Hochschulbauten : Vorsicht, fallende Deckenplatten!

Die Chemie-Gebäude der Freien Universität Berlin sind marode, Abhilfe ist nicht in Sicht. Ein Beispiel für den Sanierungsstau an deutschen Unis.

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Frustriert. Chemie-Dekan Hans Reißig und Prodekan Ulrich Abram mit einem herabgefallenen Deckenteil. Foto: Georg Moritz
Frustriert. Chemie-Dekan Hans Reißig und Prodekan Ulrich Abram mit einem herabgefallenen Deckenteil. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Wann ist es an der Zeit, ein Uni-Gebäude zu sanieren? Studierende und Mitarbeiter sind nicht aus Pappe. Sie nehmen es hin, wenn ihnen auch mal Regen von der Hörsaaldecke auf die Denkerstirn tropft. Der Investitionsstau im deutschen Hochschulbau ist bekannt: Auf 20 Milliarden Euro hat ihn die Hochschulrektorenkonferenz vor einigen Jahren geschätzt. Auch die Chemiker der Freien Universität Berlin (FU) haben gelernt damit zu leben, dass ab und an durchnässte Deckenplatten auf ihre Schreibtische fallen. Doch jetzt ist ihre Leidensbereitschaft erschöpft.

Seit vielen Jahren weiß der Berliner Senat von einer ganzen Liste schwerer Mängel am Chemie-Gebäude in der Takustraße 3 in Berlin-Dahlem. Nach langem Aufschub schien die vollständige Sanierung des Gebäudes – es muss wegen seines desolaten Zustands bis aufs Skelett entkernt werden – unmittelbar bevorzustehen. Entgegen allen Erwartungen hat der Senat den Bau Ende Juni aber doch nicht in seine Investitionsplanung aufgenommen. „Wir waren wie vom Donner gerührt“, sagt Peter Lange, der Kanzler der FU.

Wie es mit dem Gebäude weitergeht, ist nun völlig ungewiss. Das ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Denn Teile der FU-Chemiker sitzen noch in einem anderen Sanierungsfall: in dem vor 50 Jahren bezogenen Institut in der Fabeckstraße 34/36. Geplant war, dass das marode Gebäude aufgegeben wird, wenn das Institut in der Takustraße fertig saniert ist. Ab 2018 sollte gebaut werden, im Jahr 2023 sollte alles fertig sein. Damit der Bau vorbereitet werden kann, hätte der Senat nun erste Mittel bereitstellen müssen.

Hans Reißig, der Dekan des Fachbereichs Biologie, Chemie und Pharmazie, ist frustriert: „Man lässt es hier vor die Hunde gehen.“ Er befürchtet, dass es sehr schwierig werden wird, auch in Zukunft noch renommierte Professoren an das Institut zu holen. Die mit der Chemie verbundenen Natur- und Lebenswissenschaften in Dahlem und in der Region könnten ebenfalls Schaden nehmen. Noch kann die FU-Chemie mit ihrer Forschung prunken.

Nicht nur am Fachbereich, an der ganzen FU breiten sich Enttäuschung und Ärger aus. Der Akademische Senat hat wie berichtet eine Resolution verabschiedet, in der er das Land auffordert, die Entscheidung „unverzüglich zu korrigieren“. Das Chemie-Gebäude wird als Symbol für eine Politik wahrgenommen, die die FU trotz ihrer starken Leistungen in Forschung und Lehre im Stich lässt – und sie auch noch zurücksetzt hinter die TU und die Humboldt-Uni (HU), die mit je einem Neubau in die Investitionsplanung Berlins aufgenommen werden sollen.

Die TU soll ein neues Mathe-Gebäude für rund 85 Millionen Euro bekommen, die Humboldt-Universität ein neues Zentrum zur Erforschung von Hybridsystemen in Berlin-Adlershof für 44 Millionen Euro. Der Bund schießt für den HU-Bau wegen dessen nationaler Bedeutung 18,7 Millionen Euro zu, 25 Millonen Euro übernimmt das Land.

„Wir fühlen uns stark benachteiligt“, sagt Dekan Reißig. So sieht es auch FU-Kanzler Lange und nennt ein weiteres Beispiel: Auch die FU habe es schon geschafft, Bundesmittel für ein Gebäude von überregionaler Bedeutung zu bekommen, nämlich für die Erweiterung der Rostlaube für die „kleinen Fächer“. Doch anders als die HU müsse die FU die Gegenfinanzierung für die 18,45 Millionen vom Bund aus Grundstückverkäufen aufbringen, nämlich 25 Millionen Euro. Die in den Neubau integrierte Bibliothek für die Naturwissenschaften für acht Millionen Euro finanziert die FU ganz allein aus eigenen Mitteln: „Die FU hilft sich immer selbst, ihr wird nicht mehr geholfen“, hat Lange dazu im Akademischen Senat der FU gesagt.

Senat: Wir vernachlässigen die FU nicht

Die Senatsverwaltung weist diesen Eindruck zurück. Die Humboldt-Universität habe in der Vergangenheit „einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung von Forschungsgebäuden durch Verkauf von Grundstücken geleistet“, weitere könne sie derzeit nicht verkaufen, teilt Sprecher Thorsten Metter mit. Die Entscheidung des Senats für die Gebäude von TU und HU sei nicht so zu verstehen, „dass man Hochschulen mehr oder weniger Bedeutung zumisst“.

