Im Profil : Der Doppel-Effekt

Anke Pyzalla managt den Zusammenschluss von zwei traditionsreichen Berliner Forschungsinstituten: des Hahn-Meitner-Instituts in Wannsee und des Bessy in Adlershof.

Ralf Nestler

Anke Pyzalla hat zwei Büros. Das mag nach Luxus klingen, doch in ihrem Fall ist es Stress. Und raumgewordene Diplomatie. Denn ihre 1100 Mitarbeiter gehören erst seit Jahresbeginn zu einer Einrichtung, dem „Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie“ (HZB), das am heutigen Mittwoch offiziell gegründet wird. Zuvor arbeiteten drei Viertel von ihnen am Hahn-Meitner-Institut in Berlin-Wannsee und ein Viertel am „Bessy“ genannten Elektronenspeicherring in Adlershof. Damit keiner benachteiligt wird, arbeitet die wissenschaftliche Geschäftsführerin des HZB an beiden Standorten: Drei Tage pro Woche in Adlershof, zwei in Wannsee, und umgekehrt in der darauffolgenden Woche. Und nicht nur Pyzalla, die gesamte Geschäftsführung soll in diesem Turnus zwischen den Instituten pendeln.

„Es war uns von Anfang an wichtig, dass sich keiner zurückgesetzt fühlt“, erläutert Pyzalla. „Schließlich gab es viele Unsicherheiten vor der Fusion – und wenn es der Verlust des traditionsreichen Namens ist“. Den fürchteten manche Forscher und technische Angestellte in Wannsee wie in Adlershof. Das Hahn-Meitner-Institut ist in den vergangenen Jahrzehnten für seinen Forschungsreaktor bekannt geworden, der Neutronenstrahlen erzeugt. Damit können Wissenschaftler in Werkstoffe – von der Solarzelle bis zur Kurbelwelle – hineinschauen und deren Strukturen atomgenau untersuchen. So wurden hier etwa Triebwerksteile der Ariane-Rakete analysiert, um die Zuverlässigkeit des Weltraumfrachters zu erhöhen.

Die Strahlungsquellen sind riesige Mikroskope

„Wenn man so will, ist die Anlage ein riesiges Mikroskop“, sagt Pyzalla. Auch das Bessy kann winzige Muster sichtbar machen. Mit der Synchrotronstrahlung, die im Ringbeschleuniger erzeugt wird, kann man zwar weniger gut in ein Material hineinzoomen, dafür aber dessen Oberfläche sehr detailliert abbilden. Zahlreiche Forscher aus dem In- und Ausland kommen nach Adlershof, um dieses Verfahren zu nutzen. Auch sie werden sich an den neuen Namen gewöhnen müssen.

Für Anke Pyzalla ist er schon lange selbstverständlich. Im Oktober hat die 42-Jährige ihre Arbeit als Forschungsmanagerin angetreten. Als Materialwissenschaftlerin kannte sie bereits beide Teileinrichtungen. Weil sie jedoch in den vergangenen Jahren als Professorin in Wien sowie als Direktorin im Düsseldorfer Max-Planck-Institut für Eisenforschung gearbeitet hat, gilt sie im HZB als neutral. Auch das mag ein Kriterium dafür gewesen sein, sie an die Spitze der Geschäftsführung zu bringen.

„Bislang funktioniert das Zusammenwachsen gut, wohl auch deshalb, weil beide Einrichtungen davon profitieren“, sagt Pyzalla. Das Bessy zum Beispiel war früher im Leibniz-Verbund, wo die Institute jeweils zur Hälfte vom Bund und den jeweiligen Ländern finanziert werden. Infolge der Fusion mit dem Hahn-Meitner-Institut kam es ebenfalls in die Helmholtz-Gemeinschaft. Dort trägt der Bund 90 Prozent der Kosten, was die Planungen auf ein festeres Fundament stellt.

Gut 100 Millionen Euro erhält das HZB nun jährlich aus der Helmholtz-Gemeinschaft. „Ein leichter Zuwachs“, sagt Pyzalla. Und die ansonsten zurückhaltende Frau fügt schmunzelnd hinzu: „Aber immer noch nicht genug.“ Einschließlich Drittmitteln stehen ihr 110 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Kombination gibt es weltweit nur an drei Orten

Auch für die Wissenschaftler in Wannsee ist der Zusammenschluss vorteilhaft. Für sie ist es jetzt noch einfacher, Experimente am Synchrotron in Adlershof zu machen. Vor allem für die Energieforscher, die in Wannsee Solarmodule entwickeln, ein großes Plus: Sie können rasch überprüfen, ob die hauchdünnen Schichten, die aus wenig Sonnenlicht viel Strom machen sollen, im Labor tatsächlich so gewachsen sind, wie erhofft.

Ein wesentlicher Grund für die Fusion war allerdings, die beiden Berliner Strahlungsquellen noch attraktiver für Gastforscher zu machen. „Die Kombination aus Neutronen- und Synchrotronstrahlung gibt es weltweit nur an drei Orten“, sagt Pyzalla. Im Wettbewerb um internationale Projekte sollte die hiesige Einrichtung ihre Position zusätzlich mit einem Freie-Elektronen-Laser verbessern. Doch im Herbst beschloss die Helmholtz-Gemeinschaft, das Gerät am Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) in Hamburg zu errichten, wo es bereits den Laser „Flash“ gibt.

In Adlershof soll nun ein „Energy Recovery Linac“ entstehen: ein Gerät, das bessere Röntgenstrahlung erzeugt als Bessy. Zudem wird in Wannsee die Experimentierhalle neben dem Reaktor erweitert, um einen Hochleistungsmagneten aufzubauen. Bis zu 30 Tesla soll er leisten, das ist eine Million Mal mehr als das Erdmagnetfeld hat. Mit seiner Hilfe wollen die HZB-Forscher Werkstoffe unter extremen Bedingungen untersuchen, um mehr über den Zusammenhang zwischen Struktur und bestimmten Eigenschaften, etwa Magnetismus, herauszufinden.

Keine Zeit mehr für die eigene Forschung

Pyzalla glaubt, dass sie nicht nur mit den Hightechgeräten Wissenschaftler nach Berlin locken kann. „Wir haben hier eine hervorragende Forschungslandschaft mit Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Instituten“, sagt sie. Die Zusammenarbeit soll noch besser werden. Pyzalla setzt dabei unter anderem auf die Erfahrungen, die sie in Wien mit internen Abläufe in einer Universität gesammelt hat. Auch das Wissen über die Organisation großer Forschungsprojekte, das sie von der Max-Planck-Gesellschaft mitbringt, könnte hilfreich sein.

Für die eigene Wissenschaft allerdings hat Pyzalla keine Zeit mehr. „Das fehlt mir manchmal“, sagt sie. Gerade dann, wenn sie sieht, wie ihre Kollegen und deren Arbeitsgruppen spannende Ergebnisse erzielen. „Als Geschäftsführerin bin ich leider nicht mehr so nah dran.“ Von ihrem Schreibtisch aus – dem in Wannsee – blickt sie lediglich auf eine Reihe gebundener Promotionsschriften. Ihr ist es wichtig, dass die Verfasser nicht nur fachlich weiterkommen. Deshalb hat sich Pyzalla im Zuge der Neuorganisation am HZB dafür eingesetzt, dass die Nachwuchswissenschaftler auch mehr Verantwortung in den Arbeitsgruppen übernehmen, selbst in Personalfragen.

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