Erderwärmung : Prima Klima für tierische Einwanderer aus dem Süden

Die globale Erwärmung ist schlecht für die Artenvielfalt. Doch manche Tiere profitieren auch vom Klimawandel.

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Der Kleine Sonnenröschen-Bläuling breitet sich schneller nach Norden aus als viele andere Arten.
Der Kleine Sonnenröschen-Bläuling breitet sich schneller nach Norden aus als viele andere Arten.Louise Mair / Science

Der Kleine Sonnenröschen-Bläuling ist ein unauffälliger Zeitgenosse. Die orange-braunen Flügel des Schmetterlings haben gerade mal eine Spannweite von zweieinhalb Zentimetern. Trotzdem zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Denn der einst in Mitteleuropa seltene Schmetterling hat einen Rekord aufgestellt: Dank des Klimawandels konnte er in den letzten 20 Jahren sein Verbreitungsgebiet im Vereinigten Königreich etwa 79 Kilometer nach Norden ausdehnen. Damit ist er doppelt so schnell wie andere Arten, schreiben Rachel M. Pateman von der Universität von York und ihre Kollegen im Fachblatt „Science“. Der Schmetterling dürfte damit zu den Gewinnern der globalen Erwärmung gehören.

Obwohl der Schmetterling trockene Wärme liebt, ist das nicht selbstverständlich. Denn zumindest in Großbritannien zählte er bislang zu den Spezialisten. Seine Eier legte er fast ausschließlich auf Sonnenröschen und somit an sonnigen Südhängen ab. Seit den 90er Jahren sichten ihn Amateure jedoch auch in Gegenden, wo die Sonnenröschen rar sind oder gar nicht vorkommen. Durch die wärmeren Sommer ist der Schmetterling offenbar nicht mehr an eine einzelne Futterpflanze gebunden, sondern kann sein Territorium vergrößern.

Killerwale erobern sich arktische Gewässer.
Killerwale erobern sich arktische Gewässer.AFP

Auch andere Arten wandern nach Norden. Seit das Eis in den arktischen Gewässern schmilzt, versuchen Killerwale dort jedes Jahr ab Juli ihr Glück. Sie jagen, was immer sie erwischen können. Wie eine Befragung von Inuit-Jägern in Nordkanada ergab, fressen sie keinen Fisch, sondern vor allem Säugetiere: Narwale, Robben und sogar die viel größeren Buckelwale. Wie ein Rudel Wölfe kreisen sie die Beute ein und manövrieren sie in tieferes Wasser. Dort greifen sie koordiniert an, während dem Opfer kein Ausweg auf oder unter eine Eisscholle bleibt.

Auf der anderen Seite des Globus gehören die Wanderalbatrosse zu den Profiteuren des Klimawandels. Auf halbem Wege zwischen Madagaskar und der Antarktis liegen die Crozetinseln, wo französische Biologen seit 40 Jahren die größten Seevögel der Welt beobachten. Sie statten die Albatrosse mit Sendern aus, um per Satellit ihre Flugrouten zu protokollieren. Außerdem überwachen die Forscher den Nachwuchs der Riesenvögel und wiegen die Elternpaare. Acht Kilo bringt ein Weibchen im Durchschnitt auf die Waage, zehn Kilo ein Männchen.

Überrascht stellten Henri Weimerskirch und seine Kollegen vom französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung sowie vom Umweltforschungszentrum (UFZ) in Leipzig fest, dass die Vögel in den letzten zehn Jahren ein Kilo zugenommen hatten, obwohl sie ihre Futtersuchflüge von 13 auf neun Tage verkürzten. Wie die Forscher Anfang 2012 in „Science“ berichteten, haben sich die Windverhältnisse auf der Südhalbkugel zugunsten der Albatrosse verändert.

Die Wanderalbatrosse kehren schneller von ihren Futtersuchflügen zurück.
Die Wanderalbatrosse kehren schneller von ihren Futtersuchflügen zurück.CNRS

Rund um die Antarktis gibt es ein Band mit heftigen Westwinden. Diese Winde sind über die Jahre stärker geworden und haben sich nach Süden verlagert. Die Heimat der Wanderalbatrosse liegt nun mittendrin in diesem Band. Die geübten Segelflieger, die sich vom Wind in die Höhe tragen lassen und dann über den Ozean gleiten, kommen dadurch 15 Prozent schneller voran. Besonders während der Brutzeit ist das wichtig: Sie kehren vier Tage eher zum Nest zurück, um ihren fastenden Partner abzulösen. Gleichzeitig macht sie das höhere Gewicht widerstandsfähiger gegen Stürme.

