Gletscher : Schlechtes Klima für Klimaforscher

Falsche Prognose: Wie sich der Weltklimarat mit Aussagen über rapide dahinschmelzende Himalaja-Gletscher blamierte.

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Eisiger Strom. Die Gletscher des Himalaja werden so schnell nicht verschwinden, auch wenn der IPCC deren Ende bereits für 2035...Foto: Cinetext

Zuerst kamen die E-Mails. Angesehene Klimaforscher sind darin in deftigem Tonfall über Kollegen hergezogen, tauschten sich angeblich darüber aus, wie man unliebsame Studien bestimmter Wissenschaftler aus Fachblättern heraushalten kann. Kaum zufällig wurden diese Informationen kurz vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen in die Öffentlichkeit gebracht. „Climate Gate“ war geboren. Dann kam der Gipfel selbst und brachte ein Ergebnis, für das selbst Optimisten nur den Begriff „enttäuschend“ fanden.

Nun wird in der breiten Öffentlichkeit über widersprüchliche und vor allem nicht belegte Informationen im vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2007 diskutiert. Wie bereits kurz berichtet, steht dort im Band der Arbeitsgruppe II im Kapitel 10.6.2, dass die Himalaja-Gletscher schneller schmelzen als in allen anderen Teilen der Welt. Und dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis 2035 verschwunden sein werden, wenn die Erderwärmung so fortschreitet wie bisher. Weiterhin sei es sehr wahrscheinlich, dass ihre Gesamtfläche bis zum Jahr 2035 von 500 000 auf 100 000 Quadratkilometer abnehme.

Wie sich nun zeigt, sind in der Passage einige Fakten durcheinandergeraten oder schlicht falsch. Tatsächlich haben die Himalaja-Gletscher nicht eine Fläche von 500 000, sondern von 30 000 Quadratkilometern. Das steht sinngemäß auch im IPCC-Report, nur zwei Absätze weiter vorn, nämlich als „drei Millionen Hektar“. Wäre die Einheit umgerechnet worden, hätten die Autoren den Fehler wohl eher bemerkt.

Auch die Einschätzung, dass die Eisströme des Himalaja schneller schrumpfen als anderswo, hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Als Quelle für die Aussage wird ein Bericht der Umweltorganisation WWF von 2005 genannt. Der wiederum wurde aus einer Geschichte aus dem Jahr 1999 im populärwissenschaftlichen Magazin „New Scientist“ gespeist, das seinerseits über eine unveröffentlichte – und damit nicht unabhängig geprüfte – Arbeit des indischen Forschers Syed Hasnain berichtete.

Diesen verschlungenen Pfad der Fehlinformation hat ein Team um den kanadischen Geografen Graham Cogley rekonstruiert und jetzt in einem Brief im Fachjournal „Science“ veröffentlicht.

Selbst für einen Bericht des Weltklimarats ist „graue Literatur“ nicht grundsätzlich tabu. Damit werden Publikationen bezeichnet, die vor Veröffentlichung nicht so streng wie üblich geprüft werden, etwa Kongressberichte und Institutsmitteilungen. Doch dann müssen die IPCC-Autoren umso gründlicher hinschauen und nachprüfen.

Das ist offenbar auch im Fall des dritten Fehlers nicht geschehen. Der massive Gletscherschwund „bis zum Jahr 2035“ geht vermutlich auf einen Zahlendreher zurück, schreibt Cogley. Wahrscheinlich entspringt er einem Fachartikel des Russen Vladimir Kotlyakov, der den Rückgang der weltweiten Gletscherfläche von 500 000 auf 100 000 Quadratkilometer auf das Jahr 2350 datierte. Also nicht auf 2035 und auch nicht auf den Himalaja allein bezogen.

Dass mit dem Jahr 2035 etwas nicht stimmt, ist dem Innsbrucker Glaziologen Georg Kaser bereits vor drei Jahren aufgefallen. Als führender Autor für den ersten Teil des IPCC-Berichts, der sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimawandels befasst, wurde er gebeten, auch den Entwurf des zweiten Teils zu lesen. Dieser widmet sich den Folgen und möglichen Anpassungen an die Veränderungen. Kurz vor der Drucklegung sei ihm der Fehler aufgefallen, sagte Kaser dem Tagesspiegel. „Um alle Gletscher in so kurzer Zeit schmelzen zu lassen, müsste die Temperatur um rund 18 Grad Celsius steigen, das ist physikalisch unmöglich“, erläutert er. „Im Afrika-Kapitel ist der Fehler noch in letzter Sekunde korrigiert worden, aber nicht mehr im Kapitel für Asien.“ Im „Technical Paper VI: Climate Change and Water“, einer Spezialveröffentlichung rund um den Wasserhaushalt, die der Weltklimarat 2008 herausgab, seien die falschen Angaben zum Gletscherschwund im Himalaja nicht mehr enthalten.

Im IPCC-Report, dem Standardwerk für Klimaforscher und -politiker, steht es noch immer falsch. Nachdem immer mehr Medien über die Fehler berichteten, gab der IPCC eine knappe Erklärung ab. Nach einer Einleitung, in der die fundierten Aussagen des Reports herausgestrichen werden, folgt das Eingeständnis, dass an der betreffenden Stelle die strengen Standards nicht eingehalten wurden. Man entschuldige sich dafür.

Selbst der deutsche Klimaökonom und führende IPCC-Wissenschaftler Ottmar Edenhofer meint, der Klimarat habe „möglicherweise etwas zu wenig offensiv“ reagiert. Der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch geht weiter: Dem IPCC falle es offensichtlich schwer, mit Kritik umzugehen. Das hätten auch schon vorangegangene Diskussionen gezeigt. Es wird nicht die letzte Ungenauigkeit sein, die publik wird. „Da sind natürlich noch mehr Fehler drin“, sagte von Storch. Bei der Masse an Aussagen in dem mehr als 2000-seitigen Bericht sei das kein Wunder. „Wenn nur ein bis zwei Prozent der Aussagen falsch sind, dann wäre das schon hervorragend. Einfach, weil es normale Menschen sind, die das machen.“

„Ich will den Fehler nicht kleinreden“, fügt sein Kollege Kaser hinzu, „aber an der Grundaussage des Berichts ändert er überhaupt nichts.“ Gleichwohl sieht er die Gefahr, dass das Ansehen des Weltklimarats durch solche Pannen beschädigt werden könne und Wasser auf die Mühlen der Klimaskeptiker sei.

Bei der Forderung, das Prozedere für den nächsten Sachstandsbericht zu ändern, ist Kaser zurückhaltend. „Man sollte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und jetzt alle Regularien ändern“, sagt er mit Blick auf die graue Literatur. „Es ist uns schon geholfen, wenn die bestehenden Regeln, nämlich das kritische Prüfen, befolgt werden.“ Außerdem wurde für den kommenden Report bereits vereinbart, dass die Arbeitsgruppen II und III nicht mehr parallel, sondern zeitlich versetzt arbeiten. „Da kann man sich besser auf die Finger schauen und Fehler erkennen“, sagt Kaser.

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