Humboldt-Universität zu Berlin : Die Zielstrebigen

4800 beruflich Qualifizierte studieren in Berlin ohne Abitur – auch Rosalie Klehm und Marco Fritz.

Julius Heinrichs
Praktischer Zugang. Über die Gewerkschaftsarbeit hat sich Chemielaborant Marco Fritz rechtlichen Fragen angenähert. Jetzt studiert er Jura.
Praktischer Zugang. Über die Gewerkschaftsarbeit hat sich Chemielaborant Marco Fritz rechtlichen Fragen angenähert. Jetzt studiert...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Unterschied zeigte sich bereits bei der Freizeitgestaltung, sagt Rosalie Klehm. „Mich hat nicht interessiert: Oh mein Gott, wie komme ich bloß ins Berghain rein. Oder: Wo kriege ich ganz schnell ganz viele neue Freunde her?“ Als die 28-Jährige ihr Studium an der HU aufnahm, im Oktober vergangenen Jahres, da wollte sie studieren. Und nur das. Kein Netzwerken, keine Clubnächte. Nicht mehr, denn das alles hatte sie bereits erlebt. Während des Fachabis und während des freiwilligen sozialen Jahrs in der Kindertagesstätte. Weniger während der Ausbildung. Und kaum noch während der vier Jahre Berufstätigkeit.

Klehm arbeitete als Kindergärtnerin. Als eine, die ihren Beruf liebte. „Aber irgendwann habe ich mich gefragt: Kann ich das? Kann ich das bis zu meinem 50., vielleicht 60. Lebensjahr? Auf den gleichen, kleinen Holzstühlchen sitzen? Im Sandkasten die gleichen Kinderlieder singen?“ Und weil die Antwort „Nein“ lautete, schaute sie sich nach Alternativen um, eine davon war das Studium ohne Abitur. Und dafür entschied sie sich.

Möglich gemacht hat es der Paragraf elf des Berliner Hochschulgesetzes. Ihm zufolge darf studieren, wer eine zweijährige Berufsausbildung absolviert und anschließend mindestens drei Jahre lang gearbeitet hat. In dem Fall in einem Studiengang, der fachlich an den alten Beruf anschließt. Im Fall von Rosalie Klehm ist dieser Studiengang Erziehungswissenschaft mit Nebenfach Kulturwissenschaft.

Ein Laborant kommt an die Uni - und nicht alle sind begeistert

Berufsaussteiger, die etwas ganz anderes studieren möchten, müssen zuvor eine Zugangsprüfung absolvieren. Marco Fritz ist einer von denen, die das getan haben. Der gelernte Chemielaborant studiert heute an der HU Jura im neunten Semester. Die Prüfung war kein Problem für ihn. „Darin ging es sowieso nicht um rechtliche Fragen, sondern um Geschichte und Soziologie.“

Wobei: Auch bei juristischen Fragen hätte Fritz sich ausgekannt. Seit 2011 ist er gewerkschaftlich aktiv, bei seinem ehemaligen Arbeitgeber saß er im Betriebsrat. Schon oft kam er daher mit dem Gesetz in Berührung. Dieses Vorwissen braucht es auch, sagt Fritz. „Wer sich noch nie mit Gesetzen und Rechtsprechung auseinandergesetzt hat, wird es im Jura-Studium ohne Abitur schwer haben. Juristen denken und argumentieren ganz anders, als man es aus der Schule gewohnt ist.“

Und noch eine Umstellung sei notwendig: „Wer Rechtswissenschaft studiert, kann sich von guten Noten verabschieden. Hier ist gut, wer besteht.“ Ganz gleich, ob mit Abitur oder nicht. Entsprechend, rät Fritz, sollte nur Jura ohne Abi studieren, wer das aus Überzeugung tut. „Auf keinen Fall, weil man später vielleicht mal gut verdient. Oder weil die Eltern es so wollen.“

Das sagt, jura-unabhängig, auch Erziehungswissenschaftlerin Klehm. Viele kämen an die Uni, weil sich das halt so gehört. „Mama hat studiert, Papa hat studiert, klar studiert dann auch das Kind.“ Sie verzieht ihr Gesicht, wenn sie das sagt: „Das kann doch keine Motivation sein.“ Für Kommilitonen, „die hier studieren, dort studieren, aber nicht wissen, warum und wozu eigentlich“, hat Klehm kein Verständnis. Jene, die einen ähnlichen Lebenslauf haben wie sie selbst, seien oft zielstrebiger und besser organisiert.

Die Statistiken der HU bestätigen diesen Eindruck. 25,8 Prozent der beruflich Qualifizierten beenden ihr Studium in der Regelstudienzeit. Im Vergleich dazu weisen Abiturienten eine um acht Prozentpunkte niedrigere Quote auf. Bundesweite Erhebungen dazu gibt es nicht, ebenso wenig wie zu den Abschlussnoten beider Gruppen. Indes steht fest: Wenn beruflich Qualifizierte das Studium abbrechen, tun sie dies nach Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung meist aus familiären Gründen. Denn Berufsaussteiger sind in ihrer Familienplanung oft weiter als jene, die sofort ein Studium aufnehmen.

