Flucht vor dem Holocaust : Risiko Fluchthilfe

Die Berlinerin Luise Meier half in der NS-Zeit unter großer Gefahr Juden, in die Schweiz zu fliehen – bis sie verraten wurde.

Claudia Schoppmann
Deportation und Vernichtung. Die Schweiz wies zahlreiche jüdische Flüchtlinge von ihrer Grenze ab, obwohl die Konsequenzen bekannt waren.
Deportation und Vernichtung. Die Schweiz wies zahlreiche jüdische Flüchtlinge von ihrer Grenze ab, obwohl die Konsequenzen bekannt...Foto: imago/imagebroker

Als die Nationalsozialisten im Oktober 1941 mit den reichsweiten Deportationen begannen, suchten immer mehr Verfolgte verzweifelt nach einem Ausweg. Das zur selben Zeit verhängte Auswanderungsverbot für Juden vom 23. Oktober 1941 machte eine legale Ausreise endgültig zunichte. Die Schweiz – das einzige an Deutschland angrenzende neutrale Land – war aber auch aus anderen Gründen kaum erreichbar: Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 an das Deutsche Reich waren mehrere tausend österreichische Juden in die Schweiz geflohen. Diese reagierte mit einer restriktiven Flüchtlingspolitik und wies seit August 1938 Personen ohne Visum zurück.

Das „volle Boot“ wurde zum Symbol dieser Politik. Da man glaubte, aus militärischen, politischen und wirtschaftlichen Gründen keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen zu können, verhängte der Bundesrat am 13. August 1942 eine (fast) totale Schließung der Grenzen und verstärkte deren Bewachung. Gelangten jüdische Flüchtlinge dennoch illegal ins Land, mussten sie mit ihrer Auslieferung an Deutschland rechnen. Dass dies einer Entscheidung über Leben und Tod gleichkam, war den Schweizer Behörden zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt. Auch wenn die einzelnen Kantone die Grenzschließung unterschiedlich streng handhabten, wurde sie erst am 12. Juli 1944 offiziell aufgehoben. Für die meisten Verfolgten kam dieser Kurswechsel zu spät.

Über 24.000 Menschen wies die Schweiz ab

Insgesamt beherbergte die Schweiz – bei einer Gesamtbevölkerung von unter vier Millionen – bis Mai 1945 knapp 300.000 Menschen, über 24.000 jedoch wurden abgewiesen. Unter den zivilen und militärischen Schutzsuchenden – entwichene Kriegsgefangene, Zwangsarbeitskräfte, Deserteure sowie nur kurzfristig aufgenommene Grenzflüchtlinge – befanden sich etwa 21.000 Flüchtlinge jüdischer Herkunft, darunter 1400 aus Deutschland.

Da die badischen und die Saarpfälzer Juden bereits im Oktober 1940 nach Frankreich deportiert wurden, lebten fast alle Verfolgten, die in den 1940er Jahren in die Schweiz gelangen wollten, fernab der Grenzregion und waren in dem oft schwierigen Terrain auf die Hilfe von Einheimischen angewiesen. Deren Kenntnisse des Geländes und der örtlichen Sicherheitssysteme waren durch nichts zu ersetzen. Knapp die Hälfte der jüdischen Frauen, Männer und Kinder im Deutschen Reich lebte um 1941 in Berlin; hier verbargen sich die meisten „Untergetauchten“.

Deshalb war eine Flucht in die Schweiz mit einer sehr weiten Reise zur Grenze verbunden, wofür man Geld, gut gefälschte Papiere und nicht zuletzt eine gehörige Portion Mut und starke Nerven brauchte. So stellten etwa die Ausweiskontrollen im Zug, von denen besonders Männer im „wehrfähigen“ Alter bedroht waren, eine große Gefahr dar.

Luise Meier war eine gläubige Katholikin

Ihren Anfang nahm die Geschichte des Fluchthilfenetzes um Luise Meier und Josef Höfler im vornehmen Berliner Villenviertel Grunewald, wo Luise Meier seit 1936 mit ihrer Familie lebte. Ebenso wie ihr Ehemann lehnte die gläubige Katholikin das NS-Regime ab und unterstützte jüdische Nachbarn, die zunehmend unter den verschiedensten Restriktionen litten. Im November 1942 entkamen zwei ihrer Nachbarinnen, Fedora Curth und Ilse Franken, in den Schweizer Kanton St. Gallen, indem sie nahe Bregenz durch den Alten Rhein schwammen. Luise Meier gelang es, diese gefahrenvolle Fluchtroute ausfindig zu machen und auf demselben Weg auch einem älteren jüdischen Ehepaar zur Flucht zu verhelfen. Herta und Felix Perls hatte sie zuvor in ihrer eigenen Wohnung im Grunewald versteckt, was besonders gefährlich war, da das Ehepaar Perls im Haus bekannt war.

Luise Meier, inzwischen verwitwet, war schließlich bereit, auch Lotte Kahle zu helfen, die im Oktober 1942 nur um Haaresbreite der Deportation entgangen und mit ihrem Freund und späteren Ehemann Herbert Strauss untergetaucht war.

Man ging arbeitsteilig vor

Zwei deutsche Fluchthelfer konnten gewonnen werden, die in Südbaden nahe der Schaffhauser Grenze lebten. Da dies der einzige Kanton der nördlichen Schweiz ist, der über eine längere Landgrenze zu Deutschland verfügt, schien diese Region für Fluchten besonders geeignet. Einer der Männer war Josef Höfler, der als Facharbeiter in der Rüstungsindustrie in Singen beschäftigt war. Der andere war der Elektromonteur Willy Vorwalder, ein Arbeitskollege Höflers bei den Aluminium-Walzwerken. Während Höfler zur Hilfe bereit war, da er das NS-Regime ablehnte, sah es Vorwalder als seine „menschliche Pflicht“ an, den Verfolgten beizustehen, wie er kurz nach Kriegsende angab. Zwischen Mai 1943 und Mai 1944 brachte Luise Meier gemeinsam mit den badischen Fluchthelfern etwa 28 jüdische Flüchtlinge aus Berlin auf Schweizer Boden.

Bei den Hilfsaktionen ging man arbeitsteilig vor: Häufig begleitete Luise Meier die in Berlin untergetauchten jüdischen Frauen und Männer persönlich auf der Fahrt nach Singen. Dort holte Willy Vorwalder sie am Bahnhof ab und brachte sie zu Josef Höfler, der sie dann an die Grenze führte.

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