Hochschulen : Um jeden Preis - was Berlins Wissenschaft bewegt

Die Fachhochschulen der Hauptstadt fordern Millionen - während Senator Zöllner die Gründung der Einstein-Stiftung verteidigt

Tilmann Warnecke

Chronischer Geldmangel und Förderung der Spitzenforschung – die Situation an den Berliner Hochschulen bleibt widersprüchlich. Während Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner am Dienstag seine umstrittene Einstein-Stiftung an der Humboldt-Universität (HU) vehement verteidigte, warnten die Fachhochschulen vor „massiven Defiziten in Lehre und Forschung“, falls ihre Etats nicht deutlich erhöht werden. Sie fordern ab 2010 pro Jahr bis zu 32 Millionen Euro mehr Staatszuschuss. Anders ließen sich die steigenden Kosten nicht bewältigen. Sie fordern damit in etwa die Summe, die die von Zöllner geplante Einstein-Stiftung jährlich an exzellente Forschungsprojekte verteilen soll.

Bereits vor einigen Wochen hatten die vier Universitäten für ihre Grundausstattung 157 Millionen Euro mehr pro Jahr gefordert. Aus den Unis sind immer wieder Befürchtungen zu hören, Berlin könne sich die Einstein-Stiftung nicht leisten, wenn gleichzeitig die Grundfinanzierung der Hochschulen nicht gesichert ist.

An der HU trat Zöllner im Akademischen Senat (AS) auf, um sich Fragen zur Einstein-Stiftung zu stellen. Der Termin war kurzfristig anberaumt worden. Es war das erste Mal, dass der Senator mit einem Unigremium diskutierte, seitdem er vor zwei Wochen die Pläne zur Einstein-Stiftung präsentierte. HU-Präsident Christoph Markschies, der die Pläne Zöllners mehrfach gelobt hat, zeigte sich zufrieden. Ihm habe „viel daran gelegen“, dass der AS „aus Ihrem Mund hören kann, dass die Konstruktion der Stiftung der Ratio nicht entbehrt“, sagte Markschies.

Gleichwohl spielte die nicht geklärte Grundfinanzierung der Unis eine Rolle. Der wissenschaftliche Mitarbeiter Christian Franke warf Zöllner vor, „abgehoben“ zu sein. Er verstehe offenbar nicht die Befürchtungen der Unis, mit Tarifsteigerungen alleingelassen zu werden. Er nehme die Befürchtungen durchaus ernst, entgegnete Zöllner. Vielmehr sei eine zusätzliche Förderung für exzellente Forschungsbereiche „eine Argumentationshilfe“ für die Universitäten beim Kampf um mehr Geld für ihre Grundausstattung: „Spitzenwissenschaft ohne Basis geht nicht.“ Er setze sich dafür ein, die neuen Hochschulverträge „an die Kostenseite der Hochschulen anzupassen“.

Fast anderthalb Stunden sprach Zöllner. Zuvor verteilte er ein Diagramm mit den verschiedenen Entscheidungsebenen der Einstein-Stiftung. Kritik an der Besetzung des Vorstandes wies er zurück. Im Vorstand, der über die Finanzzuweisungen entscheidet, sitzen neben Zöllner Finanzsenator Thilo Sarrazin sowie Günter Stock, Präsident der Akademie der Wissenschaften und Vorsitzender des HU-Kuratoriums. Die Idee, der Vorstand könne politikgesteuerte Entscheidungen treffen, sei nicht nachvollziehbar. Vielmehr würde ein Stiftungsrat aus sieben internationalen Topwissenschaftlern den Vorstand kontrollieren.

Der Senator widersprach dem Vorwurf, er habe bereits die Forschungsfelder der Stiftung vorgegeben. Zöllner hatte bei der Vorstellung seiner Pläne Mathematik, Systembiologie, Kulturwissenschaften und Optik genannt. Das seien jedoch die Wünsche, die die Unis an ihn herangetragen hätten, sagte Zöllner. Auf den im HU-AS ausgeteilten Papieren standen jetzt weitere Beispiele wie Nanomedizin, Governance oder „Erfolgreiches Lernen“.

An der Freien und der Technischen Universität hatten die Akademischen Senate in der vergangenen Woche die Stiftung teils heftig kritisiert. Die Professoren im HU-AS dagegen unterstützten Zöllner überwiegend. Der Philosoph Volker Gerhardt sagte, für die Konstruktion der Stiftung gebühre Zöllner Lob. Allein die Bezeichnung Super-Uni habe ihm anfangs nicht gefallen – das Problem sei aber mit der Benennung nach Albert Einstein bestens gelöst worden. Zöllner erklärte, er habe zur Namensfindung auch mit Marketing-Experten gesprochen.

Die Pläne Zöllners seien prinzipiell „ausgezeichnet“, sagte der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme. Die Stiftung müsse allerdings sicherstellen, dass sie neben den „gut bekannten“ Forschungsfeldern auch „das Nichtabsehbare“ entdecke und fördere. Joachim Sauer, Chemiker in Adlershof, fragte, inwieweit durch die Stiftung Stellen besser ausgestattet werden könnten als bisher. Wissenschaftliche Mitarbeiter oder auch Techniker seien derzeit schwer zu halten – etwa weil die Münchner Unis viel besser zahlen könnten. Die Stiftung könne genau bei solchen Problemen Spielräume schaffen, sagte Zöllner.

Unumstritten istdie Stiftung allerdings auch in der HU nicht. Der Biophysik-Professor Peter Hegemann nennt sie in einem Brief an den Tagesspiegel „insuffizient“. Sollte der Vorstand Forschungsthemen vorgeben, sei die Stiftung zum Scheitern verurteilt. „Wie können Vorstände, die aus der Politik oder auch Wissenschaftspolitik kommen, Forschungsthemen vorgeben, also in einer Materie, von der sie entweder wenig oder nichts mehr verstehen?“, fragt Hegemann, der im Berliner Chemie-Cluster forscht, der von der Exzellenzinitiative gefördert wird. Wenn Zöllner Qualitätskriterien erst nehmen wolle, müsste die Stiftung allen universitären Forschern in einem offenen Wettbewerb die gleiche Chance geben, innovative Themen vorzuschlagen. „Wenn die Stiftung aber Modethemen fördert, wird sie nichts wirklich Neues hervorbringen.“

Die Diskussion um die Vereinbarkeit von Finanzlöchern mit der teuren Eliteförderung wird durch die Forderung der Fachhochschulen angefacht. 2010 würden 22 Millionen Euro fehlen, sagt Michael Heine, Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Bis 2013 würde das Defizit auf 32 Millionen Euro im Jahr wachsen. Die FHs hätten in den letzten Jahren über tausend neue Studienplätze geschaffen – ohne dass die Ausstattung verbessert worden wäre. Jetzt fehlten Räume und Flächen für Lehre und Forschung. Wegen steigender Tarife bräuchte man allein fünf Millionen Euro im Jahr mehr. Handele der Senat nicht, würden die FHs zu „Verlierern“ im Wettbewerb um Studenten. Ein Sprecher Zöllners erklärte, der Senat wolle die Wettbewerbsfähigkeit der FHs „mindestens auf gleichem Niveau“ gewährleisten. Allerdings seien die Fachhochschulen von den Kürzungen der letzten Jahre in geringerem Maße als die Universitäten betroffen.

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