Auch ihre Voraussetzungen sind andere: „Nach dem Berufsalltag musste ich das Lernen erst wieder lernen. Sich hinsetzen und konzentriert durcharbeiten“, sagt Jurastudent Marco Fritz. „Auch mit Englisch habe ich mich zuerst schwer getan. Ich hatte fünf Jahre zuvor mehr schlecht als recht meine letzte Englisch-Arbeit geschrieben. Da gab’s einiges nachzuholen.“

Die Zahl der Studierenden ohne Abitur steigt

Ganz anders die Situation bei Rosalie Klehm: „In der Ausbildung habe ich gemerkt, wann ich mich konzentrieren kann und wann nicht. Und ich weiß, wie ich mich organisieren muss.“ Fast würde sie allen raten, zuerst eine Ausbildung zu machen und dann mit dem Studium zu beginnen, meint Klehm.

Realistisch ist das nicht, aber zumindest steigt die Zahl der Studierenden ohne Abitur kontinuierlich an. Noch 2012 betrug sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts deutschlandweit 12 464, 2014 bereits 13 963. Das waren 2,72 Prozent aller Studenten. Die Berliner Quote ist noch höher: In der Hauptstadt studieren derzeit 3,84 Prozent aller Eingeschriebenen ohne Abitur, das sind 4804 Studierende. Damit belegt das Land Platz drei im Deutschland-Ranking. Nur Hamburg und Nordrhein-Westfalen weisen höhere Quoten aus.

Dass Berlin unter die Top 3 kommt, ist auch Folge politischer Steuerung. Erst 2011 beschloss die Regierung, beruflich Qualifizierten den Zugang zum Studium zu erleichtern. Zuvor war das zwar auch möglich, jedoch äußerst umständlich.

Damit der Studieneinstieg gelingt, halten die Berliner Hochschulen beruflich Qualifizierten bestimmte Kontingente frei. Acht Prozent sind dies an der Humboldt-Universität und an der Freien Universität. Nur in wenigen Studiengängen werden diese Kontingente allerdings voll ausgeschöpft. „Bisher kann ein sehr großer Teil beruflich Qualifizierter einen Studienplatz erhalten“, sagt Cindy Rehklau. Sie arbeitet bei Crossover, einem Zentrum der Humboldt-Universität für die Beratung und Betreuung von Berufsaussteigern. Nur in Fächern wie BWL und Psychologie übersteigen die Bewerberzahlen die Kontingentzahlen.

In den vergangenen fünf Jahren bekamen daher 500 von 870 Teilnehmern am HU-Zulassungsverfahren einen Studienplatz. Ob die Übernahmequote so hoch bleibt, ist fraglich, denn die Bewerberzahlen steigen von Jahr zu Jahr.

In Rosalie Klehms Studienalltag macht sich der Anstieg bemerkbar: „In fast jedem Kurs habe ich zwei, drei Kommilitonen, die in der gleichen Situation stecken wie ich.“ Mit ihnen verstehe sie sich am besten. „Weil sie denken, wie ich denke. Wir haben andere Themen als die anderen. Und wir können die vielen Freiheiten, die man uns lässt, mehr genießen.“

Beide finanzieren das Studium über ein Stipendium

Marco Fritz war der einzige in seinem Jahrgang, der Jura ohne Abitur studiert – obwohl Jura, Psychologie und BWL die beliebtesten Studiengänge der Berufsaussteiger sind. Überschaubarere Nachfrage herrscht an der HU dagegen in den Geistes- und Sprachwissenschaften, heißt es. Auch Fritz kann mit vielen seiner Kommilitonen nicht sonderlich viel anfangen. Was nicht heißt, dass nicht auch er seine Freunde gefunden hat. Und die braucht es – „damit mir jemand in den Hintern tritt“, wie er sagt. Denn Jura erfordert vor allem Eigenarbeit. „Am Anfang habe ich noch alle Vorlesungen besucht“, sagt der Ex-Laborant, „aber da habe ich schnell gemerkt, dass das wenig bringt.“ Gefordert ist also Selbstdisziplin. Und dabei hilft ein Tritt in den Allerwertesten, von Zeit zu Zeit.

Zumal viele beruflich Qualifizierte einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, weil sie neben dem Studium oft noch arbeiten, um über die Runden zu kommen. Mit 25 Jahren erlischt der Anspruch auf Kindergeld und Familienversicherung. Immerhin können sie Bafög beantragen. Sowohl Fritz als auch Klehm finanzieren das Studium über ein Stipendium. Fritz reicht das Geld aber nicht, also jobbt er als Kellner und in der Uni-Bibliothek.

Die meisten seiner Kommilitonen würden ihm Anerkennung für seinen Weg an die Uni entgegenbringen, sagt Fritz. Aber er registriere auch schiefe Blicke von solchen, die finden, Leute wie er hätten in einer Juristischen Fakultät nichts zu suchen. Daran stören kann Fritz sich nicht, dafür weiß er zu gut, was er erreicht hat. Und wohin die Reise gehen soll. Die gewerkschaftliche Arbeit hat es ihm angetan. Seminare für Betriebsräte gebe er gerne. Oder Rechtsberatung in Streitfällen. Rosalie Klehm möchte gerne zurück in den Kindergarten – in die Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen.

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