Forschungsstipendien : Brücken zwischen Forschern

Stipendiaten aus Nahost schließen neue Kontakte.

Bettina Mittelstraß
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Teilnehmer der Sommerakademie 2006 in Beirut. -Foto: Georges Khalil

Für ihr eigenes Forschungsprojekt habe sie in Berlin eigentlich am wenigsten getan, sagt Dana Sajdi lachend und schickt gleich temperamentvoll ein kräftiges „aber“ hinterher – aber alles, was sie hier in einem Jahr gelernt, gehört, diskutiert und erlebt habe, der intellektuelle Austausch in einer multinationalen Atmosphäre, die vielen unterschiedlichen Theorien und Gedankengänge der Kollegen, die Gespräche, die Vorträge, die Seminare und der persönliche Kontakt, all das habe ihre analytischen Fähigkeiten in ganz neuen Richtungen geschult und werde ihre wissenschaftliche Arbeit nachhaltig prägen, wie sie das nie für möglich gehalten hätte.

Dana Sajdi ist in Nablus, Palästina, geboren und aufgewachsen, wurde an Universitäten in Amman (Jordanien), Kairo (Ägypten) und den USA zur Historikerin ausgebildet. Im Herbst 2006 kam sie auf Einladung nach Berlin, als eine von zehn Postdoktoranden aus Ägypten, Iran, Indonesien, Israel, Palästina, Jordanien, Marokko und der Türkei, um hier für ein Jahr intensiv im Rahmen des Programms „Europa im Nahen Osten – der Nahe Osten in Europa“ zu forschen.

„Egal ob man über die Türkei oder andere Themen arbeitet, die Literatur oder die islamische Welt in Europa, die Fragestellung ist bei uns allen sehr, sehr ähnlich“, sagt der Historiker Eli Bar-Chen und betont, dass seine Teilnahme am Forschungsprojekt optimal und hochrelevant für den Fortschritt seiner eigenen Recherchen war. Er ist Israeli arabischer Herkunft und in das Programm gekommen, weil er über die Geschichte der Juden in der islamischen Welt und ihrer Rezeption in Europa forscht.

Jeder der Fellows, die in der fünfjährigen Laufzeit des Programms kommen und gehen werden, beschäftigt sich wissenschaftlich im weitesten Sinn mit Wechselbeziehungen und Verflechtungen zwischen Europa und dem Nahen Osten, jeder aus seiner speziellen Perspektive und Fachrichtung heraus. Neben ihrer eigenen Arbeit und der an den jeweiligen Berliner Forschungsinstituten, in die sie eingebunden sind, gehört es für die Fellows zum Pflichtprogramm, in Vortragsreihen, Seminaren und Arbeitssitzungen unter übergreifenden Fragestellungen zusammenzuarbeiten. Die persönliche Begegnung sei dabei der entscheide Gewinn, meinen sowohl Eli Bar-Chen als auch Dana Sajdi, wichtiger noch als klare Resultate wie zum Beispiel die gemeinsame Publikation wissenschaftlicher Artikel.

Viele arabische Wissenschaftler treffen in Berlin nicht nur auf deutsche, sondern zum ersten Mal auch auf iranische oder türkische Kollegen, sagt der Koordinator des Projekts am Wissenschaftskolleg, Georges Khalil, „weil die wissenschaftlichen Austauschsysteme zwischen diesen Ländern nicht mehr richtig funktionieren seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der eher auf bilateralem Austausch mit europäischen oder amerikanischen Universitäten fokussierten wissenschaftlichen Beziehungen.“ Die aktuelle politische Situation erschwert die Verständigung unter Wissenschaftlern zusätzlich.

Es sei eine Illusion, Wissenschaft von Politik zu trennen, sagt der Israeli Eli Bar-Chen. Allerdings habe man in Berlin schon nach einer Woche durch die sehr nahe persönliche Begegnung – er teilte sich ein Arbeitszimmer mit einem iranischen Kollegen – politische Probleme beiseite geschoben und ohne diese Schwierigkeiten, die in anderen Kontexten präsent seien, miteinander gearbeitet. Englisch als offizielle Sprache des Programms war für manche Fellows aus arabischen Ländern eine Hypothek. Und so nutzte man im so genannten Berliner Seminar regelmäßig auch Arabisch als internationale akademische Sprache. Dolmetscher waren nicht nötig, denn jeder der Wissenschaftler war in verschiedener Hinsicht zumindest zweisprachig.

Dana Sajdis nächste Station ist eine Professur in Boston. Eli Bar-Chen kehrt als Assistent nach München an das Institut für Jüdische Geschichte der Ludwig-Maxilmilians-Universität zurück. Beide haben nicht nur Kollegen sondern auch Freunde in Berlin gefunden, und werden diese neuen Bekanntschaften pflegen. Aus seinen positiven Erfahrungen heraus plädiert Eli Bar-Chen außerdem entschieden dafür, diese Form der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Zukunft zum festen Bestandteil der akademischen Landschaft nicht nur in Berlin sondern auch in Tel Aviv, Alexandria oder Istanbul zu machen. Bettina Mittelstraß

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