Hochschulen : Student im Stress

Bis in die Nacht schuften: Das Bachelor-Studium an deutschen Unis fordert viel – zu viel, wie sich nun zeigt.

Tina Rohowski

In der Vorlesungszeit ist für Constanze Voigt, die im zweiten Semester Skandinavistik und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität studiert, jede Woche „bis oben voll mit Arbeit“: 28 Stunden verbringt sie in Kursen an der Uni, außerdem muss sie Referate vorbereiten, Hausaufgaben für ihre Sprachkurse anfertigen, Protokolle und Exzerpte schreiben und pro Seminar bis zu 60 Seiten lesen. Für einen Kurs in Kunstgeschichte soll sie zudem jede Woche mehrere Stunden in einem Berliner Museum verbringen und einen Aufsatz über eine ausgestellte Skulptur verfassen. „Mein Motto ist: Zähne zusammenbeißen und durch“, sagt die 19-Jährige.

Constanze ist in einem Bachelor-Studiengang eingeschrieben – wie mittlerweile fast alle Studienanfänger in Berlin. Seit Jahren streiten sich Studentenvertreter und Hochschulleitungen, ob der Bachelor den Studierenden ein zu hohes Arbeitspensum aufbürdet. Um zu beweisen, dass überlastete Bachelor „keine Einzelfälle“ sind, hat eine studentische Gruppe an der HU mehr als 2000 Studenten befragt. Das Ergebnis: Etwa die Hälfte der Bachelor-Studenten investiert wöchentlich 40 oder mehr Stunden in ihr Studium, jeder Zehnte gab an, 50 Wochenstunden über Uniarbeiten oder in Lehrveranstaltungen zu sitzen.

Allerdings zeigt die Umfrage auch: Gegenüber den Befragten in alten Studiengängen, also Fächern mit Magister, Diplom oder Staatsexamen als Abschluss, unterscheiden sich die Zahlen nur um wenige Prozentpunkte. Ist der hohe Arbeitsaufwand also wirklich eine „Bachelor-Krankheit“ und auf die Einführung modularisierter Studiengänge zurückzuführen? Für Kolja Fuchslocher, HU-Student und Mitinitiator der Umfrage, ist die Antwort klar: „Die Reform hat eben auch das Studium in den alten Fächern verändert.“ Dort würden nun viele Lehrende ähnliche Anforderungen stellen wie in Bachelor-Kursen. Zudem könnten Studenten im Bachelor ihr Pensum weniger flexibel über das Semester verteilen: „Das bedeutet Dauerstress“, sagt Fuchslocher.

Uwe Jens Nagel, HU-Vizepräsident für Studium und Internationales, hält dagegen: Die Umfrage mache „viele Altprobleme transparent“, die früher nur niemand untersucht oder gar bekämpft hätte.

Die Autoren der Studie fordern nun verbindliche Regeln, wie viele Hausaufgaben oder Referate Dozenten verlangen dürfen. Bislang würden höchst unterschiedliche Ansprüche an die „aktive Teilnahme“ gestellt, die die Studienordnungen der neuen Fächer vorsehen. Dass Lehrende mehr Rücksicht auf die Gesamtbelastung im Studium nehmen sollten, findet Constanze Voigt ebenfalls: „Viele Professoren verhalten sich so, als wäre ihr Seminar das einzige in unserem Stundenplan.“

Studenten, die damit nicht zurechtkommen, suchten immer häufiger psychologische Beratungen auf, sagt Sigi Österreich, Psychotherapeutin in der Beratungsstelle des Studentenwerkes. Im letzten Jahr habe sich die Zahl der „Erstkontakte“ um 20 Prozent erhöht. Sie vermute, dass der Anstieg auf „starre Lehrpläne“ und studienbegleitende Prüfungen in „noch nicht voll ausgereiften Studiengängen“ zurückzuführen ist. Bachelor-Studenten kämen meist aufgrund von Ängsten, Schlafstörungen und Unruhezuständen. Allerdings würden seit einigen Monaten auch mehr Studierende der alten Fächer Hilfe suchen, da sie fürchteten, ihren Abschluss nicht vor Auslaufen ihres Studienganges zu schaffen.

