Gesundheit : Die Grippe-Übung

Die Behörden proben den Ernstfall für eine Pandemie. Was tun, wenn die weltweite Epidemie kommt? Ist Deutschland richtig vorbereitet?

Bas Kast
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Im Fieber. Um gegen eine Grippe-Pandemie gewappnet zu sein, proben Ministerien zwei Tage lang den Ausnahmezustand. -Foto: Ullstein

Am gestrigen Mittwoch starben bereits zehntausende Bundesbürger. Heute werden es noch einmal zehntausende sein – allerdings nur im Computer.

Bund und Länder spielen in diesen Tagen ein Horrorszenario durch, von dem Experten sagen, dass es uns mit hoher Wahrscheinlichkeit bevorsteht: ein weltweiter Ausbruch des gefährlichen Grippevirus H5N1. Eine Pandemie.

Und damit im Katastrophenfall das Land nicht in Chaos und Anarchie zerfällt, proben die Krisenstäbe der Behörden, wie gehandelt werden soll, wenn H5N1 oder ein ähnlicher Grippeerreger in Deutschland zuschlagen würde. Name der Operation: „Lükex 07“ („Länderübergreifende Krisenmanagment-Exercise“).

Das heißt nicht, dass quer durchs Land Krankenwagen ausrücken und Notfallteams in Ganzkörperanzügen und gasmaskenbestückt durch Städte und Dörfer ziehen. Es werde auch kein „auf Grippe geschminkter Tross Krankenhäuser stürmen“, wie die Sprecherin des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Ursula Fuchs, sagte. Stattdessen würden die Teilnehmer etwa mit eigens produzierten Tagesschau-Sendungen und Zeitungsberichten konfrontiert, in denen über die Katastrophe berichtet wird. Daraufhin müssten sie dann reagieren, per E-Mail und Telefon.

Hauptziel der Übung ist es, die Kommunikation zwischen den verschiedenen Ämtern für den Ernstfall fit zu machen. Dazu gehören unter anderem das Bundeskanzleramt, zehn Bundesministerien sowie das Robert-Koch-Institut, aber zum Beispiel auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom oder Tengelmann, das im Katastrophenfall eine zentrale Rolle bei der Nahrungsversorgung spielen würde.

Man könnte es als albernes Spiel oder Panikmache abtun, aber gerade eine Grippe-Pandemie ist eine ziemlich reale Gefahr: Etwa alle 30 bis 40 Jahre tritt eine auf. Die letzte große Grippepandemie geht zurück aufs Jahr 1968: Während der damaligen Hongkong-Grippe starben rund 800 000 Menschen weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterscheidet verschiedene Pandemiephasen. Wir befinden uns derzeit in Phase 3: der „pandemischen Warnperiode“. Das heißt, da draußen lauert ein neuer, gefährlicher Erregertyp. Er ist bereits da, ist unter Geflügel sogar weit verbreitet und kann vereinzelt auch den Menschen töten. Bislang jedoch hat sich das Virus noch nicht so gut an uns angepasst, dass es, wie ein übliches Grippevirus, von Mensch zu Mensch „springen“ kann.

Sobald das geschieht, muss mit Millionen von Kranken und Toten gerechnet werden. Die Spanische Grippe 1918/19 forderte weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer. Bei einem Ausbruch von H5N1 rechnet das RKI mit rund 100 000 Toten allein in Deutschland. Millionen würden erkranken, Hunderttausende müssten ins Krankenhaus. Vor allem in den ersten Wochen gäbe es nur ein – beschränkt wirksames – Gegenmittel: Tamiflu. Da es nicht genug Tamiflu für alle gibt, käme es vielleicht zu einem illegalen Handel und Überfälle auf Apotheken. Im günstigsten Fall würde nach etwa drei Monaten ein Impfstoff zur Verfügung stehen – aber auch der noch lange nicht für jeden von uns.

Damit die zuständigen Behörden nicht kalt von dieser Situation erwischt werden, üben sie nun an zwei Tagen den Katastrophenfall. Ausgangspunkt ist die Situation etwa eine Woche vor dem Höhepunkt der ersten Pandemiewelle. Rund zwölf Millionen Menschen sind erkrankt, sie können und sollten nicht mehr zur Arbeit, wo es nur zu weiteren Ansteckungen käme – das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Es kommt zu Versorgungsengpässen, in jeder Hinsicht: Der Transport liegt lahm, in den Supermärkten wird die Nahrung knapp, in den Bankautomaten das Geld usw. Und das sind nur einige der vorhersehbaren Auswirkungen.

Ein besonderer Teil der Übung bildet laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Presse- und Informationsarbeit. Wie eine Pressekonferenz abgehalten werden könnte, wie man auf die panischen Fragen von Journalisten reagiert – all das soll durchgespielt werden, in der Hoffnung, im Ernstfall möglichst besonnen reagieren zu können. Dass in der Realität alle Medien in der gewünschten Weise mitmachen werden, darf allerdings bezweifelt werden, wenn man sich den wochenlangen Hype vor Augen hält, als das H5N1-Virus im Februar letzten Jahres erstmals bei uns ankam, auf der Insel Rügen. Dabei wurde kein einziger Mensch infiziert.

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