Hans-Ulrich Wehler wird 80 : Die Deutschen durchschaut

09.09.2011 12:10 UhrVon Bernhard Schulz

Er lernte mit Habermas, verehrte Max Weber und provozierte mit Thesen zum Islam. Vor allem aber hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler den Deutschen erklärt, wer sie sind. Nun wird er 80.

Gefürchtet ist Wehler nicht nur wegen seiner Formulierungsgabe, sondern vor allem wegen seiner unfasslichen Materialbeherrschung. Die Zahl der von ihm aufgesogenen Bücher wird fünfstellig geschätzt, die der durchgeackerten Archive dürfte ähnlich ehrfurchtgebietend sein. Und mit eigenen Werken hat er selbst ganze Bibliotheken gefüllt. Aber vom Wissen allein hat Wehler sich nie überwältigen lassen. Ihn reizt die Urteilsbildung, die auf dem Fundament der Forschung aufsitzt.

Insbesondere die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ spiegelt in ihrem langen Veröffentlichungszeitraum von 1987 bis 2008 die jeweilige geistige Lage der Bundesrepublik, die für Wehler, egal ob als westdeutscher Teilstaat oder um die von ihm äußerst gering geschätzte DDR erweitert, stets den Bezugspunkt abgab. Das gilt ebenso für seine Zuspitzungen, die ihn, wie im Falle des Historikerstreits 1986, denn auch gelegentlich in die polemische Irre führen.

Seit einiger Zeit ruft Wehlers zunehmend negative Beurteilung von Islam und Integration im intellektuellen Milieu heftiges Stirnrunzeln hervor. So erklärte er kategorisch, beim Islam handele es sich „um einen militanten Monotheismus, der seine Herkunft aus der Welt kriegerisch-arabischer Nomaden nicht verleugnen“ könne. Und der bundespräsidentiellen These des vorigen Jahres, auch der Islam gehöre zu Deutschland, hielt er entgegen, „unsere politischen Grundwerte und unsere Kultur“ seien „in keiner Weise vom Islam geprägt worden“.

Vielleicht ist Wehler mehr ein Mann der alten Bundesrepublik, als es bei seiner Debattierfreude scheinen mag. Diese Bundesrepublik, „in der die große Mehrheit der Deutschen lebte, verkörperte von Anfang an einen lebens- und zukunftsfähigen Neustaat, in dem sich alle wesentlichen Modernisierungsprozesse – ob in der Politik und in der Wirtschaft, ob im Recht und in der Kultur – durchzusetzen vermochten, da ihnen eine nachhaltige Förderung zustatten kam. Die DDR dagegen existierte 40 Jahre lang nicht aus Eigenrecht, sondern als eine sowjetische Satrapie, die in letzter Instanz auf den russischen Bajonetten beruhte.“ Da kommt, nicht altersmilde, sondern erfahrungsgesättigt, die Emphase zum Durchbruch, die den Gummersbacher Gymnasiasten in die Aufbruchszeit nach dem Nazi-Regime begleitet hatte.

Den Weg nach Westen musste Wehler nicht suchen, er ging ihn bereits als einer der frühen Fulbright-Stipendiaten beim Studienjahr in den USA. Auch darin verkörpert er geradezu idealtypisch die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Er wurde ihr Interpret, gerade weil er die deutsche Geschichte des Vierteljahrtausends zuvor überblickt, die auf dieses Nachkriegsdeutschland hingeführt hat, seine Politik, seine Wirtschaft und zuallererst seine Gesellschaft.

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