Forschung : Antiheld der Wissenschaft

Der Astrophysiker Reimar Lüst steht für eine neue Phase der deutschen Forschung nach dem Krieg. Heute wird er 85.

Paul Nolte

Eigentlich müssten wir noch sechs Wochen warten und dann auf den 65. Geburtstag anstoßen. Denn der 11. Mai 1943 ist für den Astrophysiker und Wissenschaftsmanager Reimar Lüst zu einem „zweiten Geburtstag“ geworden – der Tag, an dem er als Offizier eines U-Boots im Atlantik nach englischen Treffern mit seinem Leben abgeschlossen hatte, doch noch auftauchte und in rettende Kriegsgefangenschaft geriet.

Diese biografische Wendemarke sagt viel aus über den Lebensweg einer Generation, die seit den 50er Jahren die Bundesrepublik auf eine nachhaltige und ungewöhnlich langdauernde Weise geprägt hat. Heldentum hatte sie nicht mehr nötig. Als Schüler und Mitarbeiter Werner Heisenbergs und Carl Friedrich von Weizsäckers steht Reimar Lüst für eine postheroische Phase der Naturwissenschaften in Deutschland. Eine pragmatisch gewordene Begeisterung für die Sache kennzeichnet seine Arbeit, auch wenn es dabei um Projekte ging, die in den Nachkriegsjahrzehnten ganz intensiv die Fantasie einer breiteren Öffentlichkeit anregten wie die Erkundung des Weltraums, wie der Bau von Raketen und Satelliten. Solche Projekte ließen sich nicht mehr in heldischer Einsamkeit bewältigen, nur bewaffnet mit Hirn, Bleistift und Kreidetafel.

So, als theoretischer Physiker mit starken Neigungen zur Mathematik, hatte Reimar Lüst begonnen, vollzog aber Anfang der 60er Jahre den Schwenk in die Experimentalphysik. Solche Projekte waren überdies nur möglich mit politischer Unterstützung und jenseits der alten Grenzen des Nationalstaats. Das erkannte Lüst instinktiv. Er gewann entscheidenden Anteil nicht nur an der Formierung einer kohärenten (und bald: milliardenschweren) Wissenschafts- und Forschungspolitik der Bundesrepublik, sondern knüpfte auch die Maschen für das transatlantische und europäische Netz der Weltraumforschung, der Luft- und Raumfahrt, ohne das heute keine Ariane-Rakete starten, wohl auch kein Airbus abheben würde. Lüst wurde so zum ersten Prototyp einer Figur, die heute zumal aus der Naturwissenschaft nicht mehr wegzudenken ist als Macher, Cheforganisator, Strippenzieher in den Türen der Macht. Hubert Markl, Ernst-Ludwig Winnacker oder Peter Gruss als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft: Sie alle stehen mit ihrer Rolle auf den Schultern von Lüst.

Wie wird man das? Entscheidende Prägung erfuhr Reimar Lüst in seinem christlichen Elternhaus. Wie nicht wenige seines Jahrgangs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst bei der Marine; man blickte dort auf Hitler und Göring herab und erkannte zu spät, Teil von deren Vernichtungsmaschine zu sein. Die Desillusionierung führte in die westliche Demokratie. Während drei Jahren amerikanischer Gefangenschaft öffneten sich neue Horizonte; in den Offizierslagern begann er sein Studium der Mathematik und Physik. Zurück in Deutschland: Studium in Frankfurt, Wechsel nach Göttingen, ans damalige Max-Planck-Institut für Physik. Carl-Friedrich von Weizsäcker machte aus Lüst einen Astrophysiker, der über rotierende Gasmassen in der Entstehung des Planetensystems promovierte. In den 60er Jahren baute Lüst sein eigenes Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München auf: eine ungemein kreative Phase, in der sein Team auf Expeditionen rund um die Welt Raketen abschoss, um das Magnetfeld der Erde und die solare Strahlung zu erkunden. In dieser Zeit hatte er auch entscheidenden Anteil am Aufbau der ESRO, einer Vorläuferorganisation der heutigen ESA.

Das markierte bereits den Schritt von der Forschung in die Forschungs- und Wissenschaftspolitik. Seit 1969 liest sich die Biografie Lüsts wie eine Aufzählung der Spitzenämter der deutschen Wissenschaft: Vorsitzender des Wissenschaftsrates, seit 1972 für zwölf Jahre Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, seit 1989 ein Jahrzehnt lang Präsident der Humboldt-Stiftung. Dazwischen brachte Lüst von 1984 bis 1990 als Generaldirektor der ESA in Paris die damals in die Krise geratene europäische Raumfahrt wieder auf Kurs. Und seit 1998 engagierte sich der inzwischen zum Wahl-Hamburger Gewordene bei Gründung und Aufbau der International University, inzwischen Jacobs University, in Bremen. Hier versuchte er, seiner Begeisterung für die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Spitzenuniversitäten praktische Gestalt zu geben.

In die andauernden Debatten um die Strukturen der deutschen Wissenschaft zwischen Universität und außeruniversitärer Forschung mischt er sich bis heute lebhaft, mit der ihm eigenen charmanten Überzeugungskraft, ein. Am Ende zählt doch der „richtige“ Geburtstag: Heute feiert Reimar Lüst seinen 85.

Der Autor, Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der FU Berlin, hat soeben das Buch „Der Wissenschaftsmacher. Reimar Lüst im Gespräch mit Paul Nolte“ veröffentlicht (Verlag C.H. Beck, 300 Seiten, 24,90 Euro).

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