Gefährliche Erreger : Fürst der Viren

Ebola, Sars, Tollwut: Fledermäuse tragen viele gefährliche Viren. Um die nächste weltweite Seuche zu verhindern, versuchen Forscher, die Gründe dafür zu verstehen – und neue Viren zu finden, bevor sie uns finden.

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Foto: Joe McDonald/SPL
Foto: Joe McDonald/SPLFoto: JOE MCDONALD/VISUALS UNLIMITED,

Im November 2002 tauchte im Süden Chinas plötzlich ein neues Virus auf. Patienten litten unter hohem Fieber, Husten, Gliederschmerzen. Jeder zehnte starb. Innerhalb weniger Monate breitete sich der Erreger in mehr als 30 Ländern aus. Die Weltgesundheitsorganisation gab der Seuche den Namen Sars (Severe acute respiratory syndrome). Um ihre Ausbreitung einzudämmen, wurden Reisende an Flughäfen untersucht. Krankenhäuser, in denen Sars-Patienten lagen, wurden abgeriegelt. Eltern konnte ihre todkranken Kinder nicht besuchen, Frauen ihre sterbenden Ehemänner.

Dann verschwand das Virus wieder.

Zurück blieben die Angehörigen von fast 800 Menschen, die der Erreger getötet hatte, viele von ihnen Ärzte und Krankenschwestern – und die Frage, woher dieses Virus gekommen war, das über die Welt hereingebrochen war, als wollte es der Menschheit ihre Ohnmacht vor Augen führen.

Am Donnerstag, rund zehn Jahre nach der Sars-Epidemie, meldeten Forscher im Fachblatt „Nature“, dass sie nahe verwandte Viren gefunden haben – in Fledermäusen in einer Höhle in Südchina. Die Tiere standen schon lange im Verdacht, Reservoir für Sars zu sein. Bereits 2005 hatten Forscher in Hufeisennasen ähnliche Viren nachgewiesen, doch den Erregern fehlte ein wichtiger Genabschnitt, ohne den sie menschliche Zellen nicht infizieren können. Dieses Mal gelang es den Forschern, ein lebendes Virus zu isolieren und damit menschliche Zellen im Labor zu infizieren. „Das zeigt, dass es jetzt in China Fledertiere gibt, die ein Virus tragen, das Menschen direkt infizieren und eine neue Sars-Epidemie auslösen kann“, sagt Peter Daszak, einer der Forscher und Präsident der Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance.

Fledertiere ist der Oberbegriff für Fledermäuse und die größeren Flughunde. Es sind faszinierende Kreaturen, die einzigen Säugetiere, die das Fliegen gemeistert haben (siehe Kasten). In der Öffentlichkeit sind es vor allem die ledrigen Flügel, die Nachtaktivität und die Tatsache, dass sich einige wenige (drei) Arten ausschließlich von Blut ernähren, die die Fantasie angeregt haben und Figuren wie Batman oder Dracula hervorgebracht haben. Doch für viele Forscher sind Fledertiere eher Fürsten der Viren als Fürsten der Finsternis.

Dass Fledermäuse das Tollwutvirus tragen können, wissen Wissenschaftler seit über 60 Jahren. Doch dabei blieb es lange. Dann starben 1994 in Hendra, an der Ostküste Australiens, innerhalb weniger Tage 13 Pferde und einer ihrer Trainer. Das ursächliche Virus wurde zu Flughunden zurückverfolgt. Bei der Untersuchung der Tiere entdeckten die Forscher einen weiteren tödlichen Erreger, das Lyssavirus. Ein anderes Virus sprang 1998 in Malaysia von Fledermäusen auf Schweine und dann zum Menschen und tötete mehr als 100 Menschen. Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass auch Ebola und das Marburgvirus von Fledertieren stammen, ebenso wie zahlreiche weniger bekannte, aber gefährliche Krankheiten mit Namen wie Kasokero, Duvenhage oder Menangle.

Haben Fledertiere also besondere Eigenschaften, die sie zu fliegenden Virenschleudern machen? Darüber wird auf internationalen Konferenzen heftig diskutiert. Forscher wie Daszak weisen darauf hin, dass etwa jede fünfte der 6000 bekannten Säugetierarten zur Ordnung der Fledertiere gehört. Bei dieser Zahl sei es nicht überraschend, dass viele neu auftauchende Krankheiten von den Tieren kämen. Hinzu kommt, dass Fledertiere auf jedem Kontinent außer der Antarktis leben und einige Arten hunderte Kilometer zurücklegen. Möglicherweise gelangen sie deshalb mit mehr verschiedenen Viren in Kontakt als andere Tiere.

In einigen Arten schließen sich außerdem tausende oder Millionen Tiere zu riesigen Kolonien zusammen. „Das macht unter den Säugetieren sonst nur der Mensch und der macht das seit viel kürzerer Zeit“, sagt Christian Drosten, Virologe an der Universität Bonn.