Fette Jahre vermeldeten Forscher auch für eine Kolonie gelbbäuchiger Murmeltiere im US-Staat Colorado. Die Tiere leben in 3000 Meter Höhe und verschlafen sieben bis acht Monate des Jahres. Den Rest der Zeit müssen sie sich sputen: fressen, Nachwuchs zeugen und wieder Gewicht zulegen, um den nächsten Winterschlaf zu überstehen. Der Klimawandel gibt ihnen dafür etwas mehr Zeit, schrieben die Forscher im Fachjournal „Nature“. Durch die höheren Temperaturen wachen sie früher auf, sind früher mit der Aufzucht der Jungen fertig und können sich danach ein dickeres Fettpolster anfuttern. Das höhere Gewicht lässt sie nicht nur den Winter besser überdauern, sie pflanzen sich auch erfolgreicher fort. Seit 2001 wächst die Kolonie nicht mehr durchschnittlich um 0,6 Tiere, nun kommen Jahr für Jahr 14 Murmeltiere dazu.

Auch das Gelbbäuchige Murmeltier gehört zu den Siegern.
Auch das Gelbbäuchige Murmeltier gehört zu den Siegern.Ben Hulsey

Die Liste der Krisengewinnler lässt sich fortsetzen. Die weltweit nördlichste frei wachsende Palmenpopulation befindet sich am Alpensüdfuß im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Norditalien – eine Auswilderung aus Parks und Gärten, die erst durch verhältnismäßig milde Winter möglich wurde, wie Gian-Reto Walther von der Universität Bayreuth meint. Der Bienenfresser, ein bunter Vogel aus Südeuropa und Nordafrika, ist im Prinzip bereits in Deutschland heimisch. Und der Admiral, ein prächtiger Wanderfalter aus dem Süden, überwintert mittlerweile selbst auf Rügen.

„Der Klimawandel ist zunächst nur ein Faktor in der Evolution der Arten. Manche Tiere passen sich besser an und manche schlechter“, sagt Axel Meyer, Evolutionsbiologe von der Uni Konstanz. „Da muss es Profiteure geben, so ist das Leben.“ In den gemäßigten Breitengraden könne die Erderwärmung vorübergehend zu einer größeren Artenvielfalt führen. „Schwierig ist, dass das alles sehr schnell geht und es noch mehr von Menschenhand geschaffene Probleme gibt. Wir befinden uns wie zuvor fünf Mal in der Erdgeschichte in einer Phase des Massenaussterbens.“

Selbst wenn die Zahl der Arten in einer Region auf dem Papier gleich bleibt, sei das kein Nullsummenspiel, betont der Biologe Walter Jetz von der Universität Yale in New Haven. Denn die Art, die ausgestorben ist, füllte möglicherweise eine gänzlich andere ökologische Nische aus als die Neuzuwanderer aus dem Süden. „Das kann immer einen Dominoeffekt geben, egal ob ein Räuber sich neu etabliert und das Ökosystem von oben aufmischt oder ein Beutetier plötzlich als Nahrungsquelle fehlt oder eine Mikrobe neue Krankheiten einschleppt“, sagt Jetz.

Einzelstudien wie die des Sonnenröschen-Bläulings seien zwar interessant. Aber für die Regionen der Welt mit der größten Artenvielfalt wisse man nicht einmal, was dort überhaupt in welcher Verbreitung existiert. Geschweige denn, wie sich der Klimawandel auswirkt.

Jetz hat daher eine digitale „Landkarte des Lebens“ („Map of Life“) initiiert, die als Demoversion im Internet zugänglich ist. Sie soll ein interaktives Instrument zur Analyse der Artenvielfalt sein. Ähnlich wie bei Wikipedia können Forscher, Museen und Amateure dort nun ihre Daten einspeisen und die Verbreitungsgebiete der jeweiligen Arten visualisieren.

Während die Niederlage für viele Arten endgültig sein wird, ist der Sieg der Profiteure mitunter nur vorübergehend. Das Windband, das die Wanderalbatrosse fetter werden lässt, zieht weiter. Noch wärmere Sommer könnten für die Murmeltiere weniger gutes Futter bedeuten. Und das arktische Buffet der Killerwale ist durch die neuen Räuber mitunter bald auch nicht mehr so reichhaltig gedeckt. Auch für den Sonnenröschen-Bläuling ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, betont Oliver Schweiger vom UFZ. „Die Ausbreitung nach Norden ist nur eine Seite der Medaille“, sagt er. „Die andere ist der Rückzug aus dem Süden. Netto kann der Schmetterling durchaus ein Verlierer sein.“

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