• „Einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren“ Wie die medizinische Forschung Berlin voranbringt

Wissen : „Einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren“ Wie die medizinische Forschung Berlin voranbringt

Foto: Ekko von Schwichow
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Herr Stock, vor drei Jahren starteten Berlin und Brandenburg den „Masterplan Gesundheitsregion“. Auch andere deutsche Großstädte haben medizinische Spitzenforschung und sind Standorte großer Firmen. Was ist so besonders am Masterplan?

Dass eine ganze Region sich aufgemacht hat, um sich auf das Feld „Gesundheit“ zu konzentrieren. Wir haben gute Chancen, zum leistungsstärksten Zentrum der Gesundheitswirtschaft in Deutschland zu werden. 350 000 Berliner und Brandenburger arbeiten in diesem Bereich. In der Öffentlichkeit wird Gesundheit heute viel zu sehr als Kostenfaktor wahrgenommen, das möchten wir ändern.

Was bringt die Branche der Region?

Die Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft ist hier seit 1996 fast dreimal so stark gewachsen wie in der gesamten Wirtschaft, um fast 30 Prozent. Der Bruttonutzen beläuft sich auf 14 Milliarden Euro. Damit sind wir einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren.

Kann man das alles in einen Topf werfen: Ärzte, Pflegekräfte und all die anderen Mitarbeiter in Krankenhäusern, Pharmafirmen, Gerätehersteller und Unternehmer, die in Wellness investieren?

In der Gesundheitsbranche gibt es immer noch eine starke Trennung zwischen denen, die die Versorgung machen, denen die forschen und denen, die Produkte herstellen. Wir möchten alle miteinander ins Gespräch bringen. So haben wir verschiedene Ansätze für Telemedizin, etwa an der Charité, in Brandenburg (Havel) und in Cottbus. In einem Flächenland wie Brandenburg ist diese Möglichkeit der Kommunikation zwischen Behandlern und Patienten sehr segensreich. Doch wir müssen die Systeme vereinheitlichen. Nur so können wir sie rund um die Uhr anbieten.

Zwischen den Krankenhäusern in Berlin und im Umland gibt es harte Konkurrenz. Ein Masterplan dürfte kaum ausreichen, um Harmonie zu schaffen.

Natürlich gibt es auf den verschiedensten Feldern immer wieder Interessenkonflikte, und natürlich liegen manchmal die Nerven blank. Nur haben wir in unserer vergleichsweise armen Region keine Alternative zur Kooperation, wenn wir erfolgreich sein wollen.

Wie wollen Sie mit Gesundheit mehr Arbeitsplätze in der Region schaffen?

Wir haben einiges, womit wir punkten können: Es gibt inzwischen in Berlin und Brandenburg eine gute Start-up-Kultur für Unternehmen aus der Biotechnologie. Und wir haben attraktive Ansiedlungsflächen. Der Gesundheitssektor ist die Chance für eine Re-Industrialisierung der Region. Er ist unabhängig von Rohstoffen, braucht aber flexible, intelligente Arbeitskräfte. Natürlich kämpfen wir auch darum, dass große Firmen ihre Deutschland-Zentralen in Berlin ansiedeln und dass die Steuerung des europäischen Geschäfts hier läuft. Momentan sind das eher Büros, aber wir hoffen auch auf Forschungsabteilungen.

Schering dagegen verliert seinen traditionsreichen Namen, der auf eine echte Berliner Gründerpersönlichkeit zurückgeht.

Das sehe ich persönlich natürlich mit Wehmut, schließlich habe ich 25 Jahre dort gearbeitet. Und der Name, der jetzt nur noch in der Schering-Stiftung erhalten bleibt, ist mit Innovation verbunden. Über die emotionalen Aspekte hinaus ist aber entscheidend, dass der Standort für die Beschäftigten und für die Forschung erhalten bleibt.

Städte wie Hamburg und München, aber auch Köln sind in Sachen Gesundheitswirtschaft eine starke Konkurrenz.

Das stimmt, aber für die Firmen kann es ein wichtiges Argument sein, in der Bundeshauptstadt präsent zu sein. Wir haben den leuchtenden Namen „Charité“ zu bieten – das größte Uniklinikum Europas ist eine „Marke“, die überall in der Welt hohes Prestige genießt. Das übersieht man hier in der Stadt manchmal.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner.

Günter Stock (66) ist Sprecher des Netzwerks „Gesundheitswirtschaft / Health Capital Berlin-Brandenburg“ und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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