Forschung : Mit Winzlingen dem Tumor einheizen

Andreas Jordan bringt Eisenpartikel zum Rotieren - und will damit Krebs bekämpfen. Im Tumor soll es so heiß werden, dass die Krebszellen absterben.

Kai Kupferschmidt
Magnetfeld Krebs
Heiß. Ein Magnetfeld versetzt Eisenpartikel in einem Hirntumor in Bewegung. Dabei steigt die Temperatur. -Foto: Magforce Nanotechnologies

Es ist nur ein brauner Kasten von der Größe einer Schreibmaschine, der in dem Labor auf einer Arbeitsbank am Fenster steht. Mit einer weißen Plastikpinzette hält Regina Scholz ein Fünf-Cent-Stück in das Gerät und schaltet es ein. Innerhalb von Sekunden beginnt die Münze rot-orange zu glühen. Wie eine winzige untergehende Sonne hängt sie da. Dann lockert Scholz den Griff um die Pinzette. Das Geldstück fällt in eine kleine Glasschale mit Wasser und färbt sich unter lautem Zischen schwarz. Die Wissenschaftlerin dreht sich zufrieden um: „Beeindruckend, oder?“

Beeindruckend ist vor allem der Gedanke, dass dasselbe mit Menschen gemacht wird. Denn die Methode soll nicht Münzen erhitzen, sondern Krebs heilen. Zunächst wird eine Flüssigkeit mit winzigen Eisenpartikeln in den Tumor gespritzt, dann werden die Patienten in eine größere Version des braunen Apparates geschoben. Der erzeugt ebenso wie die kleine Variante ein Magnetfeld und erhitzt damit die winzigen Eisenpartikel – genau wie die Münze. Das soll die Krebszellen in den Hitzetod treiben.

Fast 20 Jahre lang hat der Berliner Biologe Andreas Jordan mit seiner Kollegin Regina Scholz an dieser neuartigen Behandlung für Krebs geforscht, war immer wieder kurz davor, aufzugeben. Heute ist seine Firma „Magforce Nanotechnologies“ führend auf ihrem Gebiet. Im Konferenzraum des Unternehmens am Klinikum Westend in Berlin-Charlottenburg sitzt Jordan, 50 Jahre alt, klein, mit Anzug und randloser Brille, an einem Tisch und lehnt sich zurück. Er ist fast am Ziel. Aber ob das, woran er sein Leben lang gearbeitet hat, die Krebstherapie wirklich verändern wird, das entscheidet sich erst in diesen Monaten. 69 Patienten nehmen zurzeit an einer klinischen Studie teil, Forscher und Konkurrenten warten auf die Ergebnisse. „Wenn alles klappt, können wir noch vor Jahresende die Zulassung für unsere Krebstherapie beantragen.“

Wenn alles klappt. Jordan weiß, was so ein „Wenn“ bedeuten kann. Seine Forschung stand schon mehrfach vor dem Aus. Beinahe wäre er gar nicht erst zur Wissenschaft gekommen, denn zunächst reichte sein Notendurchschnitt nicht aus, um an der Freien Universität einen Studienplatz für Biologie zu bekommen. So arbeitete er vorerst im Zoo, bis er endlich studieren konnte. Sein Hauptinteresse galt der Zoologie von wirbellosen Tieren. Wenn er heute daran zurückdenkt, lacht er: „Nicht gerade ein Thema mit guten Berufsaussichten.“ Das sei ihm damals auch klar geworden.

So besann er sich auf sein zweites Interesse: Strahlung. Schon als Schüler hatte er sich für Elektronik interessiert. Lebewesen und Strahlung, die Kombination war ungewöhnlich, aber für einen Strahlenbiologen perfekt.

So habe er dann Peter Wust kennen gelernt. Wust war Oberarzt an der Klinik für Strahlenheilkunde und versuchte dort in den achtziger Jahren, Krebsgeschwülste mit Hitze zu töten. Die Idee war nicht neu. Schon lange wussten Forscher, dass man Zellen töten kann, indem man sie für kurze Zeit auf mehr als 42 Grad Celsius erwärmt. Denn Tumorgewebe ist oftmals schlechter durchblutet – und kann deswegen Hitze nicht so rasch abtransportieren wie gesundes Gewebe.

Wust versuchte das für eine Therapie zu nutzen, indem er Patienten einem elektromagnetischen Feld aussetzte. Aber er konnte kaum einen Effekt nachweisen. Das Problem: Der Großteil der Energie, die das Gerät erzeugte, wurde von der Körperoberfläche absorbiert. Die Hitze staute sich zum Beispiel in Hautfalten und die Patienten bekamen Brandblasen, während der Tumor sich kaum erwärmte. Wust sei frustriert gewesen, sagt Jordan und wiederholt dann wie ein Mantra, was Wust damals gesagt habe: „Wenn ich nur ein halbes Grad Celsius mehr im Tumor erreichen würde, dann wäre die Therapie wirksam.“

Die Idee faszinierte Jordan. „Ich habe mir gedacht: Warum nicht dasselbe mit einem magnetischen Feld versuchen?“ Der Vorteil des Magnetfeldes sei, dass es alleine auf den menschlichen Körper keinen Hitzeeffekt habe. Man könne gezielt ein Metall in den Tumor spritzen, und nur dort entstehe dann die Hitze. Das Problem der Hautverbrennungen würde also entfallen und man könnte höhere Temperaturen in den Krebszellen erreichen.

