Humboldt-Universität zu Berlin : Philosophen sind gefragt!

Besonders in Krisenzeiten sollen akademische Denker die Gesellschaft beraten. Geht es zum Beispiel um ethische Orientierung oder politische Theorie, hat die Philosophie an der Humboldt-Universität vieles zu bieten.

Geert Keil
Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht? HU-Professor Geert Keil hat sich auf die Suche gemacht. Das Bild zeigt ein Detail von Auguste Rodins Plastik "Der Denker".
Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht? HU-Professor Geert Keil hat sich auf die Suche gemacht. Das Bild zeigt ein Detail...Foto: picture-alliance/ Pixsell

Nach einem vielzitierten Wort von Hegel ist die Philosophie „ihre Zeit in Gedanken erfasst“. Die Universitätsphilosophie an dieses Wort zu erinnern heißt sie zu kritisieren. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt sie der Aufgabe, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen, schon seit geraumer Zeit kaum noch nach. Wo sind die Philosophen, die sich mit drängenden Gegenwartsfragen befassen? Die globalen Herausforderungen und Krisenherde lassen sich kaum noch aufzählen, die Zeit scheint aus den Fugen. In Gedanken zu erfassen gäbe es vieles, doch die akademische Philosophie zieht sich, so die Klage, auf die kleinteilige Bearbeitung von Problemen zurück, die außer anderen Fachphilosophen niemanden interessieren.

Diese Klage ist zunächst ein gutes Zeichen. Sie zeigt, dass man von der Philosophie etwas erwartet. Philosophen gelten als Spezialisten fürs Allgemeine, sie befassen sich mit den Grundlagen des Alltagsverstandes und der Wissenschaften. Sie durchdenken Probleme gründlich und geben sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden, sie prüfen Argumente und suchen das Tragfähige vom schlecht Gedachten zu scheiden. Sollte dies die Philosophie nicht prädestinieren, es mit der neuen Unübersichtlichkeit aufzunehmen, Krisenphänomene klärend auf den Begriff zu bringen und in gesellschaftliche Debatten einzugreifen?

Im 20. Jahrhundert hat die Philosophie eine Reihe von politischen Intellektuellen hervorgebracht, die die Einmischung in öffentliche Angelegenheiten zu ihren Aufgaben zählten. Russell, Sartre, Arendt, Foucault oder Habermas taugen aber nur bedingt als Kronzeugen, denn bei näherem Hinsehen war die Verbindung ihrer politischen Interventionen mit ihrer philosophischen Arbeit oft lose.

Bertrand Russells Tribunal, das die amerikanische Kriegsführung in Vietnam untersuchte, hatte mit seiner Philosophie nicht das Geringste zu tun. Die beiden Rollen des öffentlichen Intellektuellen hängen häufig nur indirekt zusammen: Jemand erhält aufgrund anderweitig erworbener Reputation Aufmerksamkeit für Stellungnahmen, die außerhalb seiner Kernkompetenz liegen.

Der Fall Heidegger zeigt: Ein Lehrstuhl schützt nicht vor Torheit

Ein Lehrstuhl für Philosophie schützt auch nicht vor hochgradiger politischer Torheit. Das zeigt auf bestürzende Weise das Beispiel Heideggers, der zunächst „die innere Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus pries und sich später von den Nazis abwandte, weil sie ihm philosophisch nicht radikal genug waren. Heideggers Ressentiments gegen die Moderne erstreckten sich auf alle ihre Erscheinungsformen, er verachtete die Technik und die Industrialisierung, das „kalkulierende Denken“, die Demokratie und den Kosmopolitismus. Die Gaskammern der Vernichtungslager lehnte er aus demselben Grunde ab wie die technisierte Landwirtschaft: weil es Fabriken waren. In Heideggers Fall genügt es auch nicht, über den politischen und moralischen Analphabetismus des Philosophen den Mantel des Schweigens zu breiten, denn seine Ressentiments und sein antizivilisatorisches philosophisches Denken hingen durchaus miteinander zusammen und verstärkten sich wechselseitig.

Heute sehen wir uns einem tiefgreifenden Strukturwandel der Öffentlichkeit gegenüber. Jeder, der der Bedienung einer Tastatur kundig ist, kann mehr oder minder erhellend die Zeitläufte kommentieren und die Netzöffentlichkeit daran teilhaben lassen. Die Mischung aus Kenntnisarmut, Gedankenschwäche und Meinungsfreude, die einem aus Kommentarspalten des Internets entgegenschlägt, mag das Demokratievertrauen auf eine harte Probe stellen. Den Intellektuellen sollte der Verlust der Diskurshoheit daran erinnern, dass seine Intervention nicht mehr und nicht weniger ist als dies: eine unter vielen Stimmen in der öffentlichen Sphäre, die zur politischen Meinungsbildung beitragen. Übrigens erliegen auch gut ausgebildete Akademiker nicht selten der Versuchung, sich an den eher tief hängenden Erkenntnisfrüchten schadlos zu halten. Dass an allen Übeln der Welt wahlweise der Kapitalismus, die Globalisierung, der Kolonialismus oder das Patriarchat schuld sei, wird nicht richtiger, wenn man um diese Weisheiten ein aufwendiges Theoriegebäude herumbaut.

