Evolution : Warum haben Hühner keinen Bauchnabel?

Wer in einer Schale heranwächst braucht keine Nabelschnur - das evolutionäre Konzept des Huhnwerdens.

Thomas de Padova

Das Ei war jedenfalls lange vor dem Huhn da. Als evolutionäres Konzept ist es uralt. Schon vor vielen Hundert Millionen Jahren produzierten im Meer lebende Schnecken, Würmer oder Seeigel Eier en masse. Als die ersten Lebewesen dann das Meer verließen, exportierten sie ihre erfolgreiche Fortpflanzungsstrategie. Sie gaben sie schließlich auch ans Huhn weiter. Aus dem Weichei war das Landei geworden. Mit Schale.

Wenn sich die Kalkschale als schützende Verpackung um das Hühnerei legt, hat dieses schon eine Entwicklungsstufe hinter sich. Im Eierstock der Henne entsteht zunächst der Dotter. Er enthält alles, was der spätere Nachwuchs braucht. An diese Dotterkugel lagern sich im Eileiter Eiklar und Eihäute an. Kurz bevor die Henne das Ei legt, kommt dann die Kalkschale drumherum.

Warmhalten, ist nun die oberste Devise, damit aus der Keimscheibe, einem kleinen Fleck auf der Außenseite des Eigelbs, ein Embryo heranwächst. So gluckt die Henne. Und brütet. Um die Keimscheibe herum entstehen ein Blutgefäßsystem, das Herz und andere Organe. Das Eiweiß wird aufgebraucht, der Dottersack immer kleiner. Er ist in dieser Phase der wichtigste Energielieferant.

Ein menschlicher Fötus ist bis zur Geburt über die Nabelschnur mit dem Blutkreislauf der Mutter verbunden. Unser Bauchnabel ist ein Überbleibsel davon. Ein Hühnerembryo hat zwar keine solche Verbindung zur Mutter, dafür jedoch eine zum Eigelb: den Dottersackstiel.

„Der Embryo wächst zunächst neben dem Dottersack heran“, sagt Arne Jung von der Klinik für Geflügel der Tierärztlichen Hochschule Hannover. „Aber im Verlauf seiner Entwicklung nimmt der Embryo den Dottersack auf.“ Bevor das Küken schlüpft, zieht es ihn nach innen. Es baut den restlichen Dottersack in seinen Organismus ein. Wenn es schlüpft, kann es noch ein bis zwei Tage von dem Vorrat leben.

An der Stelle, wo der Dottersackstiel nach innen gewandert ist, hat das Küken tatsächlich eine Art Bauchnabel. „Man sieht ein dunkles Häutchen“, sagt der Tierarzt. Aber anders als bei uns, bildet sich dieses Häutchen schnell zurück. Rupft man einem erwachsenen Huhn die Federn, kommt kein Nabel mehr zum Vorschein. Allenfalls bei einer Ultraschalluntersuchung könnte der Tierarzt noch Rudimente des Dottersackstiels erkennen: das „Meckelsche Divertikel“, eine kleine Ausstülpung im Darm. 

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