Evolution : Die selbstlosen Gene

Menschen arbeiten zusammen und opfern sich für andere auf. Steckt der Sozialismus schon in den Erbanlagen?

Hartmut Wewetzer
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Im Wettkampf vereint. Evolutionsbiologen versuchen zu verstehen, warum der Mensch ein ausgesprochen soziales Wesen ist. Foto:...vario images

Der Erfolg des Menschen, sein Aufstieg zum Beherrscher des Planeten, ist vor allem auf Teamarbeit zurückzuführen. Gemeinsames Jagen und Kämpfen, das Anlegen von Siedlungen und Straßen, das Gedeihen von Handel und Wandel, von Forschung und Technik, von Rechtssystemen und Staaten – Beispiele, wie Zusammenarbeit den Homo sapiens zu dem gemacht hat, was er ist.

Bis heute haben Biologen jedoch Probleme damit, Gemeinsinn und Selbstlosigkeit mit der Evolution zu erklären. Wie kann die natürliche Auslese ausgerechnet soziales Verhalten, den Zusammenhalt in der Gruppe fördern? Der Streit darüber, ob es neben „egoistischen“ auch „altruistische“ Gene gibt, ist erneut entbrannt. Während der Harvard-Biologe Martin Nowak bereits von der Kooperation als dritter Säule der Evolution spricht – neben der natürlichen Auslese und der Mutation, also dem Entstehen neuer genetischer Varianten, lästert der Evolutionstheoretiker Richard Dawkins über den „Gruppenwahn“.

Schon Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, bereitete der Altruismus Kopfzerbrechen. Denn ein Mensch, ein „Wilder“, wie Darwin schrieb, der seine Interessen der Allgemeinheit unterordnete, riskierte schwere Nachteile. Er würde sich für andere opfern und selbst keine Nachkommen haben. Als Mitspieler auf der großen Bühne des Lebens hätte er verloren.

Aber was für den einzelnen „Wilden“ von Nachteil sein würde, könnte seiner Sippe nützen, räsonierte Darwin. „Ein Stamm, in dem sich viele Mitglieder gegenseitig helfen und sich für die Gruppe aufopfern, wäre siegreich gegenüber den meisten anderen Stämmen; und das würde natürliche Selektion sein.“ Die Idee der Gruppenauslese war geboren.

Dem Gedanken der Gruppenselektion widerfuhr ein heftiges Auf und Ab. Mitte des 20. Jahrhunderts hatte er Hochkonjunktur. Der populäre Verhaltensforscher Konrad Lorenz gehörte zu seinen bekanntesten Verfechtern. Lorenz propagierte die Idee der Arterhaltung. Danach handeln Tiere gegenüber Artgenossen altruistisch, um das Überleben der Art nicht zu gefährden. Lorenz sah dabei auch eine „Tötungshemmung“ im Spiel. Ein unterlegener Wolf bietet dem Sieger seine Kehle zum tödlichen Biss dar – aber der Sieger lässt den Verlierer laufen, hat er doch das Wohl aller Wölfe im Sinn. Gegenbeispiele übersah Lorenz geflissentlich.

Dann betrat eine neue Generation von Evolutionsbiologen die Bühne und zweifelte an der Arterhaltung. Stattdessen rückte das einzelne Lebewesen in das Zentrum der Evolution. Noch weiter ging Richard Dawkins, der in seinem Buch „Das egoistische Gen“ (1976) die Idee vertrat, dass es die einzelnen Erbanlagen sind, die das wesentliche Element der Evolution darstellen. Dawkins formulierte das bis heute gültige Argument gegen die Gruppenauslese: Subversion von innen. Jede selbstlos handelnde Gruppe von Lebewesen ist dem Verderben ausgeliefert, wenn jemand unter ihnen ist, der den Altruismus der anderen ausnützt und sie übers Ohr haut. Der Sozialismus hatte es schon immer schwer.

An die Stelle der Gruppen- trat die Verwandtenselektion: Lebewesen handeln deshalb zum Wohle anderer, weil sie mit diesen verwandt sind, also viele Gene gemeinsam haben. Kooperieren etwa die Schimpansen einer „versippten“ Gruppe miteinander, dann erhöhen sie auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit, dass sich die gemeinsamen Gene verbreiten. Auch in scheinbar altruistischen Tiergruppen ziehen also hinter den Kulissen die egoistischen Gene an den Strippen.

Eine Erklärung für soziales Verhalten jenseits der Verwandschaft lieferte Robert Trivers, heute an der Rutgers-Universität in New Jersey. Seine Theorie des „reziproken Altruismus“ funktioniert nach dem Motto „Kratzt du mir meinen Rücken, kratz’ ich dir deinen“.