In den fliegenden Großstädten könnte sich eine besonders gefährliche Art Virus entwickelt haben. Viele Viren wie Herpes oder HIV ruhen über Jahrzehnte in ihrem Wirt, häufig verursachen sie nur milde Symptome. Andere Viren wie Masern oder Grippe verursachen sofort eine schwere Erkrankung. Besiegt das Immunsystem sie nach einigen Wochen oder Monaten, ist der Wirt für den Rest seines Lebens vor dem Erreger geschützt. Solche Viren müssen also schnell von einem Wirt zum nächsten springen, „hit and run“ nennen Forscher das. Die Strategie ergibt aber nur dann Sinn, wenn es einen ständigen Nachschub neuer Individuen gibt, die noch keinen Immunschutz haben, genug Neugeborene also. Beim Menschen ist das erst der Fall, seit er vor einigen tausend Jahren erstmals große Städte erbaute. Fledermäuse dagegen leben seit Jahrmillionen in riesigen Verbänden mit vielen Nachkommen. Bei ihnen könnten sich deshalb solche Viren entwickelt haben. „Und das sind genau die Erreger, bei denen wir Angst haben, dass sie auf den Menschen überspringen und dann durch die Menschheit fegen“, sagt Drosten.

Doch Linfa Wang, der ein Team von Fledermausforschern am Australischen Tiergesundheitslabor in Geelong leitet, reicht all das als Erklärung nicht. „Wir glauben, dass bei Fledermäusen etwas sehr Ungewöhnliches vor sich geht“, sagt er. Wang vermutet, dass die Antwort im Immunsystem der Tiere liegen könnte. Seine Hypothese: Während des Fluges verbrauchen die Säuger sehr viel Energie und produzieren Abfallstoffe, die das Erbgut schädigen können. Um das auszugleichen, entwickelten sie ein besonders effizientes System der DNS-Reparatur. Dafür vernachlässigte die Evolution aber das Immunsystem, das einige der gleichen Moleküle nutzt wie das DNS-Reparatursystem. Wang glaubt, dass die Fledermäuse deshalb besonders anfällig sind für Viren.

Erste Belege dafür hat er im Erbgut der Tiere gefunden. Anfang des Jahres haben Wang und andere Forscher im Fachblatt „Science“ die ersten Erbgutsequenzen eines Flughundes und einer Fledermaus veröffentlicht. Beiden Tieren fehlte ein ganzer Abschnitt von Genen, die dem Immunsystem von Säugetieren helfen, Krankheitserreger zu erkennen und gegen sie vorzugehen.

Selbst wenn Fledermäuse mehr gefährliche Viren in sich bergen sollten als andere Tiere, heißt das noch nicht, dass sie auch den Menschen infizieren. So tragen zahlreiche Fledermäuse in den USA das Tollwutvirus, sagt Michael Osterholm, ein Experte für Infektionskrankheiten an der Universität von Minnesota. „Wenn das für die Übertragung ausreichen würde, müssten wir in den USA alle an Tollwut sterben.“ Tatsächlich gebe es aber nur ein oder zwei Fälle pro Jahr, sagt Osterholm. Um sich anzustecken, müsse ein Mensch von einer Fledermaus gebissen werden und das komme selten vor.

Auch Sars ist vermutlich nicht direkt von Fledermäusen zum Menschen gelangt. Vieles deutet darauf hin, dass zunächst Schleichkatzen infiziert wurden und das Virus dann von diesen auf den Menschen übertragen wurde.

In manchen Fällen könnten blutsaugende Insekten, die sich an Menschen und Fledertieren laben, eine Art Virusbrücke zwischen Mensch und Fledermaus sein, sagt der Parasitenforscher Sven Klimpel von der Universität Frankfurt am Main. Das sei bisher aber kaum untersucht. Ein weiterer möglicher Übertragungsweg: Viele Fledertiere ernähren sich von Obst, sie kauen auf den Früchten herum, um Nährstoffe herauszuziehen und spucken sie dann halb verdaut wieder aus. Schweine und andere Tiere, die die Früchte vom Boden fressen, könnten sich so infizieren und die Krankheit dann an den Menschen weitergeben.

Einen direkten Weg könnte es aber auch geben. Gerade in China würden viele Fledertiere verspeist, sagt Daszak. „Die Menschen sollten aufhören, Fledertiere zu jagen und zu essen“, warnt er.

Ob das Sars-ähnliche Coronavirus, das Daszak und seine Kollegen in China entdeckt haben, eine unmittelbare Bedrohung darstellt, ist unklar. Nur weil das Virus im Labor menschliche Zellen infizieren könne, müsse das in der Natur nicht genauso sein, sagt Drosten. Dafür seien weitere Experimente nötig.

Trotzdem sind sich die Wissenschaftler einig, dass es sinnvoll ist, nach neuen Viren bei Fledermäusen und Flughunden zu fahnden. Würden Forscher alle gefährlichen Viren kennen, die die Tiere beherbergen, könnten sie den Ursprung einer Seuche schneller ausmachen und auch schon Impfstoffe oder Medikamente gegen besonders gefährliche Viren vorbereiten, sagt Daszak. „Das wäre der Anfang vom Ende globaler Seuchen.“

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