FH Eberswalde : Liebe auf den zweiten Blick

Mit dem Regionalexpress an die Hochschule – und auf zum Waldcampus. Eberswalde gibt sich Mühe, ein attraktiver Studienort zu sein – auch für Abiturienten aus Berlin.

Gina Apitz
Herzhaft. Alljährlich lädt die FH ihre Studierenden auf den Marktplatz ein. Es gibt Wildschwein und Spritzkuchen satt.
Herzhaft. Alljährlich lädt die FH ihre Studierenden auf den Marktplatz ein. Es gibt Wildschwein und Spritzkuchen satt.Foto: HNE Eberswalde

Partymusik dudelt aus den Lautsprechern, das Freibier ist angestochen, Wildschwein-Hotdogs und Spritzkuchen werden gemampft. Für ihre neuen Studenten veranstalten die Eberswalder jedes Jahr ein Fest auf dem Marktplatz. Die 42 000-Einwohner-Stadt gibt sich Mühe, ein attraktiver Studienort zu sein – auch für Abiturienten aus Berlin.

Zum Beispiel für solche wie Eike Freitag. Zusagen von mehreren Berliner Fachhochschulen fand der 23-Jährige in seinem Briefkasten. Dennoch entschied er sich dafür, nach Eberswalde zu gehen. „Mein Studiengang wird in dieser Form nur hier oder an privaten Hochschulen angeboten“, sagt der Student, der jeden Morgen von Berlin nach Eberswalde pendelt. Unternehmensmanagement im zweiten Semester studiert er an der FH. Bereut hat er seine Entscheidung nicht, sagt Freitag. Riesenvorlesungen kenne er nicht, 130 andere haben mit ihm im vergangenen Winter angefangen. In den Übungen sitzen 15 Kommilitonen. Das seien Bedingungen, von denen BWL-Studenten an großen Berliner Unis nur träumen können.

Die FH Eberswalde ist die kleinste in Brandenburg. 1992 wurde sie gegründet, 16 Studiengänge sind im Angebot: acht Bachelor, acht Master. Die Fächer reichen von Ökolandbau über Forstwirtschaft und Holztechnik bis zu BWL. Die vier Fachbereiche verteilen sich auf zwei Standorte, den Stadt- und den Waldcampus. Eingeschrieben sind 1800 Studenten, die von 50 Hochschullehrern unterrichtet werden.

An eine kleine Fachhochschule in Brandenburg zu gehen, das ist ein Tipp, den Berliner Abiturienten ohne Einserschnitt oft hören. Tatsächlich bietet Eberswalde im Vergleich zu Hochschulen in Berlin in manchen Fächern bessere Chancen auf einen Studienplatz. In BWL bewerben sich jährlich 700 Interessierte auf 130 Plätze, in Berlin sind es an der Humboldt-Universität 3000. Mit einem Abiturschnitt von 2,5 hat man in Eberswalde gute Karten, an der Humboldt-Uni musste man für BWL zuletzt eine 1,4 mitbringen. In Studiengängen, die nur wenige Hochschulen anbieten, ist der NC auch in der kleinen Stadt härter: Im Bachelorstudiengang Landschaftsnutzung und Naturschutz lag er zuletzt bei 2,0.

Wer es dann nach Eberswalde geschafft hat, kommt in eine „kleine Familie“, wie es BWL-Professor Mario Stoffels ausdrückt. „Ich kann nicht durch die Stadt laufen, ohne einem Studenten zu begegnen.“ Eine kleine, aber feine Hochschule also? Für ihn sei die Stelle in Eberswalde erst „Liebe auf den zweiten Blick“ gewesen, gibt Stoffels zu. So geht es auch anderen Professoren. Denn bei Rankings liegt die Hochschule bislang im Mittelfeld. Doch beim aktuellen CHE-Hochschulranking schneidet immerhin die BWL gut ab. Vor allem die Studierbarkeit und die Betreuung durch die Hochschullehrer bewerteten die Studenten positiv. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus der Region, ein Drittel reist täglich aus Berlin an.

