bart und zurückweichendem Haaransatz. Daneben eine ausführliche Huldigung: 1868 als Unternehmersohn geboren, in München Chemie studiert, Promotion mit „magna cum laude“, dann Anstellung im Konzern, der damals noch „Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.“ heißt. Am 10. August 1897, so steht es auf der Homepage, gelingt Hoffmann eine historische Entdeckung: Aus Salicyl- und Essigsäure gewinnt er den Stoff, der bald zum Welterfolg des Unternehmens wird. „Aspirin hat wie kein anderes Medikament den Namen Bayer rund um den Globus bekannt gemacht“, heißt es. Was im Lebenslauf allerdings unerwähnt bleibt, ist die zweite bahnbrechende Leistung, die Felix Hoffmann nur wenige Tage später vollbringt. Dabei ermöglicht sie nichts weniger als den nächsten Welterfolg des Unternehmens.

„Kein Husten mehr dank Heroin“. Mit diesem Spruch preisen 1898 Zeitungsannoncen das neue Medikament, das nicht nur, aber besonders für Kinder geeignet sein soll. Auch für den spanischen Markt ist eine Kampagne geplant, auf den dortigen Anzeigen hält ein glücklicher Junge stolz sein Fläschchen Heroin in der Hand, dazu der Satz „Mi catarro ha desaparecido“. Meine Erkältung ist verschwunden. Die Anzeigen versprechen nicht zu viel: Tatsächlich nimmt die Flüssigkeit Patienten rasch ihre Schmerzen. Wie beim Aspirin hat Hoffmann im Labor mit Essigsäure experimentiert, diesmal allerdings in Kombination mit Morphin, das aus dem getrockneten Milchsaft des Schlafmohns, also Opium, gewonnen wird. Laufend kommen neue Behandlungsmöglichkeiten hinzu, bald wird das Mittel gegen Epilepsie, Asthma, Herzerkrankungen und Schizophrenie empfohlen. Auch gegen Darmkrämpfe von Säuglingen. Einer der größten Vorteile von Heroin sei, dass es erwiesenermaßen kein bisschen abhängig mache. Als mögliche Nebenwirkung gibt die Firma allerdings Verstopfung an. Zwei Jahre lang darf das Medikament ohne Rezept und Altersbeschränkung in der Apotheke verkauft werden.

Als die ersten praktizierenden Ärzte von süchtigen Patienten berichten, wehrt sich das Unternehmen. Carl Duisberg, der Prokurist und spätere Vorstandsvorsitzende, fordert, man müsse die „Gegner mundtot schlagen“. Tatsächlich finden sich weiterhin Fürsprecher, die wohlwollende Gutachten ausstellen. Ein Mediziner lobt Heroin als das „sicherste und exzellenteste aller Hustenmittel“. Es wird bis 1971 dauern, bis Hoffmanns Entdeckung durch das Betäubungsmittelgesetz endgültig verboten wird.

KOKAIN

Das Lob des Doktorvaters klingt 1860 verhalten: „Die Abhandlung des Herrn Albert Niemann ist eine ganz bedeutende Arbeit. Die Aufgabe, die ich ihm gestellt hatte, war allerdings dankbar genug und ließ fast mit Gewissheit die Entdeckung voraussehen, die Herr Niemann gemacht hat.“ Der 25-Jährige hat ausführlich die Zusammensetzung der Cocablätter beschrieben, die ihm ein österreichischer Abenteurer aus Südamerika mitgebracht hatte. 30 Kilo wog die Kiste, so viele unverdorbene Blätter konnte kein Chemiker je zuvor untersuchen. In seinem Göttinger Labor gelingt es Niemann, eine Substanz zu isolieren, die unerwartete Wirkungen zeigt: „eine eigentümliche Betäubung auf der Stelle der Zunge, auf welche man die Lösung brachte“, notiert er.

Schon als Kind wollte Niemann „die Kunst erlernen, Arzneimittel herzustellen“. Seine Entdeckung nennt er Kokain, ab 1862 beginnt der Darmstädter Pharmakonzern Merck mit der Massenproduktion. Zunächst nutzen es Augenärzte als lokales Betäubungsmittel, später wird es auch gegen Magenverstimmung und Kopfschmerzen verschrieben. Albert Niemann erlebt das nicht. Er erkrankt kurz nach Veröffentlichung seiner Dissertation und zieht zurück nach Goslar ins Haus seiner Eltern. Bei früheren Forschungen hat er sehr wahrscheinlich Dichlordiethylsulfid eingeatmet, ein Gift, das einmal unter dem Namen Senfgas bekannt wird. Niemann stirbt mit 26 an einer Lungenvereiterung.

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