Ethnologie : Mit den Indianern auf Augenhöhe

Von Ureinwohnern lernen: Museum Dahlem und FU arbeiten an einem völlig neuen Ausstellungskonzept für den Umzug nach Mitte.

Claudia Keller
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Kritische Bestandsaufnahme. Museumsdirektorin Viola König (Mitte) und Kollegen.Foto: Thilo Rückeis

Der Raum ist abgedunkelt. Nur ein paar geheimnisvolle Fratzen treten aus dem Düsteren hervor. Es sind Masken, mit denen Schamanen Ritualtänze aufgeführt haben. Der kleine Museumsgast steht gebannt vor der Vitrine mit den Nachbildungen der „Vogelmonster“ und greift die Hand der Mutter. So läuft das Geschäft mit dem Fremden seit Jahrhunderten: Wer ihm begegnet, soll staunen und sich ein bisschen gruseln. So inszeniert auch das Ethnologische Museum in Dahlem seine Sammlungen, wo der Junge an diesem Mittwochnachmittag vor der Vitrine steht.

Diese Sicht auf die fremden Dinge soll sich aber grundlegend ändern. Wenn das Stadtschloss eines Tages wiedererrichtet sein wird, zieht das Ethnologische Museum von Dahlem in Berlins Mitte, in das Humboldt-Forum. Und während noch immer darüber gestritten wird, wer das Humboldt-Forum wie aufbauen darf, sind die Ethnologen in Dahlem schon dabei, etwas sehr Ungewohntes auf den Weg zu bringen. „Wir wollen weg von der rein europäischen Sichtweise, die über die fremden Kulturen aufklärt“, sagt Viola König, die Direktorin des Dahlemer Museums bei einem Rundgang durch die Sammlung. „Wir wollen gemeinsam mit den indianischen Gemeinschaften ein neues Konzept erarbeiten.“ Darin soll auch nicht mehr nur die Vergangenheit ihren Platz finden, sondern auch das Leben der heutigen Indianer. Ein Nachfahre der nordamerikanischen Kwakiutl habe einmal amüsiert zu ihr gesagt: „Was stellt ihr immer nur unsere Vergangenheit aus?“, erzählt König. „Wir leben doch!“

Die Museumsdirektorin ist eine kleine zierliche Frau, die Leggings zum Kleid trägt. An diesem Nachmittag im August schlendert sie mit fünf anderen Wissenschaftlern vom Museum und vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität durch die düsteren Museumsräume. Sie bleiben hier und da stehen, deuten auf dieses und jenes Exponat und diskutieren, wie sie in den nächsten Monaten vorgehen. 438 000 Euro hat das Bundesforschungsministerium für die Entwicklung einer neuen Ausstellung bereitgestellt, drei Jahre lang werden sechs Wissenschaftler an dem Projekt „Eine Geschichte – Zwei Perspektiven“ arbeiten.

Wobei der Begriff „Ausstellung“ viel zu klein ist für das, was dem Team vorschwebt. Das klassische Museum, so wie es im 19. Jahrhundert erfunden wurde, sollte die Dinge für die Nachwelt bewahren. Aber wer etwas aufbewahrt, erzählt und deutet auch die Geschichte der Dinge, alleine dadurch, wie er sie aufbewahrt. Und darum soll es in Zukunft verstärkt gehen: Wer erzählt welche Geschichte? „Museen der Zukunft werden vor allem Kommunikationszentren sein“, sagt Viola König, „Häuser, wo sich Menschen über Ozeane hinweg austauschen, wo verschiedene Perspektiven zusammenkommen.“ Videoschaltungen, Internetkonferenzen machen alle zu Einheimischen des globalen Dorfes. Anstatt ehrfürchtig hölzerne Masken zu bewundern, könnten zum Beispiel die Berliner und die Kwakiutl-Indianer in Nordamerika per moderner Technik gemeinsam alte Rituale entdecken und Feste feiern. Die Masken würden aus ihrem hundertjährigen Museumsschlaf erwachen.

