Wissen : Durchs wilde Sibirien

Der Naturforscher Pallas erkundete einst den Osten

Johannes Groschupf
Foto: Naturkundemuseum
Foto: Naturkundemuseum

„Peter Simon Pallas aus Berlin, ein Petersburger Akademiker, durch viele Länder geworfen, um die Natur zu erforschen“, verkündet der selbstverfasste Grabspruch, „ruht hier endlich aus.“ Die Zeitgenossen schätzen ihn als einen der größten Naturforscher neben Linné und Buffon. Als einer der letzten Universalgelehrten leistete er in Zoologie und Botanik, Geologie und Mineralogie, Ethnographie und Linguistik bahnbrechende Beiträge.

Geboren wurde Pallas 1741 in Berlin als Sohn des ersten Wundarztes an der Charité, Simon Pallas. Er war ein hochbegabtes Kind, das bald Französisch, Lateinisch und Englisch fließend sprach; später kamen noch Griechisch, Russisch und Tatarisch hinzu. Mit 13 Jahren begann er, Medizinvorlesungen an der Charité zu besuchen. Sein Lieblingsgebiet, die Zoologie, erschloss er sich autodidaktisch. In Berlin, Halle und Göttingen studierte er Mathematik und Physik, mit 19 Jahren verteidigte er seine Dissertation über die Eingeweidewürmer, in der er eine ungenaue Klassifikation von Linné zurechtrückte. Danach setzte er seine naturgeschichtlichen Forschungen in Oxford und London fort. Diesem Aufenthalt schrieb einen wesentlichen Anteil seiner Charakterbildung zu: „Mich dünkt, ich ward in der englischen Luft gesetzter, nachdenkender und witziger.“

Sein Vater in Berlin drängte ihn vergeblich, sich als praktischer Arzt niederzulassen. Pallas wollte naturkundlich forschen, fand aber in Deutschland, Holland und England keine Anstellung. 1768 erfolgte der Ruf der Akademie der Wissenschaften zu Sankt Petersburg, als Führer einer großen Expedition Sibirien zu erkunden.

Forschungsreisen durch Sibirien waren damals mit ungeheuren Strapazen und Risiken verbunden. Der Student Nikolai Rytschkow wurde „wegen schwächlicher Leibesbeschaffenheit“ zurückgeschickt. Pallas’ Kollege J. P. Falck beging 1774 vor Erschöpfung Selbstmord. Samuel Gmelin wurde im südlichen Grenzgebiet von einem persischen Khan entführt und starb in der Gefangenschaft, während er auf das geforderte Lösegeld wartete. Pallas selbst wurde „beinahe von umherstreifenden Kosaken erschossen“ und kehrte nach sechsjähriger Expedition 1774 nach Petersburg zurück „mit einem entkräfteten Körper und schon im dreyunddreißigsten Jahre grauenden Haare.“

Seine 2000 Seiten umfassende „Reise durch die verschiedenen Provinzen des Russischen Reiches“ wurde rasch zu einer der meistgelesenen Schriften des 18. Jahrhunderts. Darin beschrieb Pallas nicht nur ausführlich Pflanzen und Tiere der erkundeten Landschaften, sondern auch als Völkerkundler minutiös die Sitten und Gebräuche der Menschen, als Ökonom und Techniker Bergwerke, Maschinen und Festungsanlagen, als Geologe Gebirgsformationen und Salz- und Kohlelager. Zudem berichtete er vom seltenen Fund eines 600 Kilogramm schweren Meteoriten.

Pallas war Mitglied der wissenschaftlichen Akademien von Berlin, London, Paris und Stockholm. Von sich selbst sagte er: „Ich danke dem Himmel, dass er mir Geduld und ein frohes Gemüt, welches sich nicht leicht dem Gram hingibt, verliehen hat.“ Anspruchslos, bescheiden, zurückhaltend bis zur Menschenscheu, hielt er sich von Intrigen und Querelen der Petersburger Akademiker fern.

Sein Arbeitseifer war immens, die einzige Leidenschaft war das Reisen. Nie, sagte er, sei ihm das Leben so angenehm verflossen wie während seiner Wanderungen. 1793 brach er – „des Getümmels und der übertriebenen Geselligkeit der großen Residenzstadt überdrüssig“ – zu einer weiteren Reise auf. Er erforschte den Kaukasus und die Krim, wo er sich schließlich in einem Haus in Simferopol niederließ, das Zarin Katharina ihm nebst zwei Dörfern samt Weinbergen geschenkt hatte.

Ein Unfall auf einem vereisten Fluss hatte seine Gesundheit ruiniert: Er war eingebrochen und danach noch 37 Kilometer weitergefahren, ohne die Kleidung zu wechseln. Seither war er so kälteempfindlich, dass er auch in geheizten Räumen stets einen Pelz trug.

Nach 41 Jahren kehrte Pallas nach Berlin zurück. Er wohnte in der Friedrichstraße 21 und arbeitete an seinem großen Werk „Zoographica Rosso-Asiatica“, das aber erst 1831 erschien. Pallas starb am 8. September 1811. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof am Halleschen Tor, die Pallasstraße in Schöneberg erinnert an ihn. Johannes Groschupf

Am 18. November ab 14 Uhr findet im Berliner Naturkundemuseum ein Symposium zu Pallas’ Leben und Werk statt. Hörsaal 201, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin. Der Eintritt ist frei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben