Hochschulen : Eine Schule für die Regierung

Nach jahrelanger Planung könnte die Humboldt-Viadrina-School im kommenden Herbst eröffnet werden.

Amory Burchard
Schwan
Gesine Schwan möchte an der Schule Personal für NGOs ausbilden. -Foto: ddp

Es ist eine schwere Geburt. Vor sechs Jahren stellten der damalige Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, und die Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Gesine Schwan, ihr gemeinsames Kind vor – die Humboldt-Viadrina School of Governance (HVSG). Die Hochschule sollte „exzellente Führungskräfte“ für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ausbilden. Wer modernes Regieren und Verwalten lernen wolle, müsse nicht mehr nach Boston, London oder Paris ausweichen, hieß es damals.

Seitdem schien die Gründung der Regierungshochschule mehrfach unmittelbar bevorzustehen – und drohte mehrfach zu scheitern. Jetzt soll es wirklich bald so weit sein: Nachdem der erste Studiengang „Master in Public Policy“ alle Gremien der Viadrina passiert hatte, stimmte auch das Präsidium der HU im Frühjahr 2008 der Gründung zu. Im November gab die Kommission für Lehre und Studium grünes Licht. Und am Dienstag steht er im Akademischen Senat auf der Tagesordnung, die Zustimmung gilt als sicher.

Anfang Dezember hatte allerdings die Gruppe der Studierenden im AS ein Veto gegen die Einrichtung des Studiengangs eingelegt. Wenn am Dienstag erneut abgestimmt wird, kann die Gruppe den Beschluss aber nicht erneut blockieren. Es wird mit einer klaren Mehrheit der 13 Professoren und der je vier wissenschaftlichen Mitarbeiter sowie des sonstigen Personals gerechnet. Weil die HVSG für das viersemestrige Masterprogramm 18 000 Euro Studiengebühren verlangen will, sei es „demokratiefeindlich“, hatten die Studierenden kritisiert. Zudem handele es sich um ein „Ausbildungsangebot für Lobbygruppen und Unternehmen“, sagt AS-Mitglied Lena Müller. Tatsächlich sollten an der HVSG jedoch Führungspersönlichkeiten für die Zivilgesellschaft ausgebildet werden – für NGOs und Bürgerrechtsbewegungen, betont HU-Vizepräsident Uwe Jens Nagel gegenüber dem Tagesspiegel. Und hohe Gebühren werden auch für andere Weiterbildungsstudiengänge der HU verlangt. So kostet das Programm „Trans-Atlantic Masters“ 15 000 Dollar für ein Studienjahr.

Der Studierendenprotest ist nicht die erste Hürde, die die HVSG nehmen muss – und nicht die höchste. Als Mlynek und Schwan das Projekt im November 2003 präsentierten, hieß es, der Lehrbetrieb könne voraussichtlich im Herbst 2004 beginnen. Dann aber platzte die Finanzierung durch die private, in der Schweiz ansässige Polis-Stiftung. Die Zustimmung des HU-Präsidiums sei zudem lange am Widerstand von HU-Präsident Christoph Markschies gescheitert, ist aus der Uni zu hören. Die Konstruktion der Stiftung, die die HVSG tragen wird, sei in der Tat schwierig gewesen, sagt Vizepräsident Nagel. „Jetzt aber ist die Bedingung, dass das Ganze solide finanziert sein muss, erfüllt.“ Inzwischen sei die HVSG an der Humboldt-Uni durchgesetzt: „Wir stehen voll hinter dem Projekt.“ Die Stiftung der Governance School verfüge jetzt über einen „Grundstock von drei Millionen Euro“, sagt Alexander Blankenagel, HU-Professor für öffentliches Recht und Organisator des Masterstudiengangs. Er rechne zum kommenden Wintersemester mit der Eröffnung.

Die Spenden-Werbung hat sich indes immer wieder als heikel erwiesen. 2007 soll Gesine Schwan vom Arzneimittelhersteller Ratiopharm Spenden für die HVSG erbeten haben – als Gegenleistung für eine Zusammenarbeit mit ihr und ihrem Mann, dem Anti-Korruptionskämpfer Peter Eigen. Nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ sollten Schwan und Eigen das Unternehmen dabei beraten, seinen Ruf in der Öffentlichkeit zu verbessern. Die Ratiopharm-Leitung lehnte es ab, sich die Kooperation durch eine Spende zu erkaufen. Schwan erklärte im Mai 2008, das Unternehmen habe ihr Angebot fehlinterpretiert.

Bevor Schwan die Kandidatur zur Bundespräsidentschaft antrat, stand fest: Die Regierungs-Schule sollte nach ihrer Präsidentschaft an der Viadrina, die sie im Sommer vergangenen Jahres im Alter von 65 Jahren abgab, eine neue akademische Heimat werden. Schwan wolle dort lehren und eine politische Plattform aufbauen, auf der Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein neues Modell für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aushandeln. Wenn Schwan im Mai zur Bundespräsidentin gewählt wird, verliert die HVSG ihren wichtigsten Kopf. „Das würde doch nur das Renommee der HVSG steigern“, widerspricht HU-Vizepräsident Nagel. Zudem werde die HVSG von den Wissenschaftlern der beiden Universitäten getragen. Sie sei nicht von einer Person abhängig. Schwan selber will sich erst wieder zur HVSG äußern, wenn die Entscheidung im Akademischen Senat der HU gefallen ist, sagte ein Sprecher.

Aber gibt es in Berlin überhaupt einen Bedarf für eine weitere School of Governance? Denn auch die Absolventen der 2003 gegründeten „Hertie School of Governance“ sind mehrheitlich in NGOs beschäftigt. Beide Hochschulen hätten eine unterschiedliche Zielsetzung, deshalb sei mit einer „hohen Nachfrage“ zu rechnen, sagt jedoch HU-Vizepräsident Nagel. Auch habe die Hertie School ja doppelt so viele Bewerber, als sie aufnehmen könne.

Räumlich hat die HVSG schon lange eine Heimat in der Hauptstadt: 2006 hat sie die frühere Berliner Landesvertretung in der Wilhelmstraße gemietet. 1500 Quadratmeter warten seitdem auf Studierende. Die Räume sind untervermietet – unter anderem an Peter Eigens „Extractive Industries Transparency Initiative“, die „Good Governance“ in Entwicklungsländern fördert und Korruption bekämpft. Amory Burchard

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