Ein Jahr nach der Ölpest : Schwarze Quallen im Golf von Mexiko

Ein Jahr nach der Explosion der Bohrplattform "Deepwater Horizon" sind die Folgen der Ölpest im Golf von Mexiko kaum absehbar. Die sensible Lebewelt der Tiefsee ist besonders betroffen.

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20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.
20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...Foto: dpa

Es dauert eine Weile, bis Mandy Joye von der Universität von Georgia in Athens klar wird, was beim Blick aus dem Fenster des Tauchbootes „Alvin“ fehlt: „Normalerweise recken Würmer ihre Köpfe aus dem Boden und begrüßen uns“, erinnert sich die Meereswissenschaftlerin an frühere Tauchfahrten zum Grund des Golfs von Mexiko. Doch als sich Alvin im Dezember 2010 dem Meeresboden nähert, fehlt die wimmelnde Vielfalt des Lebens. Statt der üblichen unzähligen Seegurken sieht Joye einige tote Schlangensterne im Licht der Scheinwerfer. Ein paar Krabben leben noch, sehen aber auch nicht gesund aus. Wo früher das Leben pulsierte, liegt jetzt eine öde Unterwasserwüste. Am Grund des Golfs von Mexiko bestätigen sich die Befürchtungen der Wissenschaftlerin: Nach der Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ am 20. April 2010 scheint die Ölpest weniger die Küstengewässer, sondern eher die Tiefsee zu treffen.

Denn oben an den Stränden und Schilfgürteln um den Golf von Mexiko sieht man kaum noch Auswirkungen der Katastrophe, die vor einem Jahr auf einer Ölplattform rund 66 Kilometer vor der Küste der USA begann. Angetrieben vom gewaltigen Druck im Gestein schoss eine Mischung aus Erdgas, Erdöl und Bohrschlamm bis zur Bohrplattform und führte dort zu einer gewaltigen Explosion, bei der elf Männer starben. Versagt hatte vor allem ein „Blowout-Preventer“ genanntes 450 Tonnen schweres Bauteil, das genau solche Zwischenfälle schon am Meeresgrund verhindern soll. Zwei Tage nach der Explosion versank die Bohrplattform in den Wellen, 115 Besatzungsmitglieder an Bord waren gerettet worden.

Die Ölpest im Golf von Mexiko
20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Die Unterwasserinstallationen wurden zerstört, aus dem Bohrloch in 1500 Meter Wassertiefe ragten nur noch Reste der bereits eingebauten Rohre aus dem Meeresgrund, aus denen an mindestens drei Stellen Öl strömte. Da in dieser Tiefe weder Taucher noch herkömmliche U-Boote eingesetzt werden können, versuchte die Betreiberfirma BP mit ferngesteuerten Tauchbooten die Lecks zu schließen. Es gab einige Fehlschläge, erst ein Vierteljahr später war das Bohrloch wieder dicht. Insgesamt waren bis dahin rund 650 Millionen Liter Rohöl in das Tiefenwasser des Golfs von Mexiko geschossen. Zusätzlich blubberte bis zu einer halben Million Tonnen Erdgas in das Wasser, berichteten Joye und ihre Kollegen im Februar in der Zeitschrift „Nature Geoscience“ (Band 4, Seite 160).

Anders als bei fast allen anderen Ölunfällen vorher gelangte diese Mischung aus 60 Prozent Öl und 40 Prozent Gas in großer Tiefe ins Wasser. Die Art der Verschmutzung war deshalb anders. Das größte Problem sind normalerweise Ölteppiche, die das Gefieder von Wasservögeln verkleben oder an der Küste in den Untergrund sickern und dort Organismen vergiften. Das geschah im Golf von Mexiko auch. Der Meeresexperte Stephan Lutter von der Naturschutzorganisation WWF erzählt zum Beispiel von Fischern im Golf, die an ihren Austernbänken nichts mehr ernten, weil die Muscheln abgestorben sind. Auch auf die Delfine im Golf scheint sich die Verschmutzung des Oberflächenwassers durch die Ölpest auszuwirken. Die Weibchen des Kleinen Tümmlers gebären im Februar den Delfinnachwuchs, jedes Jahr werden durchschnittlich zwei oder drei dieser Neugeborenen tot an die Nordküste des Golfs geschwemmt. In diesem Februar zählten Naturschützer dagegen 36 tote Delfinbabys an den Küsten, auch im März wurden viel mehr tote Delfinbabys als sonst in dieser Jahreszeit angeschwemmt. Möglicherweise haben die Mütter das Öl aufgenommen und so die empfindlichen Embryonen geschädigt.

Ansonsten verlief die Ölverschmutzung an der Oberfläche vergleichsweise glimpflich. Einen möglichen Grund dafür entdeckten Richard Camilli und Kollegen vom Woods Hole Meeresforschungsinstitut, als sie im Juni 2010 den Golf in der Nähe des Bohrlochs mit einem Tauchroboter erkundeten. In 1200 Metern Tiefe entdeckten sie eine Ölwolke, die mindestens 35 Kilometer lang, rund zwei Kilometer breit und 200 Meter hoch war. Offensichtlich wurde eine große Menge der ausgetretenen Flüssigkeit in der Tiefe mit den Strömungen verteilt.

Ein Teil des Öls rieselt als Blizzard aus schwarzen Flocken auf den Grund des Golfs und bildet dort eine lockere Masse, die ein wenig an Mousse au Chocolat erinnert, aber für viele Organismen giftig ist. Selbst in einer Entfernung von 130 Kilometern vom Bohrloch finden die Forscher diese Masse, in der sehr viele tote Würmer stecken, die normalerweise im Meeresgrund leben.

Weil über das Leben in der Tiefsee ohnehin wenig bekannt ist und die Wissenschaftler nur Stichproben vom Meeresgrund sammeln, die erst etliche Monate später fertig ausgewertet sind, dürfte es lange dauern, bis die Auswirkungen der Ölpest auf das Leben in der Tiefe eingeschätzt werden können.

Teilergebnisse liegen bereits vor. So beobachtete Charles Fisher von der Pennsylvania State University im Oktober mit dem ferngesteuerten Tauchboot „Jason“ am Meeresgrund Tiefseekorallen, die von einer braunen, öligen Schicht bedeckt waren und offensichtlich nicht mehr lebten. Zwischen diesen Korallen leben gewöhnlich viele farbenprächtige Gorgonenhäupter, die zu den Schlangensternen gehören und mit den Seesternen nahe verwandt sind. Normalerweise ziehen sie ihre langen Arme durchs Wasser und schieben das so gefangene Plankton ins Maul. Doch jetzt hingen die Arme schlaff an den leichenblassen Gorgonenhäuptern – auch die Lebensgemeinschaft der Tiefseekorallen scheint erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Und dann gibt es noch die merkwürdigen Quallen. Normalerweise sind sie, wie überall sonst auf der Welt, durchscheinend oder rosa. Inzwischen tauchen im Golf von Mexiko aber immer wieder Tiere auf, die dunkel gefärbt sind oder sogar völlig schwarz.

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