Aber welches Metall sollte Jordan nehmen? „Ich habe mir bestimmt 500 verschiedene Substanzen schicken lassen, aus Dänemark, aus Japan, aus den USA.“ In einer Kugelmühle zerrieb er jede einzelne zu einem Pulver und bestimmte dessen Erhitzung im Magnetfeld.

„Ich habe das ein Jahr lang gemacht. Das war ein unglaublicher Frust.“ Wenn Jordan die Proben aus seiner Apparatur nahm, waren sie bestenfalls handwarm. Bis er eines Tages ein Metall aus Japan testete. Damals sei er kurz davor gewesen aufzuhören, sagt Jordan. Er habe gerade mit seinem Professor diskutiert, was er nun tun solle, als plötzlich das Röhrchen im Apparat explodierte. „Wir waren beide schwarz gesprenkelt. Irgendwas sei wohl schiefgelaufen, dachte ich.“ Aber es war nichts schief gelaufen, im Gegenteil: Die Probe hatte sich so stark erhitzt, dass sie das Röhrchen zum Platzen gebracht hatte.

Das Metall aus Japan war eine Nanosubstanz. Nano war damals noch kein gebräuchliches Wort, aber es verrät, was an der Probe besonders war: Sie bestand aus Teilchen, die nur Millionstel Millimeter klein sind. Derart winzige Materialien haben besondere Eigenschaften. Die getesteten Partikel erhitzten sich zum Beispiel viel stärker, als es größere Teilchen getan hätten. Jordan hatte endlich eine Substanz für seine Therapie gefunden.

Inzwischen benutzt er etwas andere Kügelchen, aber die Größe ist gleich geblieben. Etwa 17 Billiarden Eisenoxid-Kügelchen sind in jedem Milliliter der Magnetflüssigkeit, die er in den Tumor spritzt. Eisenoxid selbst ist nicht magnetisch, sonst würden die Teilchen aneinanderkleben und sich nicht im Tumor verteilen. Die Kügelchen haben aber Eigenschaften eines Magneten, so lassen sie sich durch ein Magnetfeld in eine gewisse Richtung ausrichten. Ganz Ähnliches passiert, wenn man einen Magneten an ein Stück Eisen hält. Die winzigen magnetischen Domänen im Eisen, die vorher wild in alle Richtungen gezeigt haben, ordnen sich dann entlang des Magnetfeldes an. Die Partikel von Jordan sind allerdings so klein, dass sie nur aus einer einzigen Domäne bestehen. Das Magnetfeld, das von außen angelegt wird, wechselt 100 000 Mal pro Sekunde, so dass die Eisenoxidpartikel ständig ihre Ausrichtung ändern. Dabei entsteht Wärme. Bis zu 70 Grad könne er so im Tumor erreichen, sagt Jordan. „Das hält keine Zelle aus.“

Aber der Weg zur Krebstherapie war noch lang. Es musste sichergestellt werden, dass die Teilchen nicht giftig sind und im Tumor bleiben. Und es musste ein Weg gefunden werden, die Flüssigkeit genau in den Tumor zu spritzen, und die richtige Dosis berechnet werden. 1996 vermeldete Jordan dann einen ersten Erfolg in Tieren. Fast jede zweite Maus hatte er in Versuchen von Brustkrebs befreien können. Dazu musste er die Tiere nur einmal 30 Minuten lang im Magnetfeld behandeln.

Im März 2003 startete die erste Studie am Menschen: 14 Patienten mit einem bösartigen Gehirntumor wurden behandelt. Die Ärzte konnten beweisen, dass die Therapie grundsätzlich auch beim Menschen anwendbar ist. „Eine unserer Patientinnen lebt heute, mehr als fünf Jahre nach der Therapie, noch völlig tumorfrei“, berichtet Jordan stolz. Die Frau habe an einem wiederkehrenden Glioblastom gelitten, da sei eine Lebenserwartung von wenigen Monaten normal. Ein Einzelfall bedeutet in der Medizin allerdings nichts, das gibt auch Jordan zu.

Inzwischen finden klinische Studien zu Prostata- und Speiseröhrenkrebs statt, und auch an Tumoren der Leber und der Bauchspeicheldrüse wird die Therapie getestet. „Unser Ziel ist es, die Technik neben den Standard-Krebstherapien, also Chirurgie, Bestrahlung und Arzneimitteln, zu etablieren“, sagt Jordan. Er sehe vor allem die Chance, die starken Nebenwirkungen zu reduzieren, die manche Therapien begleiten. Bei der Studie an Gehirntumoren hätten viele Patienten zwar ein diffuses Wärmegefühl beschrieben oder etwas geschwitzt, sonst habe es aber keine Probleme gegeben.

Natürlich sei die Behandlung nicht frei von Gefahren: „Wer eine Nadel ins Gehirn sticht, riskiert immer eine Blutung.“ Außerdem bestünde das Risiko, dass ein Ödem, bei Tumoren eine häufige Begleiterscheinung, sich ausdehne und der Hirndruck gefährlich ansteige. „Bisher haben wir das aber noch nicht beobachtet“, sagt Jordan. Diesen Sommer soll die Studie beendet werden. Wenn alles klappt, kann Jordan dann die Zulassung beantragen. Aber da ist eben noch dieses „Wenn“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben