Inklusion an Schulen : Holprig zum Miteinander

22.08.2012 00:00 UhrVon Sarah Schaschek
Neue Gemeinschaft. Die Regelschule soll sich so ändern, dass sie auch für behinderte Schüler gut ist (hier Schülerinnen einer integrativen Schule in Frankfurt/Main). Foto: dapd
Neue Gemeinschaft. Die Regelschule soll sich so ändern, dass sie auch für behinderte Schüler gut ist (hier Schülerinnen einer integrativen Schule in Frankfurt/Main). - Foto: dapd

Die Regelschule tut sich weiter schwer mit behinderten Schülern. Es fehlt an Personal, Wissen und geeigneten Gebäuden.

Als der junge Lehrer Albert Schwarz zum Schuljahrsbeginn zwei behinderte Schüler in seine Klasse aufnimmt, ist er überzeugt, dass davon alle profitieren. Die beiden Jugendlichen – Paul ist geistig zurückgeblieben, Steffi gelähmt – dürfen voll am Schulleben teilnehmen. Mitschüler, Lehrer und Eltern sollen den Umgang mit dem Anderssein lernen. Doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Es fehlen die nötigen Schulhelfer, die Steffi aufs Klo begleiten und Paul zum zehnten Mal eine Aufgabe erklären. Die Schule ist zudem nicht barrierefrei, und schließlich boykottieren auch noch die Eltern der begabteren Schüler den Versuch.

Die Geschichte stammt aus dem Film „Inklusion – Gemeinsam anders“ (Regie: Marc-Andreas Borchert) und lief im Mai in der ARD. Tatsächlich erzählt der Film realistisch, welche Schwierigkeiten das hehre Ziel der Inklusion – die von den Vereinten Nationen verordnete volle Teilhabe von Behinderten am gesellschaftlichen Leben – machen kann. Vor allem, wenn sie über Nacht und praktisch ohne finanzielle Mittel gelingen soll. Denn trotz wohlwollender Lehrer und neuer Rechtslage kommt die Umsetzung der Inklusion in Deutschland nur mühsam voran.

Bundesweit haben rund 490 000 Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf, seit zehn Jahren steigt die Zahl. Bis zu drei Viertel dieser Schüler haben eine Lernbehinderung oder sind sprachlich, sozial oder emotional unterentwickelt. Nur 22 Prozent von ihnen werden an allgemeinen Schulen unterrichtet, die meisten in Grundschulen, die Masse an speziellen Förderschulen.

Mit seinem selektiven Bildungssystem sei gerade Deutschland herausgefordert, meint Marianne Demmer, stellvertretende Bundesvorsitzende der Pädagogengewerkschaft GEW. „Hier herrscht noch mehrheitlich die Meinung, dass Behinderte nicht in die Regelschule gehören.“ In Skandinavien und Kanada lernen bereits bis auf wenige Ausnahmen alle Schüler gemeinsam: „Es geht nicht darum, wann ein Kind zu behindert ist, um zur Schule zu gehen. Es geht darum, was wir tun müssen, damit es teilnehmen kann“, wie Sibylle Hausmanns vom Inklusionsnetzwerk „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen“ es ausdrückt.

Seit über drei Jahren haben auch in Deutschland alle Schüler das Recht, eine Regelschule zu besuchen, unabhängig davon, wie schwer sie behindert sind oder wie langsam sie lernen. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die Deutschland im März 2009 ratifiziert hat, fordert in Artikel 24, dass Schulen sich auf die Bedürfnisse von Behinderten einstellen sollen und Schüler nur noch in absoluten Ausnahmefällen auf Förderschulen schicken dürfen. Allerdings können die Schüler mit Behinderungen die Inklusion nicht individuell einklagen – was unter Juristen umstritten ist.

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