Heilkunst : Das richtige Maß

Schon antike Ärzte kannten Regeln für gesundes Leben. Forscher tragen sie zusammen.

Rosemarie Stein

„Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick geht schnell vorüber ...“ So beginnt der berühmteste Aphorismus des Hippokrates. Nicht nur die ärztliche Kunst braucht lange bis zur Vollendung, auch die Editionskunst der Philologen. Gar so schnell aber geht der rechte Augenblick nicht vorüber: Die Berlin- Brandenburgische Akademie der Wissenschaften beging jetzt das hundertjährige Bestehen ihres Vorhabens, die zahlreichen medizinischen Schriften des klassischen Altertums zusammenzutragen und historisch-kritisch editiert zu veröffentlichen, als „Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum“.

Das ist ein extrem schwieriges Unterfangen, denn die antike medizinische Fachliteratur ist meist nur in mittelalterlichen Handschriften überliefert, die immer wieder fehlerhaft abgeschrieben und für den ärztlichen Gebrauch aktualisiert wurden und manchmal nur in arabischer, syrischer oder hebräischer Sprache vorliegen. Die Jubiläumstagung „Antike Medizin im Schnittpunkt von Geistes- und Naturwissenschaften“ zeigte jetzt, wie lohnend dieses Forschungsprojekt bei aller Mühseligkeit ist, für Medizinhistoriker wie für alle an Gesundheit Interessierten.

Schon im 2. Jahrhundert galt ein einmaliger Heilerfolg als unzureichender Wirksamkeitsnachweis

So gab es in den Vorträgen staunenswerte Details über das beginnende wissenschaftliche Denken, die anatomisch-physiologischen Kenntnisse und das praktische Können antiker Mediziner. Die Pariser Galen-Spezialistin Véronique Boudon-Millot etwa berichtete, der arzneikundige Arzt habe schon im 2. Jahrhundert n. Chr. gelehrt, ein einzelner Heilerfolg sei noch kein Wirksamkeitsnachweis. Vielmehr müsse sich dieselbe Erfahrung mehrfach wiederholen. Der Zürcher Altertumsforscher Walter Burkert wies darauf hin, dass die Nerven schon im 3. Jahrhundert v. Chr. entdeckt wurden. Doch blieb dies jahrhundertelang ohne Wirkung. Die Philosophen sahen nach wie vor das Herz und nicht das Hirn als Zentrum der Person.

Auch für das antike Können gibt es beeindruckende Beispiele. So hatten frühe Schädelpenetrationen keineswegs nur magische Bedeutung, wie vielfach angenommen. Es gab schon in der Antike erfolgreiche operative Eingriffe am Schädel nach Verletzungen, wie der Binger Chirurg Karl Maria Heidecker mitteilte. Überlegen aber waren uns die alten Griechen in der Kunst, sich gesund zu erhalten. So schrieb der Arzt Galen (129 bis etwa 200 n. Chr.) eine sechsbändige Gesundheitslehre, in der er das gesamte medizinische Wissen der Antike zusammenfasste.

Das richtige Maß in allen Lebensdingen als Grundlage für einen gesunden Körper und Geist

Was Christian Brockmann (Leiter der Geschäftsstelle des „Corpus edicorum“ in der Berliner Akademie) daraus zitierte, klang recht aktuell: Ignoranz, Zeitmangel und Willensschwäche waren für den Griechen Galen die Haupthindernisse eines gesunden Lebens. Er kritisierte Ärzte, die kein Vorbild für ihre Patienten sind, und er lobte den Kaiser Marc Aurel (den er zeitweise beriet), weil er nach getaner Arbeit Sport trieb und dies allen empfahl.

Galen war sportmedizinisch erfahren (ein auf sieben Monate befristeter Vertrag als Gladiatorenarzt wurde viermal verlängert). Er warnte Leistungssportler vor Übertreibung und heilte sie physiotherapeutisch. Das richtige Maß, so lehrte er, hänge von der Konstitution ab; ein Zuwenig für den einen könne ein Zuviel für den anderen sein.

Auch in anderen Lebensdingen war für ihn das richtige Maß halten die Voraussetzung fürs Gesundbleiben, womit er dem hoch verehrten Vater der griechischen Medizin, Hippokrates, zustimmte. Brockmann wies darauf hin, dass schon Galen wusste, was erst jetzt die Wissenschaft bestätigte: Bewegung beugt nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen Störungen vor, und eine gute seelische Verfassung fördert auch die Gesundheit des Körpers.

Asklepios verordnete Kampfsport für Mutlose

Auf den Heilgott Asklepios (bei den Römern Äskulap), dem Galens Heimatstadt Pergamon ein großes Heiligtum weihte, berief man sich in der Psychotherapie. Asklepios, der den kranken Pilgern im Heilschlaf erschien, verordnete den allzeit Wutentbrannten besänftigende Musik, den mutlos Passiven dagegen Kampfsport oder Großwildjagd. Der völlig gesunde Mensch, mit einem Körper wie von Polyklet in Bronze gegossen, kann eigentlich nur seiner Gesundheit leben und nicht auch noch arbeiten.

Das war Galen bewusst, sagte Brockmann. Dennoch wollte er sein Gesundheitsbuch nicht nur von Privilegierten, sondern von allen gelesen wissen – allen Hellenen. Für die Germanen, die (so fand er) ihre Kinder nicht richtig aufziehen, hatte er nur Verachtung: Wer seine Ratschläge nicht zur Kenntnis nehme, sei in Gefahr, zu leben wie die wilden Tiere oder die germanischen Barbaren.

Deren Nachfahren können sie in der Ausgabe des Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum von 1923 lesen, demnächst auch im Internet, allerdings ohne Übersetzung. Von den 71 bisher erschienenen Corpus-Texten sind einige bereits online zugänglich (s. Internethinweis). Übersetzungen werden meist den lateinisch oder griechisch publizierten Texten erst seit 1965 beigefügt, sagte Jutta Kollesch, die schon seit 50 Jahren am Corpus mitarbeitet.

Informationen im Internet: http://cmg.bbaw.de

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