Gesundheit : Mit Lautsprechern gegen Straßenlärm

Vorbeirauschende Autos, knatternde Mopeds - der Lärm der Großstadt kann einem den Schlaf rauben. Foscher wollen mit der Methode „Active noise control“ für Ruhe in der Wohnung sorgen.

Nadine Zeller
Pssst. Lärm belastet. Forscher wollen die Stille zurückholen.
Pssst. Lärm belastet. Forscher wollen die Stille zurückholen.Foto: imago

Bäm! Der Baseballschläger landet krachend auf der Windschutzscheibe. Die Alarmanlage, die eben noch ein ohrenbetäubendes Heulen von sich gegeben hat, verstummt. David Owen lächelt. Endlich Stille. Der New Yorker Anwalt aus der Filmsatire „Noise“ – auf Deutsch: Lärm – hat eine Mission. Er will die Metropole von Lärm befreien und schreckt dabei vor nichts zurück. Der allgegenwärtige Krach treibt Owen so in den Wahnsinn, dass er zurückschlägt und zum stadtbekannten Lärmgegner wird, dem kein Mittel zu extrem ist. Seine Sehnsucht nach Stille teilen viele Menschen im realen Leben. Dabei stören den einen Geräusche, die den anderen kaltlassen. Während Musikfans freiwillig zum Heavy-Metal-Festival Wacken strömen und wohlig im Dezibelrausch schwelgen, nervt andere schon das Summen einer Stechmücke. Unser Alltag ist geprägt von Autohupen, Flugzeugdröhnen, Handygebimmel und Tastaturgeklacker der Kollegen.

Um Lärm zu vermeiden, greifen Wissenschaftler mitunter zu ungewöhnlichen Methoden. So haben Forscher aus Darmstadt einen Weg gefunden, Lärm mit Lärm zu bekämpfen. Um Innenräume vor den Geräuschen des Straßenverkehrs zu schützen, platzieren sie Lautsprecher in Doppelglasfenstern. Akustiker Joachim Bös lacht, wenn er von der Arbeit seiner Kollegen erzählt: „Das klingt natürlich erst mal widersinnig: Lautsprecher gegen den Lärm. Aber die Methode ist ziemlich effektiv.“

Die Wissenschaftler nutzen, dass Schall in Wellen auftritt – in Wellenbergen und Wellentälern. „Wir wussten: Wenn wir es schaffen, mit dem Lautsprecher Wellen loszuschicken, die der ankommenden Lärmwelle derart entgegenschwappen, dass Wellental auf Wellenberg trifft, würde es uns gelingen, die Wellen einzuebnen“, erklärt Bös. Experten nennen dieses Phänomen destruktive Interferenz, weil sich Schallberg und Schalltal gegenseitig auslöschen.

Das Lärm-Kontern funktioniert nicht immer

Fährt also ein Auto vor der Wohnungstür vorbei, bringt der Schall die Luft zum Schwingen. Diese Schwingung trifft auf die äußere Fensterscheibe und drückt sie leicht ein. Durch den im Fensterzwischenraum entstehenden Unterdruck bewegt sich auch die innere Scheibe. Das Resultat: Der Schall landet in der Wohnung. Mit den Lautsprechern wollen die Lärmforscher die innere Scheibe vom Schwingen abhalten. Ein Sensor misst dabei die Oberflächenschwingungen der äußeren Fensterscheibe und stellt den Lautsprecher so ein, dass er den ankommenden Schalldruck ausgleicht. Auf diese Weise bekommt man zwar Doppelglasfenster leise, aber viele andere Räume nicht. Denn Schall breitet sich kugelförmig aus. Das Kontern mit Gegenwellen funktioniert nur, wenn die ankommende Welle berechenbar und geradlinig ist.

Im Innern eines Doppelglasfensters breitet sich der Schall wegen der kurzen Distanz nahezu linear aus, sodass die Wissenschaftler den Schalldruck gut berechnen können. „Kugelförmige Schallwellen einzuebnen, ist ähnlich aussichtslos wie der Versuch, Zwiebelscheiben ineinanderzuschieben“, sagt der Akustiker Bös. Im schlimmsten Fall erziele man damit genau den gegenteiligen Effekt: Ein Wellenberg treffe auf einen Wellenberg und verstärke das Geräusch.

Bös hält ein anderes Vorgehen für effizienter. Neben „active noise control“ – Lautsprecher werden eingesetzt, um gezielt Gegengeräusche zu erzeugen – gibt es noch „active vibration control“. Hier geht es darum, potenzielle Geräuschquellen so zu beeinflussen, dass sie gar keinen Schall erzeugen. So gibt es beispielsweise Apparate, die dafür sorgen, dass bestimmte Teile von Windkraftanlagen nicht zu schwingen beginnen. Auch Automobilhersteller haben ein Interesse daran, Schallabstrahlungen in Autos zu verhindern. Dann wird es in den Autos leiser.

Tempo 30-Zonen können helfen

Nicht nur Verkehrslärm belastet unseren Alltag. Auch Großraumbüros können beispielsweise unsere Konzentration beeinflussen. Markus Meis vom Hörzentrum Oldenburg hat sich mit der akustischen Situation in Arbeitsräumen und Klassenzimmern befasst. Sein Fazit: Sprache kann man kaum ausblenden. „Je deutlicher die Sprache der Kollegen, desto mehr bin ich in meiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt.“ Zudem könne man man Informationen, die über die Sprache kommen, im Gegensatz zu einem Rauschen nicht einfach ignorieren. Laut dem Experten sind Großraumbüros oder Newsrooms oft so eingerichtet, dass ein Informationsfluss stattfinden kann, sich also Schall gut überträgt. Hier sei eine gute Raumakustik wichtig. Abgehängte Decken, Stellwände und Teppiche trügen dazu bei, dass der Raum nicht halle.

Ginge es nach Michael Jäcker-Cüppers von der Deutschen Gesellschaft für Akustik in Berlin, wäre die effektivste Methode gegen Lärm ganz simpel: Gar nicht erst entstehen lassen oder gering halten, lautet sie. Vor allem im Straßenverkehr gäbe es da Möglichkeiten. „Asien übernimmt eine Vorreiterrolle. In Tokio nutzen gerade einmal 18 Prozent der Menschen den Individualverkehr – eine bessere Methode, um Verkehrslärm in den Griff zu bekommen, gibt es nicht“, sagt Cüppers. Auch Tempo 30 in den Innenstädten könne helfen. Ihn störe der Baulärm am meisten. „Da bauen die Nachbarn ihre Wohnung um, lassen ihre Fenster offen stehen und der Krach hallt über die Straße.“ Bislang gibt es laut Jäcker-Cüppers zu wenig Anreize, für mehr Stille zu sorgen. Zu David Owen aus dem Film „Noise“ mutiere er deshalb trotzdem nicht. Denn Baseballschläger, die auf Autoscheiben krachen, um die Alarmanlage zum Schweigen zu bringen, verursachten ja letztlich auch wieder Lärm.

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