Evolution : “Fliegende Lemuren“ sind die nächsten Verwandten der Primaten

Baum des Lebens zeigt, dass Colugos unsere nächsten Verwandten sind, die nicht zu den Primaten zählen.

Michael Hopkin

Mit ihren "Flügeln" und ihren gespenstischen, schwermütigen Augen sehen sie eher aus wie ein Wesen aus einem Comic als aus einem Lehrbuch der Zoologie. Eine Studie zur Evolution zeigt jedoch, dass Colugos die nächsten lebenden Verwandten der Primaten sind.
Colugos - auch "fliegende Lemuren" genannt, was ein wenig verwirrend ist, da sie weder wirklich fliegen können, noch Lemuren sind - mögen wie ein unwahrscheinlicher Kandidat als nächster Verwandter der Primaten, zu denen Affen und Menschen zählen, erscheinen. Evolutionsgenetiker haben jedoch entdeckt, dass wir enger mit diesen Eichhörnchen-artigen Baumbewohnern verwandt sind, als mit anderen nicht zu den Primaten zählenden Säugetieren.
Wissenschaftler unter der Leitung von William Murphy von der Texas A&M University in College Station verglichen die DNA von Dutzenden Spezies, darunter Primaten, Colugos, Spitzhörnchen, Nager und andere Säugetiere, um genetische Veränderungen aufzudecken, die Aufschluss darüber geben, wann sich eine Gruppe im Lauf der Evolution von der anderen abgespalten hat.
Belege für Veränderungen in spezifischen Gensequenzen halfen den Wissenschaftlern, einen Stammbaum zu erstellen. Wie die Forscher in Science (1) berichten, entspringen Colugos als letzte Gruppe von Nicht-Primaten unserer Abstammungslinie, etwa vor 86 Millionen Jahren.
Evolutionsbiologen wussten bereits zuvor, dass sowohl Spitzhörnchen wie Colugos der menschlichen Abstammungslinie zu etwa diesem Zeitpunkt entspringen, sie wussten jedoch nicht, wer am nächsten dran war. "Es war schwierig, sie auseinander zu dividieren", sagt Murphy.
Die Arbeit des Teams zeigt, dass Colugos rund eine Million Jahre später dran waren als Spitzhörnchen.

Nicht fliegende Nicht-Lemuren

Damals waren alle landlebenden Säugetiere eher klein, Maus-artige Insektenfresser, erklärt Murphy. Das Königreich der Tiere wurde noch von Dinosauriern beherrscht. Erst nach dem Verschwinden der Dinosaurier vor ungefähr 65 Millionen Jahren begannen die Säugetiere sich zu diversifizieren, so wie wir sie heute kennen.
Heute kennt man zwei Arten von Colugos: Cynocephalus, die auf den Philippinen leben und von der International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources als gefährdet eingestuft werden, und Galeopterus, die in Südostasien weiter verbreitet sind.
Echte Lemuren, von denen die Colugos ihren Spitznamen "fliegende Lemuren" haben, sind Primaten wie Affen und wir.
Wie kamen Colugos also zu einem so verwirrenden Spitznamen? "Möglicherweise weil sie gleiten - sie fliegen nicht wirklich - und irgendwie komisch aussehen, eben wie Lemuren", schlägt Murphy vor.
Das Tier, das heute in keiner Weise berühmt ist, könnte sich aufgrund seines Platzes im evolutionären Stammbaum bald im wissenschaftlichen Rampenlicht wiederfinden. Murphy und seine Kollegen fordern, Colugos auf die Liste der Tiere zu setzen, deren Genom sequenziert werden soll, darunter 30 Säugetierarten.
Der komplette genetische Code der Colugos wäre Wissenschaftlern für den Vergleich mit verschiedenen Primatenarten nützlich. Und man könnte möglicherweise daraus folgern, wie die erste echte Primatenart ausgesehen haben mag, so Murphy.

(1) Janecka, J. E. et al. Science 318, 792-794 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 1.11.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.213. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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