Wissen : „Föderalismus ist manchmal schon hinderlich“

BSE, Grippe, Klimawandel: Reinhard Kurth, scheidender Präsident des Robert-Koch-Instituts, zieht Bilanz

Das Robert-Koch-Institut beschäftigt sich mit der Abwehr von Krankheiten. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Natürlich wird das Robert-Koch-Institut meistens mit Infektionen wie SARS, Virusgrippe oder Polio in Verbindung gebracht. Aber wir dürfen uns nicht nur darauf konzentrieren. Denn der größte Teil des Krankheitsgeschehens in Deutschland hat mit Krankheitserregern nicht viel zu tun. Die wichtigste Herausforderung sind die degenerativen Volkskrankheiten, die mit der Alterung der Gesellschaft immer weiter zunehmen werden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz zum Beispiel. Als zentrale Bundeseinrichtung für die Gesundheit müssen wir natürlich darauf reagieren.

Wie sehen Sie die Bedrohung durch den Klimawandel?

Die Klimaerwärmung beobachten wir natürlich sehr genau. Aber dieser Prozess bereitet mir derzeit nicht so viel Kopfzerbrechen, weil er langsam vonstattengeht. Wir haben zum Beispiel das Vorkommen des West-Nil-Virus in Deutschland untersucht. Die in seltenen Fällen tödlich verlaufende West-Nil-Virus-Infektion wird im Zusammenhang mit dem Klimawandel als mögliche neue Krankheit diskutiert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass derzeit kein Infektionsrisiko besteht. Aber wir brauchen unbedingt mehr solcher Studien, viele Fragen kann die Forschung noch nicht beantworten. Dass in den vergangenen Jahren mehr durch Zecken übertragene Infektionen registriert wurden, könnte auch daran liegen, dass die Menschen sich mehr im Freien aufgehalten haben.

Welche Gefahren wurden in den letzten Jahren unterschätzt?

Aus meinen zehn Jahren am Robert-Koch-Institut ist mir vor allem die BSE-Krise in Erinnerung geblieben. Wir haben damals, bevor in Deutschland der erste BSE-Fall auftrat, gesagt: Auch wir müssen unsere Rinder auf BSE testen. Einige Politiker sagten: Nein, warum denn? Bei uns gibt es kein BSE. Das war eine inakzeptable Unterlassung. Anders war es bei SARS: Als am 15. März 2003, einem Samstag, in Frankfurt am Main ein Infizierter landete, haben wir die Situation sehr gut in den Griff bekommen. Das Gesundheitsamt in Frankfurt, das hessische Gesundheitsministerium und das Robert Koch-Institut berieten sich gemeinsam. Gesundheit ist ja bekanntlich Ländersache, und wir als Bundeseinrichtung dürfen nur Ratschläge geben.

Ist der deutsche Föderalismus ein potenzielles Gesundheitsrisiko?

Der Föderalismus ist manchmal schon hinderlich. Es ist nicht immer einfach,16 Bundesländer und über 400 Gesundheitsämter von bestimmten Maßnahmen zu überzeugen. Immerhin haben wir mittlerweile einen sehr guten Ruf, was uns diese Aufgabe erleichtert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Influenza-Pandemie-Plan. Er ist Anfang 2005 veröffentlicht und im Sommer 2007 aktualisiert worden, aber das hat Jahre der Überzeugungsarbeit gekostet. Wir haben diesen Plan zur Vorbereitung auf eine weltweite Grippewelle gemeinsam mit den Seuchenexperten der Länder und Kommunen und der Wissenschaft entwickelt. Ich würde mir wünschen, dass der Bund auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten größere Verantwortung übernehmen kann. Das ist hoffentlich auch ein Thema in der zweiten Runde der Föderalismusreform.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

In Großbritannien oder Frankreich ist die Gesundheitsaufsicht viel zentralistischer geregelt, und auch in den USA haben die nationalen Centers for Disease Control, die Krankheiten überwachen, größere nationale Befugnisse. Der deutsche Föderalismus hat aber auch Vorteile, bei kleineren Krankheitsausbrüchen etwa, wo die Gesundheitsämter vor Ort selbst entscheiden müssen, weil sie die Situation am besten kennen.

Gab es auch Situationen, in denen Sie klar anderer Meinung als die Politik waren?

Bei der Bewertung der grünen Gentechnik. Da gab es heftige Auseinandersetzungen, und ich musste angewiesen werden, die Genehmigung für eine bestimmte gentechnisch veränderte Maispflanze auszusetzen. In einem solchen Fall ist die Begründung für einen Verwaltungsakt politischer Natur und nicht wissenschaftlich.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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