Um die Zusammenarbeit großer Gruppen zu erklären, reicht aber Trivers’ Theorie nicht aus. Martin Nowak nimmt an, dass ein „guter Ruf“ eine entscheidende Rolle spielt. Die Glaubwürdigkeit einer Person, ihre Reputation, soll vor Betrügern schützen, die die Selbstlosigkeit einer Gruppe aushöhlen. Auch Bestrafung könnte eine Rolle spielen, glaubt Ernst Fehr von der Universität Zürich. Sie schreckt Trittbrettfahrer ab und erleichtert es Menschen, guten Gewissens in eine Gruppe zu investieren.

Vielleicht ist auch der Kampf der Ursprung des Gemeinsinns, möglicherweise gar der Kultur. Das jedenfalls legt eine Studie von Samuel Bowles vom Santa-Fe-Institut in New Mexico nahe, die vor Kurzem im Fachblatt „Science“ erschien und die an Darwins Gedanken über die „Wilden“ anknüpft. Bowles studierte archäologische Spuren von menschlichen Jäger-undSammler-Gemeinschaften, die 50 000 Jahre zurückreichen. Etwa jeder siebte Mensch kam zu jener Zeit durch Kampfhandlungen ums Leben, meist durch Angriffe oder Hinterhalte anderer Gruppen – ein viel höherer Anteil der Population als im 20. Jahrhundert, trotz zweier Weltkriege und weiterer schwerer Konflikte.

Bowles kalkulierte die „Überlebenschancen“ von Erbanlagen, die selbstloses Verhalten fördern. In Friedenszeiten haben sie schlechte Chancen. Anders sieht es aus, wenn Streitigkeiten mit anderen Clans an der Tagesordnung sind. Krieg fördert den Zusammenhalt in der Gruppe und ihr Überleben, belohnt also den Altruismus. Das bedeutet, dass in dieser Situation auch selbstlose Gene eine Chance haben, im Genpool zu überleben und sich zu vermehren.

Paradox, dass ausgerechnet der Streit der Geburtshelfer des Gemeinsinns gewesen sein könnte – ohne den keine Zivilisation überleben kann. Vielleicht verbirgt sich in dieser Theorie auch eine Erklärung für die Neigung des Menschen, sich bei jeder Gelegenheit unter das Dach einer Partei oder Gruppe zu flüchten.

Zwar ist es ebenso faszinierend wie naheliegend, die Auswirkungen der Gruppenauslese auf den Menschen zu studieren. Aber diese ist nicht auf Homo sapiens beschränkt, sondern wirkt nach Ansicht ihrer Verfechter im ganzen Reich des Lebendigen. Der bekannteste Vertreter der „neuen“ Gruppenselektion ist der Amerikaner Edward Wilson, Ameisenforscher an der Harvard-Universität. Gemeinsam mit seinem Namensvetter David Sloan Wilson von der New Yorker Binghamton-Universität streitet Edward Wilson vehement für die Idee, dass Gemeinschaften von Lebewesen eine natürliche Auslese durchlaufen und sich gegen andere Gruppen durchsetzen.

Bei Bakterien, Schleimpilzen, Bienen, Käfern und Hühnern sehen die Wilsons ebenso wie beim Menschen die Gruppenselektion am Werk. Diese habe „starken Einfluss“ auf die genetische und kulturelle Evolution des Menschen gehabt, schreiben sie in „Spektrum der Wissenschaft“. Die individuellen Unterschiede in der „Fitness“ der Gruppenmitglieder seien in der egalitären Gruppe in den Hintergrund getreten, allzu dominante Männer würden in die Schranken gewiesen.

Inzwischen ist auch die verpönte Arterhaltung auferstanden. Als „Spezies-Auslese“ formt sie die Eigenschaften einer Art und erleichtert so ihr Überleben und ihre weitere Entwicklung. Manche Forscher gehen so weit, dass sie ganzen Lebensgemeinschaften einen eigenen Auslesemechanismus unterstellen. Etwa Bakterien, die nicht selten in Kollektiven mit vielen Arten zusammenleben.

Noch ist nicht klar, ob es sich bei der Gruppenauslese und ähnlichen Vorgängen lediglich um Randnotizen der Evolution handelt, um „barocke Elemente“, wie das Magazin „New Scientist“ kommentierte. Noch sehen die meisten Biologen bei der natürlichen Auslese Gene oder einzelne Lebewesen im Mittelpunkt. Und letztlich muss sich die biologische Evolution in den Erbanlagen niederschlagen. Aber das egoistische Gen ist herausgefordert wie selten zuvor.

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