Frauenrechte und Demokratisierung : Der entscheidende Unterschied

Länder, in denen Frauen sich entfalten können, haben bessere Chancen auf Demokratisierung. Das zeigt eine Auswertung von Daten zum Stand der Demokratie, zur Geburtenrate und zum Bildungsstand von Frauen in 123 Ländern.

Jianghong Li,Paula Wyndow
In einem Township in Johannesburg steht eine Gartenarbeiterin an einem Weg, auf dem ein Mädchen in Schuluniform vorbeigeht. Foto: AFP
Aufbruch. Südafrika, hier ein Township in Johannesburg, gehört zu den Ländern, in denen einer Studie des Wissenschaftszentrums...Foto: AFP

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vollzog sich in vielen Ländern der Übergang von autoritären Regimen zu demokratisch geprägten Herrschaftsformen. Dabei verbesserte sich auch die Situation von Frauen: Sie erhielten mehr staatsbürgerliche und soziale Rechte, hatten verstärkt Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt. Außerdem sanken die Geburtenraten. Die Kausalität dieser Entwicklungen wird in knappster Form häufig so dargestellt: Demokratisierung führt zu einer Verbesserung der Lebenssituation von Frauen. Diese Betrachtungsweise ist eingebettet in die Modernisierungstheorie, die besagt, dass Industrialisierung, Verstädterung, vermehrter Wohlstand und ein höheres Bildungsniveau ein Motor der Demokratisierung sind.

Ein solcher Zusammenhang ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Modernisierungstheorie dominiert die Literatur über Entwicklungsländer. Nur erklärt diese Theorie nicht, warum viele wohlhabende Staaten nicht demokratischer geworden sind. Gefragt sind also andere, ergänzende Fragestellungen, zum Beispiel die nach den Geschlechterverhältnissen.

Tatsächlich legt eine Auswertung von Langzeit-Datenreihen für die Jahre 1980 bis 2005 aus 123 Ländern, die zu Beginn dieses Zeitraums nicht demokratisch waren, eine neue Hypothese nahe: Die Stärkung von Frauenrechten und die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Situation, die im Englischen als empowerment bezeichnet wird, führt zur Stärkung demokratischer Tendenzen. Gemessen wurde der Stand der Demokratie anhand von Parametern, die entscheidende Indikatoren wie Gewaltenteilung und politischen Wettbewerb bewerten. Hinzugezogen wurden auch Daten zur Erwerbstätigkeit und zu den Geburtenraten von der Weltbank sowie Bildungsdaten von Frauen.

Mehr Partizipation durch mehr Bildung, weniger Kinder und Beruf

Das zentrale Ergebnis der Analyse stützt die Annahme, dass eine Stärkung der Position von Frauen in der Gesellschaft ein entscheidender Motor für die Demokratisierung ist. Die in der Modernisierungstheorie genannten Demokratie-Förderer wie Verstädterung, Wirtschaftswachstum und Umfang der Entwicklungshilfe und die Höhe des Bruttoinlandsprodukts haben dagegen keinen nachweislichen Einfluss. Die Religion macht auch keinen Unterschied. Nein, die Situation der Frauen ist der entscheidende Indikator für die Demokratisierungschancen einer Gesellschaft.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gesellschaft demokratischer wird, ist deutlich höher in Ländern mit eine längeren Tradition der Mädchenbildung. Staaten, in denen Frauen schon zu Beginn des Untersuchungszeitraums ein höheres Bildungsniveau erreicht hatten, verstärkt erwerbstätig waren und in denen die Geburtsrate niedriger war, machten politisch größere Fortschritte als Länder, in denen diese Veränderungen später einsetzten. Veränderungen auf einem Gebiet oder sogar zwei reichten nicht aus als Anstoß zur Demokratisierung. Auf allen drei Ebenen muss sich die Situation der Frauen verbessern, um einen messbaren positiven Einfluss auf den Demokratisierungsprozess zu haben.

Ändert sich nur die Bildungssituation der Männer, ist das hinderlich

Bildung als solche bringt eine nicht demokratische Gesellschaft nicht entscheidend voran. Das zeigt eine differenzierte Betrachtung der Bildungsentwicklung. Wenn sich die Bildungssituation der Männer in einem Land verbessert, die der Frauen aber auf niedrigem Niveau stagniert und auch noch mit hohen Geburtsraten einhergeht, ist dies sogar ein echtes Hindernis für die Demokratisierung. Eine verbesserte Männerbildung wird aber dann zu einem positiv verstärkenden Faktor auf dem Weg zur Demokratie, wenn sich gleichzeitig die Gesamtlage der Frauen verändert.

