Evolution : Neuer Zweig am Baum des Lebens

Das Nervensystem hat sich zweimal entwickelt.

Kai Kupferschmidt

Die Vorfahren von Schwämmen und Quallen einerseits und dem Rest des Tierreichs andererseits haben sich offenbar viel früher voneinander getrennt als bisher angenommen. Schon als die ersten vielzelligen Lebewesen entstanden, trennten sich offenbar ihre Wege. Höhere Tiere wie zum Beispiel Fische oder Frösche sind demnach nicht die Nachfahren von Quallen, sondern ihre Geschwister. Das berichten Forscher von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der Universität Yale und dem amerikanischen Naturkundemuseum im Fachblatt „Plos Biology“. Das Forscherteam um den Biologen Bernd Schierwater hatte genetische und äußere Merkmale zahlreicher Tiere untersucht, um den evolutionären Stammbaum zu rekonstruieren.

Das Ergebnis bedeutet auch, dass sich das Nervensystem höherer Tiere nicht aus dem einfacheren Nervensystem von Quallen entwickelt haben kann. Stattdessen müssen sich die beiden parallel zueinander entwickelt haben. „Manche Menschen werden geschockt sein, dass die Nervenzellen der Quallen und der höheren Tiere wie der Menschen unabhängig voneinander entstanden“, sagt Schierwater. Im Grunde sei das aber nicht so erstaunlich. Die wichtigsten Gene, die für das Nervensystem benötigt würden, seien schon beim gemeinsamen Vorfahren vorhanden gewesen. Sie hätten dort nur andere Aufgaben erfüllt.

In ihrer Studie identifizieren die Wissenschaftler auch den einfachsten noch lebenden Vielzeller, Trichoplax adhaerens. Das „lebende Fossil“ wurde erst 1883 an der Wand eines Aquariums entdeckt und besteht aus nur vier verschiedenen Zelltypen. Kein anderes lebendes Tier dürfte dem ersten Vielzeller so ähnlich sein. Gerade wegen dieser Einfachheit aber setzt Schierwater große Hoffnungen auf den kleinen Zellhaufen: „Es ist das einfachste Modellsystem um vielzellige Lebewesen zu verstehen.“ Für die weitere Forschung hat Schierwater deshalb bereits einen Krebsforscher in sein Team aufgenommen, der die Zusammenhänge der Krankheit an Trichoplax untersuchen will.

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