Punkten will die Hochschule auch mit hohen Praxisanteilen im Studium. Die BWLer üben mit Planspielen, die Forstwirtschaftler erstellen Karten von Waldflächen, die Holztechniker fräsen Teile selbst. „Wir schauen nicht nur im Hörsaal, wie ein Bodenprofil aussieht, die Studenten müssen auch selbst graben“, sagt Heike Molitor, Professorin für Umweltbildung. Zupackend sind auch die landwirtschaftlichen Studiengänge: Neben dem herkömmlichen startet im Wintersemester der Bachelor Ökolandbau, der gleichzeitig zum Landwirt ausbildet.

Vor einem Jahr setzte die FH Eberswalde mit der Umbenennung in Hochschule für Nachhaltige Entwicklung dazu an, sich bundesweit einen Namen zu machen. Studierende kritisieren dies als Etikettenschwindel. „Der Begriff Nachhaltigkeit ist ein Modewort“, sagt Sara Buron, die studentische Senatorin ist. Während es in den land- und forstwirtschaftlichen Studiengängen ohnehin um nachhaltiges Wirtschaften gehe, werde der Aspekt in der BWL nur in der fächerübergreifenden Nachhaltigkeitsvorlesung im ersten Semester bedacht. „Man kann das Thema aber nicht damit abhaken, dass auch BWLer einmal gehört haben, was ein Moor ist“, findet Buron. Die Hochschule selbst will Naturschutz-Vorbild sein. Vor einem Jahr wurde sie für ihr Umweltmanagement von der Europäischen Union mit dem Umwelt-Zertifikat EMAS ausgezeichnet: Der Stadtcampus bezieht Ökostrom, es gibt Zeitschaltuhren im PC-Pool, auf Haus elf des Waldcampus arbeitet seit 2009 eine Solaranlage. Für den Präsidenten Wilhelm-Günther Vahrson ist Nachhaltigkeit „keine grüne Spinnerei“. Deshalb fährt er nicht mit einem Dienstwagen, sondern mit dem eigenen „Sprit-Spar-Auto“ zur Arbeit.

Noch umweltbewusster sind da nur die Studenten, die jeden Tag mit dem Fahrrad zur FH strampeln können, weil sie in Eberswalde wohnen. Die Mieten dort sind recht günstig. 150 Euro kostet ein Zimmer in einem der beiden Wohnheime des Studentenwerks. Wer seinen Hauptwohnsitz in das Städtchen verlegt, bekommt Geld geschenkt: 80 Euro im ersten Semester, 50 Euro jedes weitere.

Mit Begrüßungsgeld locken auch andere Städte in Brandenburg Studenten. 50 Euro pro Semester sind es an der Technischen Hochschule Wildau, einmalig 200 Euro bekommt man in Frankfurt/Oder, jährlich 150 Euro in Cottbus.

Vom Online-Portal Utopia wurde die FH Eberswalde unter 344 Hochschulen jüngst zur zweitgrünsten Deutschlands gekürt. Tatsächlich findet sich viel Natur neben den Hörsälen: Der kleine Fluss Schwärze plätschert durch den Innenhof des Stadtcampus, wer zum Waldcampus will, muss eine Viertelstunde durch einen Laubwald spazieren, Wildschweinkontakt nicht ausgeschlossen. Kein Wunder, dass einige der Studenten im Sommer barfuß übers Gelände laufen. Von den BWLern werden „Ökos“ dafür belächelt. Besonders die Fachbereiche BWL und Landschaftsnutzung und Naturschutz, LaNu, sind sich nicht grün. „Was ist der Unterschied zwischen einem LaNu und einem Schachbrett?“, fragt BWL-Prof Stoffels. „Beim Schach sind nur die Hälfte Bauern.“ Er grinst. Den Witz erzählt er immer wieder gern. Es ist eine alte Feindschaft zwischen Business- und Ökologiestudenten, die sich spöttelnd ausdrückt.

Ernst wird es erst, wenn entschieden werden soll, welche Fächer das Profil der FH eigentlich bestimmen. 27 Millionen Euro müssen Brandenburgs Hochschulen in den nächsten Jahren einsparen. Eine Strukturkommission bewertet gerade, was gestrichen werden kann. Präsident Vahrson ist besorgt. Auf welche Fächer seine FH im Zweifel verzichten könnte? Da will er sich nicht festlegen. Doch unter Studenten und Professoren kursiert, dass es wohl die BWL treffen könnte, denn das Fach bieten auch alle anderen Hochschulen in Brandenburg und viele in Berlin an.

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