Gescheiterte Vize-Wahl an der Humboldt-Uni : Humboldts Dominoeffekt

Die dritte von vier Vize-Kandidaten an der Humboldt-Universität tritt zurück. Ist die designierte Präsidentin Sabine Kunst schuld? Oder das Verfahren?

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Ein Rückzieher nach dem anderen. Die Humboldt-Universität sehnt sich seit langem nach Ruhe – vergeblich.
Ein Rückzieher nach dem anderen. Die Humboldt-Universität sehnt sich seit langem nach Ruhe – vergeblich.Foto:Michael Kappele/ picture alliance / dpa

Die Wahl der Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Humboldt-Universität ist geplatzt. Die Politik-Professorin Julia von Blumenthal zog ihre Kandidatur am Dienstagfrüh unmittelbar vor der geplanten Abstimmung des Konzils zurück. Die Studierendenvertreter hätten beschlossen, sie nicht zu wählen, erklärte Blumenthal dem Konzil. Sie hätten dabei aber deutlich gemacht, dass sich der Beschluss nicht gegen ihre Person richtet. Vielmehr gehe es den Studierenden um die jüngsten Ereignisse, nach denen ihnen die gewünschte Auswahl zwischen zwei Bewerbern verwehrt war. „Ich respektiere die Position der Studierenden und trete daher nicht an“, sagte Blumenthal. Angesichts der „vielen guten Gespräche“ mit Vertretern aller Gruppen im Konzil, auch mit den Studierenden, will Blumenthal im nun nötigen zweiten Wahlverfahren aber wieder kandidieren.

Blumenthal war bei der Wahl von den Studierendenvertretern abhängig. Denn an der Humboldt-Universität muss der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten für Lehre, anders als an den anderen Berliner Unis, mindestens eine studentische Stimme bekommen, um gewählt zu werden. Die Studierenden hatten im Vorfeld verdeutlicht, dass ihr Wunschkandidat der Amtsinhaber Michael Kämper-van den Boogaart ist. Kämper hatte seine Bewerbung aber am vergangenen Dienstag unter Protest zurückgezogen. Damit hatte er auf den Rückzug seines Kollegen Jürg Kramer von der Kandidatur um das Amt des Vizepräsidenten für Forschung reagiert. Kramer hatte der designierten Präsidentin Sabine Kunst „Parteinahme“ vorgeworfen, nachdem sie ihm gegenüber ihre „leichte Präferenz“ für seinen Mitbewerber, den Amtsinhaber Peter Frensch, bekundet hatte.

An der Humboldt-Universität sehnt man sich nach Ruhe

Unter den ursprünglich vier Kandidaten ist so ein Dominoeffekt ausgelöst worden. Nur noch Frensch hielt seine Kandidatur aufrecht und wurde am Dienstag auch gewählt: Von 57 Anwesenden stimmten 34 mit Ja, 21 mit Nein. Zwei Stimmen waren ungültig. Wäre Frenschs Gegenkandidat angetreten, hätte die Uni in die nötige inhaltliche Auseinandersetzung mit Frenschs Amtsführung einsteigen können, heißt es aus der Uni. Diese Chance sei vertan worden.

Ist Kunst an allem schuld? Hat sie, die doch einen kompromissbereiten Führungsstil angekündigt hatte, sich als Anhängerin einer konfliktträchtigen Top-down-Philosophie geoutet, als sie kurz vor der Wahl ihren Favoriten nannte? Oder haben Kramer und Kämper mit ihrem Rückzug überreagiert? Darüber wird an der HU diskutiert. Nach dem langen Streit mit dem Amtsinhaber Jan-Hendrik Olbertz sowie nach dem Reinfall mit dem plötzlich abgesprungenen Präsidentenkandidaten Martin Lohse sehnt die Uni sich nach Ruhe.

Das Wahlverfahren wirkt konfliktträchtig

Allerdings ist der Konflikt womöglich nicht allein durch das Verhalten der handelnden Personen heraufbeschworen worden. Vielmehr scheint er schon im Wahlverfahren angelegt. Hier scheint es einen Widerspruch zu geben: Einerseits soll der zukünftige Präsident/die zukünftige Präsidentin bei der Auswahl der Vizepräsidenten mitreden können, nämlich als Mitglied der Findungskommission. So steht es in der Verfassung der Humboldt-Universität. Entsprechend hatte das Kuratorium der HU die Wahl der Vizepräsidenten zeitlich hinter die Präsidenten-Wahl gelegt. Gleichzeitig wollte das Kuratorium dem Konzil, also dem Wahlgremium der HU, aber eine echte Auswahl anbieten. Also nominierte es jeweils zwei Kandidaten für die beiden Posten. Schon dieser Widerspruch – Kunst sollte Einfluss nehmen dürfen, während das Konzil eine echte Wahl haben sollte – scheint konfliktanfällig.

Womöglich haben das Kuratorium und das Konzil von Kunst aber erwartet, dass sie sich mit ihrer Präferenz zurückhält? Wenn ja: Durfte man das von ihr erwarten? Die zukünftige Präsidentin steht schon wegen der nächsten Exzellenzinitiative unter Erfolgsdruck – der Grund dafür, dass sie auf Kontinuität im Amt des Vizepräsidenten für Forschung wert gelegt und sich wegen dessen Erfahrung für den Amtsinhaber Frensch ausgesprochen hat.

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