Hochschulfinanzierung : Potemkins Preise

Experten sehen im Preismodell des Berliner Wissenschaftssenators Jürgen Zöllner Chancen und Risiken für die Hochschulen.

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Mehr Studienplätze, mehr Geld. Studentenvertreter hoffen darauf, dass Zöllners Preismodell die Rolle der Studierenden stärkt.Foto: TU/Dahl

Am „Preismodell“, auf das Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner die Berliner Hochschulfinanzierung umstellen will, scheiden sich die Geister. „Es verwundert mich, dass ausgerechnet eine rot-rote Koalition ein dermaßen neoliberales System einführt“, erklärte Christine Labonté-Roset, Rektorin der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH), am Donnerstag verärgert im Abgeordnetenhaus. Dorthin hatten die Grünen zu einem „Werkstattgespräch“ eingeladen. Zöllners Preismodell erinnere sie an die Kopfpauschale der FDP im Gesundheitssystem, sagte Labonté-Roset.

Zöllner will, dass sich die Hochschulen zwei Drittel ihrer Grundfinanzierung ab 2012 durch Leistungen verdienen. In der Forschung werden eingeworbene Drittmittel belohnt, in der Lehre die Zahl der Studierenden – mit Mitteln aus dem Hochschulpakt II von Bund und Ländern. Außerdem gibt es vom Land Geld für Fortschritte in den Bereichen Weiterbildung und Diversity (Zahl der Studierenden mit Migrationshintergrund, Zahl der Professorinnen). Ob die Hochschulen auskömmlich finanziert sind, hängt nicht zuletzt von den Preisen ab, die Zöllner an die einzelnen Posten klebt.

Bisher sieht sich etwa die ASH erheblich benachteiligt. So hat die Hochschule es in anderthalb Jahrzehnten zwar geschafft, den Anteil ihrer Professorinnen von 27 auf über 60 Prozent zu heben, sagte Labonté-Roset. Doch beruft die ASH inzwischen nur noch befristet auf fünf Jahre: Nur wer sich bewährt hat, wird verstetigt. Für befristete Professorinnen gäbe es nach Zöllners Vorschlag aber kein Geld – zu Lasten der Grundfinanzierung der ASH. „Wie kann das sein!“, rief Labonté-Roset.

Weiterhin werde es in Zukunft riskant sein, neue Studiengänge aufzulegen – was angesichts der Notwendigkeit, Berufe im Sozial- und Gesundheitswesen zu akademisieren, aber notwendig sei. Sollten Plätze anfangs leer bleiben, drohten finanzielle Verluste. Natürlich könnte die ASH selbst solche Risiken abfedern, indem sie vorsichtshalber mehr Studierende in die schon etablierten Studiengänge aufnimmt. Doch damit wäre das Seminarmodell der ASH – der Unterricht in kleinen Gruppen – am Ende.

Man solle es mit der „Schwarzmalerei“ nicht übertreiben, sagte hingegen Michael Heine, Präsident der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Die Horrorszenarien würden „mit großer Wahrscheinlichkeit nicht eintreten“. Der Gefahr, dass Berlins Hochschulen wie die Uni Potsdam „die Türen aushängen“, um mit wenig Personal viel Geld einzuspielen, sei man begegnet: Denn die Hochschulen hätten sich mit dem Senat auf eine Obergrenze von 6000 neuen Studierenden geeinigt. Auch gebe es ein Netz nach unten: Brechen die Bewerberzahlen oder die Forschungsleistungen deutlich ein, sind die finanziellen Einbußen bei fünf Prozent gekappt. Der HTW würden in einem solchen worst case zwar 2,5 Millionen Euro jährlich fehlen, sie müsste zum Insolvenzberater gehen, sagte Heine. Doch dazu werde es nicht kommen.

Heine weist allerdings darauf hin, dass die Hochschulen schon jetzt zu wenig Geld für die neuen Studienplätze bekommen, die sie mit den Mitteln aus dem ersten Hochschulpakt und dem Masterplan Zöllners aufbauen. So seien die teuren Ingenieurstudienplätze nicht ausfinanziert. Teuer komme es die Hochschulen zu stehen, dass Studierende, die ihr Fach oder die Hochschule wechseln, kein Geld bringen – wie im neuen Preismodell. Heine gab auch zu bedenken, dass die Fülle der Anreize, die das Modell enthält, an den Hochschulen nur schwer zu steuern ist: „Wir wissen gar nicht mehr, an welchen Schrauben wir drehen sollen.“ Schließlich könne es zwischen den Parametern durchaus auch „Zielkonflikte“ geben.

Martin Rennert, Präsident der Universität der Künste, schreibt dem Preismodell „potemkinsche Qualitäten“ zu. Denn die Preise seien unabhängig von den Leistungen der Hochschulen natürlich so berechnet worden, dass keine Hochschule geschlossen werden kann: „Das Bestehende wird zum Maß der Dinge erklärt.“

In der Tat hat die Wissenschaftsverwaltung die neuen Preise so „hingerechnet“, dass die zukünftigen Leistungsparameter in Forschung und Lehre für jede Hochschule etwa dem Status Quo ihrer bisherigen Globalfinanzierung entsprechen. Wer so viel leistet wie jetzt, bekommt auch in Zukunft so viel wie heute. Das heißt aber, dass in der Forschung besonders erfolgreiche Unis – nach DFG-Drittmitteln die FU, gefolgt von der HU – eher gefährdet sind. Ihr im Moment ausgesprochen hohes Niveau an Sonderforschungsbereichen, Clustern und Graduiertenschulen wird zum Maßstab für die Zukunft erklärt. Laufen zwei SFB aus, fehlen der Uni zwei Millionen Euro im Grundetat. Die bei den DFG-Mitteln weit schwächere TU hingegen hat an dieser Stelle ein geringeres Risiko und größere Chancen: Auch ihr jetziger Leistungsstand wurde zur zukünftigen Ausgangsbasis genommen. Allerdings hat sie nur drei SFB (die HU hingegen neun, die FU acht).

Schwankungen in der Grundfinanzierung von einigen Millionen aber bedeuten fehlende Planungssicherheit und mehr Dozenten auf unsicheren Schleudersitzen, wie Vertreter des Mittelbaus anmerkten. Mehrfach gab es in der Debatte Bedenken, ob die Hochschulleitungen die Hochschulverträge überhaupt hätten unterschreiben dürfen.

Weniger besorgt zeigten sich Studierendenvertreter: „Ich verstehe das ganze Heulen und Zähneklappern nicht“, sagte Gerrit Aust vom Refrat der HumboldtUniversität. Der Refrat hofft darauf, dass Zöllners Modell die Rolle der Studierenden, besonders derer mit Migrationshintergrund, stärkt.

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