Forschungsmanager : Medizin von morgen

Der neue Chef des Max-Delbrück-Centrums will künftig noch enger mit der Charité zusammenarbeiten. Doch auch mit dem Helios-Klinikum soll es Kooperationen geben.

Hartmut Wewetzer

Noch stehen die Umzugskisten in Walter Rosenthals Arbeitszimmer. Der Mediziner, 54, ist neuer wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch. An der Wand hängt ein Bild der Berliner Malerin Jeanne Mammen von 1937. Es zeigt den Namensgeber des MDC, den Physiker Max Delbrück, dargestellt in kühlen Blautönen in einem Stil, der an Picasso erinnert. So modern wie das Bild der Malerin war auch das Denken ihres Freundes Max Delbrück. Er schlug eine Brücke zwischen den „harten“ Naturwissenschaften Physik und Chemie zur „weichen“ Biologie und wurde einer der Begründer der Molekularbiologie.

Um einen ähnlichen Brückenschlag geht es Naturwissenschaftlern der Gegenwart. Erkenntnisse aus der Genforschung und Zellbiologie sollen in einen Nutzen für die Medizin „übersetzt“ werden. „Translationale Forschung“ heißt das im Fachjargon. Aber der Weg vom Entdecken einer Krankheitsursache zu einem Medikament ist lang. Zu lang. Jüngstes Beispiel: der Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Er beruht auf Entdeckungen von Harald zur Hausen, die Jahrzehnte zurückliegen und für die der Mediziner nun den Nobelpreis bekam.

Die engere Verbindung von wissenschaftlicher Theorie und medizinischer Praxis ist auch für Rosenthal ein Dauerthema. Seit 1996 leitete er, nach wissenschaftlichen Stationen in Heidelberg, Berlin, Houston und Gießen, das Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP). 2000 zog das FMP auf den Campus in Berlin-Buch, in direkte Nachbarschaft des MDC. Rosenthals Umzugskisten haben ins MDC keinen weiten Weg zurückgelegt.

Rosenthal, Jeans, dunkelblaues Sakko, ist ein erfolgreicher Wissenschaftsmanager. Freundlich und leger, aber mit genauen Zielvorstellungen. Der Arzneiforscher weiß, was er will. Bewiesen hat er das als Leiter des FMP, dem er neue Schwerpunkte gab und das sich unter seiner Leitung in der Forschungslandschaft einen festen Platz erobern konnte.

Sein altes und sein jetziges Institut werden eng zusammenarbeiten, sagt Rosenthal, auch wenn beide „auf absehbare Zeit getrennt“ bleiben werden. Das FMP mit seinen 258 Mitarbeitern wird als Institut der Leibniz-Gemeinschaft je zur Hälfte vom Land und vom Bund bezahlt, das MDC (880 Mitarbeiter) als Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft dagegen zu 90 Prozent vom Bund. Während das MDC Entstehungsprozessen von Krankheiten auf der Spur ist, „suchen die FMP-Wissenschaftler nach passenden Wirkstoffen“, beschreibt Rosenthal die Arbeitsteilung. „Am MDC gibt es nicht wenige Wissenschaftler von Weltklasse“, sagt er. „Das ist die Basis für unseren Erfolg.“

Rosenthal weiß, dass er diesen Forschern etwas bieten muss. Allerdings könnte die Attraktivität des Bucher Campus unter den Querelen leiden, die es nun zwischen der Uniklinik Charité – ein wichtiger MDC-Partner – und dem Helios-Klinikum gegeben hat.

Bisher betrieb die Charité in Buch unter dem Dach des privaten Helios-Klinikums auch universitäre Forschung. Nach Finanzstreitigkeiten gehen Charité und Helios-Klinikum nun getrennte Wege, die Charité muss sich in Buch neu ordnen. Trotzdem hält Rosenthal die Zusammenarbeit nicht für gefährdet: „Charité und MDC werden in Buch noch mehr als bisher zusammenarbeiten“, sagt er. „Auch mit dem Helios-Klinikum werden wir kooperieren.“

Eines der zentralen Vorhaben des MDC ist das ECRC, ein Zentrum für experimentelle und klinische Forschung. Es wird in Buch gemeinsam mit der Charité betrieben. Am heutigen Dienstag wird ein neues Forschungsgebäude des ECRC mit einem Magnetresonanz-Tomographen eingeweiht.

Das MDC zieht es auch in das Zentrum Berlins. In Mitte soll auf dem Charité-Campus ein Institut für Systembiologie entstehen, geleitet von dem MDC-Forscher Nikolaus Rajewsky. Das Institut, das 300 Mitarbeiter haben soll, wird biologische Zusammenhänge erforschen. Nicht mehr nur einzelne Gene, sondern biologische Netzwerke. Im Herzen Berlins werden die Wissenschaftler von der Nähe anderer Forschungszentren profitieren, hofft Rosenthal.

Und schließlich möchte Rosenthal auf dem Gelände des MDC ein Nationales Institut für kardiovaskuläre (Herzkreislauf-)Erkrankungen („Nike“) errichten, an dem sich große Forschungseinrichtungen beteiligen sollen. Schon heute koordiniert das Delbrück-Centrum innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft die Herzkreislauf-Forschung. Genug Platz für die Medizin von morgen bietet der Bucher Campus allemal. Hartmut Wewetzer

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