Wie sieht konkret der Prozess des Wandels aus? Wenn Mädchen und junge Frauen besser gebildet sind, heiraten sie später. Wenn sie später eine Familie gründen, sinkt die Geburtenrate. Dies schafft mehr Freiraum für außerhäusliche Aktivitäten. Frauen bemühen sich um Aus- und Weiterbildung oder gehen in einen Beruf. Die über die Familie erweiterte Lebenssphäre bietet Frauen mehr Möglichkeiten, sich mit Fragen demokratischer Werte wie Gleichheit, Freiheit und Toleranz zu befassen. Frauen erleben im Alltag Situationen der Ungleichheit und können sich mit anderen über die gesellschaftliche und politische Lage austauschen.

Berufsleben und Teilhabe an informellen Netzwerken eröffnen Räume, Wissen und kommunikative Fähigkeiten zu erwerben und einzuüben, die Voraussetzungen sind für politische und zivilgesellschaftliche Aktivitäten. Beispiele solcher Prozesse finden sich für das untersuchte Vierteljahrhundert auf allen Kontinenten, in Ungarn und Bulgarien, Brasilien und Mexiko, Südkorea und Thailand, Südafrika und Namibia, um einige typische Beispiele zu nennen.

Hat sich eine Demokratie in einem Land einmal gefestigt, kann die gewählte Regierung die rechtliche und gesellschaftliche Situation von Frauen weiter verbessern: durch den wirksamen Schutz ihrer Menschenrechte auf Unversehrtheit, Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt und durch Gleichstellung in Eigentumsfragen. So verstärken sich Demokratisierungstendenzen und Wandel der Situation von Frauen gegenseitig.

Schwierige Prognose in den Ländern der arabischen Revolution

Es ist möglich, dass wir zumindest in Teilen der arabischen Welt eine solche Entwicklung sehen werden. Dort hat in dem untersuchten Vierteljahrhundert Stillstand geherrscht, was Rechte und Teilhabe-Chancen von Frauen angeht. Kein Land der arabischen Welt hat zwischen 1980 und 2005 den Weg der Demokratisierung eingeschlagen. Im Irak und in den Vereinigten Arabischen Emiraten deutete keiner der entscheidenden Indikatoren auf einen Wandel hin. Die Geburtenraten waren dort hoch, die Bildungs- und Arbeitsmarktpartizipation niedrig. In anderen Staaten des arabischen Raums, darunter Jordanien, Kuwait und Saudi-Arabien, aber auch im Iran, war zwar die Geburtenrate niedrig und der Bildungsstand von Frauen relativ hoch, aber nur wenige Frauen waren erwerbstätig.

In Ägypten, Marokko und Tunesien wiederum war die Geburtenrate zwar niedrig, aber Bildungs- und Arbeitsmarktzugang für Frauen waren nur mäßig. Der Arabische Frühling nährt Hoffnungen auf Demokratisierung und die Verbesserung der Situation von Frauen in der Region. Für eine zuverlässige Prognose ist es noch zu früh. Noch ist nicht abzusehen, ob die Position von Frauen in jenen Ländern für das Gelingen einer demokratischen Wende hinreichend gestärkt wird.

Die Lage in Kuba bessert sich, Frauenrechte werden weiter missachtet

In einer Handvoll der untersuchten Länder ist eine Sondersituation zu beobachten. Die Lage der Frauen verbesserte sich zwar, aber eine Tendenz zur Demokratisierung blieb aus. Das ist in Singapur, Kuba und China der Fall. Dort werden Frauenrechte auf breiter Ebene missachtet, sei es durch Frauenhandel, erzwungene Prostitution oder Zwangsarbeit. In China beruhte die niedrige Geburtsrate auf der rigiden Ein-Kind-Politik, die eine Bevorzugung von Jungen und die Diskriminierung von Mädchen verstärkte.

Trotz dieser Ausnahmen gilt: Der grundlegende Wandel im Leben von Frauen in den letzten Jahrzehnten hat einen wesentlichen Beitrag zur Demokratisierung geleistet. Es wird in einzelnen Ländern auch Rückschritte geben, mancherorts wird sich die Entwicklung nur langsam vollziehen. Aber wenn soziale und wirtschaftliche Rechte von Frauen weiter gestärkt werden, dürften wir auch in den kommenden Jahrzehnten Fortschritte auf dem Weg zur Demokratie und die Festigung bestehender Demokratien sehen.

Jianghong Li forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Paula Wyndow am Telethon Institute for Child Health Research in Perth, Western Australia. Ihre Studie publizierten sie zuerst mit Eugen Mattes in der Zeitschrift „World Development“ (Vol. 52, 2013, S. 34–54).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben