FREIE Sicht : Gebt den Schulen mehr Freiheit

Die Frage bleibt strittig, wer über die Schullaufbahn nach der Grundschule entscheidet. In den Niederlanden ist dies bereits klar gelöst.

Dieter Lenzen[Präsident der Freien Universität]

„Mein Sohn ist elf und hat an der Berliner Grundschule keine Arbeitshaltung gelernt“, erzählt mir der Vater, leitender Mitarbeiter einer Bundesbehörde, der nach Nordrhein-Westfalen versetzt wurde. Er ist mit seiner Familie in die grenznahen Niederlande umgezogen, um von einem Grundschulsystem zu profitieren, von dem Berlin lernen könnte. Denn mit den Berliner Strukturen der Grundschule ist es vergleichbar, allerdings nicht mit den Resultaten. Niederländische Kinder werden mit vier Jahren in die „Basisschool“ eingeschult und gleich in „Groep 1“ gemeinsam mit Fünfjährigen unterrichtet.

Vom Schnürsenkelbinden bis zum Lesen am Computer lernen sie viel. Die niederländische Grundschule ist achtjährig, hätte also alle Chancen, dieselbe Kritik zu erhalten wie die Berliner Grundschule mit ihren sechs Jahren. Als sie in Holland in den 70er Jahren eingeführt wurde, gab es Protest und Empörung, die derjenigen glich, die 30 Jahre später in Deutschland bei dem Vorschlag ausbrach, Vierjährige einzuschulen.

Die in Berlin ein weiteres Mal strittige Frage, wer über die Schullaufbahn nach der Grundschule entscheidet, ist in den Niederlanden klar gelöst: Es gibt kein Grundschulgutachten, sondern einen staatlichen standardisierten Test. Und die Eltern treffen die Entscheidung über den weiteren Schulverlauf auf der Grundlage des Tests und einer Beratung. Das entspricht dem Respekt, den der Staat in den Niederlanden den Eltern entgegenbringt. Sie entscheiden nämlich auch, auf welche Grundschule ihr Kind geht.

Von ihrer Entscheidung hängt zudem die Finanzierung jeder Grundschule ab. Der Staat zahlt ihr ein „Kopfgeld“ für jeden Schüler, den sie gewinnt. Dazu muss die Schule etwas leisten: Öffentliche Inspektionen erlauben den Eltern eine qualitätsorientierte Wahl. Denn über 70 Prozent aller Grundschulen sind in privater Trägerschaft. Das ist der Schlüssel des Erfolgs: Eine Schule muss um ihr Geld kämpfen, bei gleichzeitig hoher Autonomie und Entscheidungsfreiheit – auch im Weltanschaulichen. Religionsunterricht muss nicht gegen den Staat erkämpft werden.

Peter, der Sohn des Bundesbeamten, den seine Mitschüler inzwischen „Piet“ nennen, ist zufrieden und seine Eltern erst recht. Eine Schule, deren Existenz von ihrer Reputation abhängt, nimmt die Wünsche der Eltern ernst: Eine freie Schule mit hoher Verantwortung, die ganz nebenbei noch 20 Prozent kostengünstiger ist als ihre deutschen Schwesterinstitutionen. Vielleicht wird die Finanzkrise ja auch für Berlins Schulen mehr Freiheit generieren und mehr Respekt für die Eltern.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

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