Wenn die Stimme der Philosophie im öffentlichen Diskurs vermisst wird, geht es häufig um ethische Orientierung. Nun zählt der quantitativ größere Teil der akademischen Philosophie zur theoretischen Philosophie, also zu denjenigen Disziplinen, in denen die Frage „Was sollen wir tun?“ keine Rolle spielt. Zum Geschäft der theoretischen Philosophie gehört, Argumente zu prüfen und Grundbegriffe zu untersuchen, die vom Alltagsverstand und in den Einzelwissenschaften verwendet, aber mit deren Methoden nicht geklärt werden können – etwa Wissen, Kausalität oder Zeit. Der Weg von diesen Klärungen bis zur gesellschaftlichen Relevanz ist oft weit.

Das Fach ist handwerklicher und arbeitsteiliger geworden

Auch das Institut für Philosophie an der Humboldt-Universität ist diesem „analytischen“ Philosophiestil verpflichtet. Die universitäre Philosophie hat in den vergangenen Jahrzehnten einen Professionalisierungs- und Spezialisierungsschub erfahren, über den Humboldt vermutlich befremdet wäre. Das Fach ist handwerklicher und methodenbewusster geworden, Probleme werden enger zugeschnitten und oft arbeitsteilig behandelt.

Diese Entwicklung zu kritisieren ist wohlfeil, aber was wäre die Alternative und wer sollte sie ins Werk setzen? Wissenschaft, die Philosophie eingeschlossen, ist methodisch kontrollierte kooperative Erkenntnissuche. Und die Gesellschaft darf erwarten, dass ihre Mittel für diejenige Forschung verwandt werden, die nach den Standards des jeweiligen Fachs als seriös gilt.

Was nun die praktische Philosophie betrifft, also Ethik, politische Philosophie und Sozialphilosophie, bietet die Universitätsphilosophie der Gesellschaft durchaus Relevantes – mit klugen Argumenten ausgetragene Debatten etwa darüber, ob es gerechte Kriege gibt, ob man Tiere essen darf, wie weit unsere Hilfspflichten gegenüber Armen reichen oder ob man Hirntoten Organe entnehmen darf.

Das aktuellste Beispiel ist die Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Gesellschaft für Analytische Philosophie hatte 2015 einen Essaypreis zu der Frage „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“ ausgeschrieben. Der Wettbewerb fand große Resonanz, die besten Beiträge und das entstandene Buch wurden auf einer Veranstaltung an der HU vorgestellt (siehe auch S. 2).

Sie tun, was sie am besten können: gründlich nachdenken

Insofern möchte ich die Frage, wo die Philosophen sind, wenn man sie braucht, so beantworten: Sie tun das, was sie am besten können und was in aufgeheizten Debatten vonnöten ist, nämlich gründlich nachdenken. Wenn sie mit dem Nachdenken fertig sind, gehen sie mit differenziert argumentierenden Beiträgen in die Öffentlichkeit. In eine Öffentlichkeit, die des ideologischen und polemisch vergifteten Streits überdrüssig ist, aber auch des üblichen Interventionsmodus der Großintellektuellen, die wortgewaltig ihre Meinung zum Besten geben. Wir haben nämlich keinen Mangel an öffentlich vorgetragenen Meinungen zur Flüchtlingskrise – ob nun assoziativ und metaphernverliebt wie bei Sloterdijk, deutschnational raunend wie bei Botho Strauß oder kraus ideologisch wie bei Slavoj Zizek.

Wir haben einen Mangel an Argumenten und differenzierten Abwägungen, die eine aktuelle Problemlage auf erreichte Debattenstände der normativen Ethik beziehen und die versuchen, aus geteilten oder konsensfähigen moralischen Prinzipien gehaltvolle Folgerungen abzuleiten. Philosophen, die sich dieser Herausforderung stellen, gibt es nicht wie Sand am Meer, aber es gibt sie.

Der Autor ist Professor für Philosophische Anthropologie am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Artikel ist erstmals in der Beilage der HU zum Start des Wintersemesters 2016/2017 erschienen.

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