Wissen : Durchbruch für die Akademie

Wissenschaft einigt sich: Deutschland wird mit vielen Stimmen sprechen

Amory Burchard,Uwe Schlicht

Letzte Hindernisse zur Gründung einer nationalen Akademie sind offenbar ausgeräumt. Der Wissenschaftsrat hat seinen Widerstand gegen das Konzept der übrigen deutschen Wissenschaftsorganisationen aufgegeben. In einem Brief an Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan und den Präsidenten der Kultusministerkonferenz Jürgen Zöllner haben die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, der auch der Wissenschaftsrat angehört, und die Gründungsinitiative der Regionalakademien ihr gemeinsames Konzept dargelegt. In dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, appellieren sie an die Politik, „nun zeitnah Beschlüsse zur Errichtung der DAW zu fassen“.

Das Kürzel DAW steht für „Deutsche Akademien der Wissenschaften“, geht aus dem Schreiben hervor. Der Plural verweist auf die jahrelangen Auseinandersetzungen über die 2004 vom Wissenschaftsrat empfohlene Gründung einer nationalen Akademie der Wissenschaften. Gerangel gab es unter anderem um die Frage, ob eine bestehende Akademie quasi zur nationalen Akademie ausgebaut werden könnte; Anspruch meldeten die Berlin-Brandenburgische Akademie und die Leopoldina der Naturforscher in Halle an. „Der Plural ist bewusst gewählt, weil die DAW nach dem Dachverbandsprinzip konstruiert ist“, sagt Eva-Maria Streier, Sprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die derzeit die Allianz der Wissenschaftsorganisationen koordiniert. Vorbild seien nationale Akademien in den USA und Kanada.

Aus der Wissenschaftspolitik ist unterdessen zu hören, dass die DAW von einem achtköpfigen Vorstand geleitet werden soll: Die Union der sieben Regionalakademien schickt ihren Präsidenten, dazu kommen zwei weitere Vertreter der Union. Auch die Leopoldina ist mit ihrem Präsidenten und zwei weiteren Mitgliedern vertreten; darüber hinaus wirkt die Acatech der Technikwissenschaften über ihren Präsidenten und ein weiteres Mitglied mit. Dieser Vorstand wählt einen DAW-Präsidenten. Die Berlin-Brandenburgische Akademie, die als Gelehrtengesellschaft in der Hauptstadt immer eine Sonderrolle beansprucht hatte, ist damit nicht automatisch im Vorstand vertreten.

Nicht im Sinne des Wissenschaftsrats ist allerdings die Frage der Interessenvertretung der deutschen Wissenschaft im Ausland gelöst. Der Wissenschaftsrat wollte diese Aufgabe der nationalen Akademie übertragen. Die DAW aber soll nach dem Brief an Schavan und Zöllner lediglich die „grenzüberschreitenden Interessen“ der bestehenden deutschen Akademien vertreten. In allen anderen Gremien, in denen es um internationale Forschungsförderung und -kooperationen geht, sollen sich die Wissenschaftsorganisationen, darunter Max-Planck-Gesellschaft und Deutsche Forschungsgemeinschaft, wie bisher eigenverantwortlich engagieren. „Turnusmäßige Absprachen“ zwischen den in der Allianz vertretenen Wissenschaftsorganisationen und der DAW sollen die „sachgerechte Wahrnehmung der Auslandsaufgaben der deutschen Wissenschaft unterstützen“.

Der Wissenschaftsrat hat diesem Konzept im Rahmen der Allianz gleichwohl zugestimmt. Die Bund-Länder-Kommission (BLK) wird sich am 21. Juni erstmals damit befassen; voraussichtlich am 9. Juli könnten dann die Wissenschaftsminister in der BLK über die „Deutschen Akademien“ entscheiden.

Ihren Sitz soll die DAW in Berlin haben, der Etat wird auf etwa 3,8 Millionen Euro pro Jahr kalkuliert. Kern der DAW sei ein Konzil mit bis zu 200 Mitgliedern, in der großen Mehrzahl Vertretern der bestehenden Akademien, heißt es. 30 von ihnen sollen hinzugewählt werden, darunter könnten Leibnizpreisträger und Nobelpreisträger sein, die noch keiner deutschen Akademie angehören, sowie herausragende Nachwuchswissenschaftler. Das Konzil setzt die Arbeitsgruppen ein, die sich im Rahmen der Politikberatung zu Themen wie Gesundheit, Klima oder Infektionskrankheiten äußern.

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