Galileo Galilei : Kolumbus des Himmels

Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften: Vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei in Pisa geboren.

von
Galileo Galilei Foto: IMAGO
Galileo GalileiFoto: IMAGO

Plötzlich ist der Name Galileo Galilei in aller Munde. Selbst der englische König erfährt im März 1610 sofort von der „seltsamsten Neuigkeit“, die ihm jemals aus irgendeiner Weltgegend zugekommen sei. Galilei hat mit einem neuen Instrument, einem Fernrohr, zum Himmel geschaut. Der Italiener hat Gebirge und Täler auf dem Mond entdeckt sowie vier bis dahin unbekannte Himmelskörper, die den Planeten Jupiter umkreisen. Die Milchstraße, so Galilei, sei „nichts als eine Ansammlung von unzähligen, in Haufen gruppierten Sternen. Auf welchen ihrer Abschnitte man das Fernrohr auch richten mag, sogleich zeigt sich dem Blick eine ungeheure Menge von Sternen.“ Ihre Zahl sei schlechthin unerforschlich.

Galilei ist bereits Mitte vierzig, als ihn seine astronomischen Beobachtungen schlagartig berühmt machen. Noch im selben Jahr 1610 verlässt er die Republik Venedig und beginnt ein neues Leben in Florenz als Hofphilosoph der Medici-Fürsten, für die bereits sein Vater Vincenzo komponierte. Wer ist dieser „neue Kolumbus des Himmels“?

Ursprünglich sollte er Arzt werden

Galilei kam am 15. Februar 1564 in Pisa zu Welt. Nach dem Besuch einer Klosterschule nahm er regen Anteil an den akustischen Experimenten, mit denen sein Vater namhafte Musiktheoretiker seiner Zeit herausforderte. Als ältester Sohn sollte er Medizin studieren, rasch zum Unterhalt der Familie und zur Aussteuer für seine beiden Schwestern beitragen. Widerwillig schrieb er sich an der Universität Pisa ein, entdeckte dort jedoch seine Liebe zur Mathematik und fand einflussreiche Förderer wie Guidobaldo del Monte. „Guidobaldos Werkstatt und sein Engagement als Instrumentenbauer, Ingenieur und militärischer Berater beeindruckten den jungen Galilei nachhaltig“, sagt Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, der unter anderem die Geschichte der Mechanik erforscht.

Galileis Monde. Die vier größten Begleiter des Planeten Jupiter hat der Gelehrte im Jahr 1610 entdeckt. Sie werden auch als Galileische Monde bezeichnet. Ihre Namen – Io, Europa, Ganymed und Callisto – erhielten sie 1614 von dem deutschen Astronomen Simon Marius. Die Himmelskörper sind ähnlich groß wie der Erdmond. Die Darstellung besteht aus mehreren Einzelfotos. Abbildung: picture-alliance / dpa
Galileis Monde. Die vier größten Begleiter des Planeten Jupiter hat der Gelehrte im Jahr 1610 entdeckt. Sie werden auch als...Abbildung: picture-alliance / dpa

Wie Galilei zusammen mit seinem Gönner im Jahr 1592 die Bewegung von Projektilen erforschte, illustriert ein hölzerner „Flipperautomat“ in der Bibliothek des Berliner Instituts: Aus einem Rohr schießen polierte Stahlkugeln über ein abschüssiges Holzbrett. Auf ähnliche Weise wollten der Marchese und Galilei die mathematische Form jener Flugkurven finden, die für die Artillerie von höchster Bedeutung waren. Dazu färbten sie ihre Kugeln mit Tinte ein, so dass farbige Spuren auf der schiefen Ebene zurückblieben.

Als Professor für Mathematik in der Republik Venedig orientierte sich Galilei oft an praktischen Fragen. Jahrelang studierte er im Arsenal die Funktionsweise von Hebewerkzeugen und die Festigkeit von Materialien, sammelte jene Erkenntnisse, die Jahrzehnte später in sein bahnbrechendes Werk zur Mechanik, die „Discorsi“, einfließen sollten. Gerade die zeitgenössische technische Praxis habe die Weiterentwicklung des Wissens maßgeblich vorangetrieben, sagt Renn.

Galileis Palazzo in Padua entwickelte sich zu einer Art Militärakademie. Hier quartierte er zumeist adlige Studenten samt Dienerschaft ein und richtete eine Werkstatt für die Herstellung und den Verkauf von Instrumenten sowie für eigene Experimente ein. Ballistik, technisches Zeichnen und Festungsbau standen auf dem Lehrplan, als im Jahr 1609 eine Erfindung aus Holland seine Aufmerksamkeit erregte: das Fernrohr.

Auf Kanonenkugeln schliff er die Linsen für sein Fernrohr

Der Wissenschaftshistoriker Matteo Valleriani vom Berliner Max-Planck-Institut hat auf der Rückseite eines Briefes eine Einkaufsliste entdeckt, die Aufschluss darüber gibt, wie Galilei das Teleskop schließlich zum Forschungsinstrument verfeinerte. Neben Wein und Kleidung finden sich auf dieser Liste merkwürdige Gegenstände, darunter Kanonenkugeln, Orgelpfeifen aus Zinn, Tonerde aus Tripolis, Filz. Die Orgelpfeifen dienten ihm als Rohre, auf den Kanonenkugeln schliff er mithilfe der Tonerde gläserne Linsen, die er anschließend mit Filz polierte. Auch dank seiner guten Verbindungen zu Brillenmachern erarbeitete sich der erfahrene Praktiker beim Bau des Fernrohrs einen entscheidenden Vorsprung.

Im Zuge seiner revolutionären Himmelserkundung trat er dann immer offener für ein neues Weltbild ein. Das kopernikanische System, wonach sich die Erde gemeinsam mit den übrigen Planeten um die Sonne dreht, galt ihm nicht nur als mathematisches Modell, sondern als Abbild der Natur. Die Debatte darüber, ob sich die Erde tatsächlich um ihre Achse dreht und um die Sonne kreist, ohne dass die Menschen etwas davon merken, zog weite Kreise. Selbst Galileis Schirmherrin in Florenz, Christine von Lothringen, diskutierte mit ihm darüber, inwiefern das kopernikanische Weltsystem mit der Heiligen Schrift verträglich war.

Notfalls die Auslegung der Bibel ändern

Wortreich legte Galilei dar, warum das Studium der Natur und die Religion auseinanderzuhalten wären. Wenn es aber zu Widersprüchen zwischen ihnen käme, sollte man die Auslegung der Bibel bezüglich der Naturphänomene ändern, forderte der Gelehrte. Die römische Kirche hatte mit dem Konzil von Trient eigenmächtige Auslegungen der Bibel untersagt. Als sich auch in ihren eigenen Reihen Kopernikaner fanden, schritt die Inquisition ein. Kopernikus’ Werk wurde 1616 auf den Index gesetzt, Galilei kam vorerst mit einer Ermahnung davon. Bis zum legendären Prozess gegen ihn sollten noch 17 Jahre vergehen.

Der Autor ist derzeit „Journalist in Residence“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.

6 Kommentare

Neuester Kommentar