Hochschulen : Die Professorin als Ausnahme

Was getan werden muss, damit mehr Frauen in der Wissenschaft mitspielen

Anja Kühne,Amory Burchard

Der Anteil der Professorinnen an deutschen Hochschulen wächst kaum. Das Statistische Bundesamt meldete am Mittwoch, von den knapp 38 000 Professuren in Deutschland seien im vergangenen Jahr 14,9 Prozent mit Frauen besetzt gewesen. Das entspricht gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung von gut einem halben Prozentpunkt. In dieser Größenordnung liegen die Zuwächse seit Mitte der neunziger Jahre, als der Frauenanteil unter den Professoren bei 8,5 Prozent lag. Ginge es weiter so langsam voran, würde es länger als ein halbes Jahrhundert dauern, bis beide Geschlechter bei den Spitzenpositionen an Hochschulen ausgewogen repräsentiert sind. Zudem sind unter den Professoren mit der höchsten Besoldungsstufe C4 und W3 noch einmal deutlich weniger Frauen als Männer.

Dass sich etwas ändern muss, weiß auch der Wissenschaftsrat. Bei seinem Treffen, das gestern begann und am Freitag endet, will das Gremium neue Empfehlungen zur Förderung von Chancengleichheit in der Wissenschaft verabschieden. Dabei kommen eine Reihe von Maßnahmen in Frage, die bereits existierende Anreize noch verstärken können. Bei vorgezogenen Berufungen auf bald frei werdende Professuren könnten besonders Frauen berücksichtigt werden. Frauenförderung könnte finanziell stärker belohnt werden. Auch will der Wissenschaftsrat diskutieren, wie Instrumente zur Frauenförderung in Bund-Länder-Projekte, etwa in die Exzellenzinitiative, den Pakt für Innovation und den Hochschulpakt, integriert werden können. Und er wird erörtern, wie Stellenbesetzungen transparenter gestaltet werden und wie Vorurteile gegen Frauen bei der Projektvergabe reduziert werden können – im Ausland geschieht dies zum Teil, indem das Geschlecht eines Antragstellers für die Gutachter unkenntlich gemacht wird.

Schon 1998 hatte der Wissenschaftsrat auf die Notwendigkeit hingewiesen, „bestehende Hindernisse für Frauen“ in der Wissenschaft „zu beseitigen“. Das Gremium empfahl, die Länder sollten mit den Hochschulen Zielvereinbarungen verabreden und finanzielle Anreize schaffen. Auch sollte die Pensionierungswelle dazu genutzt werden, mehr Frauen zu berufen. Viel verändert hat sich seitdem nicht. Von den Spitzenpositionen der außeruniversitären Institute sind sogar nur 4,5 Prozent mit Frauen besetzt. Trotzdem will der Wissenschaftsrat sich nicht für Quoten aussprechen, sondern für das „Kaskadenmodell“: Dabei ist das Ziel, dass der Frauenanteil einer Qualifikationsstufe den aktuellen Frauenanteil der darunterliegenden Qualifikationsstufe erreicht – in einem bestimmten Fach also der Anteil von Professorinnen genauso hoch ist wie von Doktorandinnen und Studentinnen und sich noch darüber hinaus entwickelt.

Unter den Chefs der großen deutschen Forschungsorganisationen hatte es in letzter Zeit zunehmend Sympathien für eine Quote gegeben. Den Anfang machte der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, vor einem Jahr. Ein Viertel der Professuren sollten an Frauen vergeben werden. Winnackers Nachfolger Matthias Kleiner schloss sich dieser Position an. Auch die Präsidenten der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft haben sich für Quoten ausgesprochen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan solle dafür konkrete Vorgaben machen, appellierte unlängst Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Doch bisher vertritt Schavan die Ansicht, Frauen wollten nicht als „Quotenfiguren“ wahrgenommen werden, und setzt „auf Einsicht vor Ort“.

Für ein Kaskadenmodell statt für eine Quotierung sprechen sich auch die Grünen im Bundestag aus, die zum Thema gerade einen Antrag eingebracht haben. Bislang fehle es vielen Maßnahmen an Verbindlichkeit. Auch die Wissenschaftsorganisationen hätten sich in ihrer „Offensive für Chancengleichheit“ vom November nicht zu konkreten Schritten durchgerungen. Die Grünen fordern, die Bundesregierung solle ihre Forschungsförderung künftig „an verbindliche Gleichstellungskriterien“ knüpfen, heißt es in dem unter anderem von Krista Sager und Karin Göring-Eckardt unterschriebenen Papier. „Verbindliche Kennzahlen“ sollten auch über „negative Sanktionen“ durchgesetzt werden – auch im Hochschulpakt und bei der Exzellenzinitiative. Bei einer Neuauflage des Elitewettbewerbs sollten nur Unis berücksichtigt werden, die verbindliche Gleichstellungsprogramme aufgelegt haben. Außerdem müsse bei der Forschungsförderung die Gender-Forschung deutlich stärker unterstützt werden. „Reflexionen über die Kategorie Geschlecht“ seien ein zentraler Schlüssel für Fragestellungen in allen Wissenschaftsbereichen.

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