Besonders belastet sind laut der HU-Umfrage Studierende in den ersten beiden Semestern. Denn die neuen Curricula würden in dieser Phase eine Vielzahl von Pflichtkursen zum Grundlagenwissen vorschreiben. Auch Sigi Österreich berichtet, dass gerade Studienanfänger mit dem Arbeitspensum überfordert seien. Stefan Zeidler, 27, der an der Freien Universität im Bachelor-Kernfach Publizistik immatrikuliert ist, hat seine ersten Semester ebenfalls als eine „Zeit mit tierischen Belastungen“ in Erinnerung. Als er in den Ferien noch ein Praktikum absolvierte, habe er abends oder nachts an seinen Seminararbeiten geschrieben und am Wochenende gejobbt, sagt Stefan, der mittlerweile im sechsten Semester studiert. Im vergangenen Jahr sei aber durch neue Studienordnungen an der FU „ein wenig Druck herausgenommen“ worden – nachdem sich Bachelor-Studenten mehrerer Fächer monatelang beim Präsidium und in ihren Instituten beschwert hatten.

An einer Uni im Ausland war Stefan in den vergangenen Jahren nicht. Ein Erasmus-Semester bedeute für die meisten Bachelor-Studenten, dass sie insgesamt ein Jahr mit ihrem Studium in Deutschland aussetzen müssten: „Die Kurse, die wir bis zum Abschluss brauchen, werden oft nur alle zwei Semester angeboten.“ Wer aus dem Ausland zurückkomme, sei nicht mehr im Zyklus und verliere somit Zeit. Constanze nimmt, um genau das zu vermeiden, schon jetzt an zusätzlichen Kursen teil: „Ich will auf jeden Fall ein Semester in Irland machen und danach nicht hinterherhinken“, sagt sie. Constanze hätte gern einen Nebenjob, um ihr monatliches Bafög aufzubessern. Nur fehle ihr dafür Zeit und Flexibilität. Druck entstehe vor allem, weil jede Note in die Abschlusszensur einfließt. Sie alle wüssten: „Man kann sich keine Durchhänger leisten.“

Barbara Gollmer, Referentin für Studium und Lehre an der Philosophischen Fakultät II der HU, sagt, die Uni habe im vergangenen Jahr schon Dutzende Bachelor-Studiengänge „wirklich entschärft“. Davor sei „in einigen Fächern so ein gedrängtes Studium verlangt“ worden, dass „nicht zu erwarten war, dass jemand halbwegs geregelt und in sechs Semestern sein Studium beenden kann“. Man gewähre den Studierenden nun mehr Freiräume. Zum Beispiel müssten sie ihre Seminararbeiten nicht mehr zu Beginn der Semesterferien abgeben, sondern erst an deren Ende. Dennoch vermutet Gollmer: Von den jetzigen Bachelor-Studenten werden „deutlich weniger als die Hälfte“ ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen.

Barbara Gollmer ist an ihrer Fakultät die Beauftragte für alle Fragen rund um den Bachelor. Da solche Posten bislang eine Ausnahme an der HU seien, könne auf Probleme oft nicht schnell genug mit verbindlichen Aussagen reagiert werden, sagt Gollmer. Würde jede Fakultät eine ähnliche Stelle einrichten, sei das – auch für HU-Vizepräsident Nagel – ein „potenzielles Instrument“, um Bachelor-Probleme anzugehen. Die studentische Umfragegruppe fordert hingegen eine „Zentralstelle“ für die gesamte HU, die möglichst weit oben in der Unistruktur angesiedelt sein müsse.

Solche Fragen, sagt Nagel, solle eine „Arbeitsgruppe“ entscheiden, deren Zusammensetzung und Agenda er noch im Juni mit Studentenvertretern aushandeln will. Einige Probleme seien jedoch „nicht kurzfristig zu lösen“. Für Kolja Fuchslocher, Mitautor der Umfrage, sind solche Sätze jedoch vor allem Taktik: „Die Uni spielt auf Zeit“, sagt er.

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