Großbritannien : Der Student am Steuer - dank Studiengebühren?

Die Britische Regierung will die Unis zwingen, Qualitätsdaten wie die Größe von Seminaren zu veröffentlichen, um die neuen hohen Studiengebühren rechtfertigen zu können. Die Opposition warnt vor einem "Marktchaos".

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Es brennt. Londoner Studenten protestieren im Januar gegen hohe Gebühren. Foto: dpa/pa
Es brennt. Londoner Studenten protestieren im Januar gegen hohe Gebühren. Foto: dpa/paFoto: picture alliance / dpa

Britische Studenten werden die Wahl ihrer Uni bald mithilfe von Preissuchmaschinen und Qualitätstabellen im Internet treffen. So möchte der britische Hochschulminister David Willets die zweite Stufe der umstrittenen Universitätsreform verstanden wissen. Um einen Preis-Leistungsvergleich zu ermöglichen, müssten Unis in Zukunft etliche Kriterien von der Zahl der „Kontaktstunden“ mit Dozenten bis zu den Jobchancen nach Studienabschluss transparent und vergleichbar machen.

„Studenten werden am Steuer sitzen, wenn sie Informationen haben, welche Studiengänge für sie am besten sind. Universitäten können sich auf die Anforderungen der Studenten einstellen“, erläuterte Willetts, als er im Unterhaus das Weißbuch zur Hochschulreform vorlegte. Angaben über Seminargrößen, die Qualifikationen der Dozenten, Unterbringungskosten, Standard der studentischen Einrichtungen, sogar Informationen über die Einstiegsgehälter von Studienabgängern müssen in Zukunft offen gelegt werden. Studenten könnten notfalls die Kontrollbehörde „Quality Assurance Agency“ für eine Verbraucherbeschwerde einschalten, hieß es.

Im Herbst begann die Koalition aus Konservativen und Liberalen mit der tief greifendsten Hochschulreform seit Jahrzehnten. Der erste Reformschritt ersetzte die direkte Finanzierung der Lehre durch den Staat durch ein dramatisch ausgeweitetes Gebührenmodell. Praktisch der gesamte Lehrbereich der Hochschulen soll über Studiengebühren von bis 9000 Pfund im Jahr finanziert werden. Die Studierenden zahlen, der Staat stellt ihnen Vorabkredite zur Verfügung, die im Berufsleben zurückgezahlt werden, wenn das Einkommen eine bestimmte Grenze übersteigt. Die Gebührenreform löste im Herbst Proteste und Krawalle von Studierenden aus.

„Studenten als Konsumenten“ lautet das Argument der Regierung für die Reform. Anreize für die Universitäten, sich auf die Forschung zu konzentrieren, um Drittmittel aus der Industrie und den staatlichen Forschungsförderungen zu erhalten, gebe es genug. Das neue Finanzierungssystem solle sie dazu bringen, sich stärker auf die Bedürfnisse der Studierenden einzustellen.

Opposition und Studentenverbände warnen vor einem „Marktchaos“. Experten halten es tatsächlich für unausweichlich, dass Unis im Wettbewerb „pleite“ gehen oder von besseren übernommen werden. Denn die Reform soll dazu führen, dass mangelhafte Studiengänge verbessert werden – oder eben abgeschafft. Das könnte zur Abwicklung ganzer Fakultäten und Hochschulen führen. Zudem will über die Hälfte der Unis ab 2012 den Maximalsatz vom 9000 Pfund Studiengebühren verlangen. Trotz der von der Regierung als sozial deklarierten Gebührenkredite dürfte das auf potenzielle Studienbewerber abschreckend wirken, sagen Kritiker.

Gleichzeitig wird jedoch die Gesamtzahl der Studienplätze immer noch amtlich festlegt, damit die Studienkredite das Staatsbudget nicht überfordern. Nur Unis, die die geringsten Gebühren verlangen und diejenigen, die Studenten mit den besten Abiturzeugnissen aufnehmen, sollen nun im ersten Schritt die Erlaubnis zur Expansion der Studentenzahlen erhalten.

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