Warum der Senat die Prioritäten so setzt, will die Verwaltung nicht sagen. Womöglich spielt bei der Entscheidung für die TU-Mathematik aber eine Rolle, dass Berlin sich mit seinem Zentrum Matheon zu einer Hochburg der Mathematik entwickelt hat. Das neue Gebäude für die Humboldt-Universität wiederum gehört zu ihren mit Mitteln aus der Exzellenzinitiative finanzierten „Integrative Research Institutes for the Sciences (IRIS)“. Hier wird die Bewilligung der Bundesförderung den Ausschlag für eine Ko-Finanzierung des Senats gegeben haben.

Die Sanierung des Chemie-Gebäudes der FU in der Takustraße würde 90 Millionen Euro kosten. Geplant ist sie seit zehn Jahren. Dass es in dem Gebäude, Baujahr 1978, Asbest gibt, ist noch länger bekannt, seit 1990. Seit 1996 ist klar, dass saniert werden muss. Im Jahr 2006 ist der Sanierungsfall dann nach den bundesweit geltenden Asbestrichtlinien in die höchste Dringlichkeitsstufe eingeordnet worden – das heißt, dass vorläufige Maßnahmen sofort ergriffen werden müssen und spätestens nach drei Jahren die komplette Sanierung beginnt. Inzwischen sind aber schon sieben Jahre vergangen. Regelmäßig lässt die FU messen, ob das Asbest Mitarbeiter akut gefährdet. Das ist demnach nicht der Fall. „Trotzdem sind viele Mitarbeiter verständlicherweise verunsichert“, sagt Dekan Reißig. Und die Messungen seien aufwendig und teuer.

Überhaupt verschlingt es viel Geld, den unzeitgemäßen Bau funktionsfähig zu halten, jährlich 400 000 bis 500 000 Euro: „Das ist ein Fass ohne Boden“, sagt Reißig. Da das Gebäude nicht gut isoliert ist, frieren die Chemiker im Winter, im Sommer schwitzen sie – denn eine Klimaanlage darf nicht eingebaut werden. Reißig fürchtet, dass teure Gerätschaften Schaden nehmen.

Chemiker experimentieren mit giftigen Gasen. Die etwa 200 Abzüge des Instituts sind veraltet, sie lassen sich nicht steuern. So wird im Winter mehr warme Luft nach außen abgegeben und mehr kalte eingespeist als nötig, sagt Reißig. Auch das verschleudert Energie. Insgesamt verursacht das Gebäude acht Prozent der Energiekosten der gesamten Uni, 1,1 Millionen Euro jährlich, berichtet der FU-Kanzler.

Wasserleitungen und Elektroversorgung sind marode

Regelmäßig brechen in dem Institut ermüdete Rohre, immer wieder muss geflickt werden an Wasserleitungen und an der alten Elektroversorgung. Wegen der Vorsichtsmaßnahmen rund um das Asbest ist das besonders aufwendig: „Insgesamt sind die Laboratorien, wenn nicht punktuell renoviert wurde, verschlissen“, sagt Reißig. Aus Sicherheitsgründen ist die FU auch noch verpflichtet, jetzt alle Brandschutzklappen im Gebäude zu erneuern.

In der Fabeckstraße ist die Lage nicht besser. „Die technischen Innereien sind marode“, sagt Lange. Für jeden neu berufenen Professor müssten ein bis zwei Millionen Euro investiert werden, um ein arbeitsfähiges Umfeld herzurichten. Jedes Jahr müsse die FU „mehrere Millionen nur fürs Rumfummeln“ an Provisorien aufbringen. Dieses Geld stammt aus Bordmitteln der FU, es fehlt an anderer Stelle.

Zusätzlich fühlt sich die FU vom Senat verschaukelt, weil sie aus dem Liegenschaftsfonds des Landes extra einen Ausweichort für die Chemiker erstanden hat: die ehemalige Vorklinik der FU-Mediziner in der Arnimallee 22. Zum Ärger des FU-Kanzlers musste die FU dem Senat für ihr ehemaliges Medizin-Gebäude 4,6 Millionen Euro zahlen – ganz so, als habe das eigentlich nur noch für die FU brauchbare Gebäude einen Marktwert. Die Arnimallee 22 muss für den geplanten Umzug der Chemiker im Jahr 2016 saniert werden. Das kostet insgesamt 32,4 Millionen Euro. Doch der Senat hat jetzt für die kommenden Jahre nur so niedrige Beträge eingeplant, dass man an der FU nicht mehr daran glaubt, dass das Gebäude zum ursprünglich geplanten Zeitpunkt wirklich fertig wird. Die FU wertet das als weiteres Indiz dafür, dass der Senat das Projekt in der Takustraße 3 auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben hat.

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft erklärt auf Anfrage: „Die Wichtigkeit der Sanierung des Chemiestandortes der FU – aber auch anderer Sanierungsprojekte im Wissenschaftsbereich – steht außer Frage.“ Der Sanierungsbedarf sei nun einmal „ein generelles Problem für die Bundesländer“, „ein Problem, das man wahrscheinlich nur mit einer gemeinsamen Aktion des Bundes und der Länder in den Griff bekommen kann“. Eine solche Aktion ist aber nicht in Sicht. Für die Chemie der FU stellt die Verwaltung fest: Ein Fertigstellungstermin kann nicht genannt werden.