Die Ethnologin Tina Brüderlin nickt begeistert, als Viola König von der Zukunft schwärmt. „Die gesamte westliche Museumslandschaft ist im Umbruch“, sagt Brüderlin, Projektmitarbeiterin am John-F.- Kennedy-Institut. Überall denken Kuratoren darüber nach, wie man fremde Kulturen darstellen kann, ohne in die Klischees vom Exotischen und Gruselig-Faszinierenden zurückzufallen. Ohne die Konfrontation von „Wir“ und „Ihr“. Vor drei Jahren wurde in Paris das „Musée du Quai Branly“ für außereuropäische Kunst und Kultur eröffnet. Dort ist es in den Räumen noch dunkler, die Vitrinen sind noch dramatischer ausgeleuchtet. Das Fremde wird als eine reine Kunstwelt inszeniert. Das „National Museum of the American Indian“ in Washington geht seit fünf Jahren den umgekehrten Weg: Indianer haben die Ausstellung selbst konzipiert. Neben traditionellen Kunstgegenständen werden Campingstühle und Geschirr von Walmart präsentiert, um zu zeigen, wie die Menschen heute leben. „Letztlich ist keine Variante geglückt“, sagt Tina Brüderlin. In Washington protestierten die Besucher, sie würden zu wenig über die Vergangenheit der Kulturen erfahren. Nun wird die Ausstellung überarbeitet. „Die Erwartungen der Besucher müssen natürlich auch bedient werden“, sagt Viola König. Das müsse man den indianischen Gemeinschaften auch vermitteln, sie aber gleichzeitig fragen, was sie den Europäern mitteilen möchten. „Wir wollen einen Dialog auf Augenhöhe.“

Die Dahlemer Wissenschaftler bleiben vor einem hölzernen, fein verzierten Thronsessel hinter Glas stehen. Ein Häuptlingssessel. Ein Schild erklärt, dass der norwegische Kapitän Johan Adrian Jacobsen den Stuhl Ende des 19. Jahrhunderts im Dorf Bella Bella in Nordamerika sah. Der Stuhl war nicht käuflich. Jacobsen beauftragte einen Schnitzer, den Sessel für das Berliner Völkerkundemuseum nachzubauen. Viele der Exponate in Dahlem stammen von Jacobsen. Einige gehen aber sogar auf die Erkundungsfahrten von James Cook im Jahr 1778 zurück. Die Wissenschaftler wollen in den nächsten Jahren die Geschichte möglichst vieler Objekte herausfinden und im Humboldt-Forum ausführlich über die Handelsverflechtungen zwischen den westlichen Entdeckern und den indianischen Gruppen informieren, sozusagen über die Geschichte hinter der Geschichte. Auch wisse man nicht genau, wie groß die Dahlemer Sammlung indianischer Kulturen eigentlich ist. Von den rund 25 000 ethnografischen Objekten aus Nordamerika stammen weit mehr als 7000 von der Nordwestküste, vermutet König. Nur ein Teil ist ausgestellt. Auch das soll sich ändern. Künftig will man nicht mehr nur einzelne Objekte in Szene setzen, sondern die Vielfalt aus den Magazinen zeigen. Der Museumsgast soll prall gefüllte Schubladen aufziehen können.

Viola König deutet auf ein Foto, das neben zwei „Grizzlybär-Hauspfosten“ hinter Glas hängt. 1998 kam eine sechsköpfige Delegation des Stammes der Haida aus Nordamerika nach Dahlem, um sich die Gegenstände ihrer Vorfahren anzuschauen. Das Interesse der heute lebenden Indianer an der eigenen Geschichte sei sehr gewachsen, sagen die Ethnologen. Gesunkene Flugpreise ermöglichen den Besuch in Europa. Die bisher eher zufälligen Begegnungen wollen die Dahlemer Wissenschaftler nun zu festen Verbindungen verknüpfen, Reisen nach Nordamerika, Kanada und Alaska sind im Budget ebenso eingeplant wie Einladungen an die Amerikaner, nach Dahlem zu kommen. 1997 hatten betagte Frauen und Männer der Eskimos von der Pazifikküste Alaskas drei Wochen lang die Ausstellungsstücke ihrer Großväter in Dahlem untersucht und das Wissen der Ethnologen angezapft. Denn nur noch wenige Eskimos wissen, wozu welche Geräte verwendet wurden. „Viele von uns scheinen seit Jahren in Dunkelheit zu leben“, hat damals Paul John, das Oberhaupt der Yup’ik, geschrieben. „Jetzt sind in diesem weit entfernten Ort auf der anderen Seite des Ozeans, in Berlin, Informationen über unsere Wurzeln aufgetaucht. Jetzt, wo das Wissen heraus ist, hoffe ich, dass unsere gemeinsame Arbeit aufgeschrieben und auch unseren Leuten präsentiert wird.“ Wie es scheint, haben sich die Dahlemer Wissenschaftler seine Vision zu Herzen genommen und als Auftrag für die Zukunft verstanden.

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