Interview : „Mais, Mais, Mais ist keine gute Idee“

Der Bioökonomierat stellt seine Studie zur Bioenergie vor. Im Interview spricht der Ratsvorsitzende Reinhard Hüttl über unsere Verantwortung für Schwellenländer und wie Landwirtschaft intensiv und zugleich nachhaltig betrieben werden kann.

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Wildwuchs. In 15 Landkreisen wird bereits auf mehr als der Hälfte der Landwirtschaftsfläche Mais angebaut. Foto: p-a/dpa
Wildwuchs. In 15 Landkreisen wird bereits auf mehr als der Hälfte der Landwirtschaftsfläche Mais angebaut. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Heute übergibt der Bioökonomierat seine Studie zu Chancen und Risiken der Bioenergie. Das Ziel der Bundesregierung lautet, bis 2050 den Anteil der Biomasse am Energieverbrauch von derzeit acht Prozent auf 23 Prozent zu steigern. Wie soll das gehen, wenn bereits heute jeder sechste Hektar der landwirtschaftlich genutzten Fläche mit Energiepflanzen besetzt ist?

Es geht nur, wenn auf den vorhandenen Flächen die Erträge steigen. Wir werden auch verstärkt auf Abfallstoffe wie Stroh oder Alt- und Restholz zurückgreifen müssen, um daraus Energie zu gewinnen. Nicht zuletzt spielt auch der Import von Biomasse eine wichtige Rolle sowie die Kaskadennutzung.

Reinhard F. Hüttl ist Forst- und Bodenwissenschaftler.
Reinhard F. Hüttl ist Forst- und Bodenwissenschaftler.Foto: picture alliance / dpa

Was ist darunter zu verstehen?

Nehmen wir Holz: Das könnte beispielsweise im Bau für Dachstühle und Fenster oder für Möbel und Fußböden genutzt werden. Wenn Jahre später umgebaut wird, steht es wieder zur Verfügung und kann vielleicht noch in der Papierindustrie verwendet, auf jeden Fall aber energetisch verwertet werden. Heute bedeutet das zumeist nichts anderes als Verbrennen, in Zukunft hoffentlich auch die Produktion flüssiger Treibstoffe.

Zurück zur Ertragssteigerung. Welche Rolle kommt dabei der grünen Gentechnik zu?

Zunächst lässt sich auch ohne Gentechnik viel erreichen. Hier in Deutschland wurde die Produktivität der Landwirtschaft seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ganz erheblich gesteigert – durch herkömmliche Züchtung, verbesserte Anbau- und Ernteverfahren sowie Düngung und Schädlingsbekämpfung. Ein solcher Sprung steht vielen Ländern noch bevor.

Was die grüne Gentechnik betrifft, sollte die Erforschung frei sein. Eine flächendeckende Umsetzung und Anwendung der Forschungsergebnisse ist aber eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidung. In den USA oder China steht man der grünen Gentechnik offen gegenüber. Bei uns wird das bekanntermaßen sehr kritisch gesehen.

Stichwort Akzeptanz. Wer in der Nähe von Biogasanlagen wohnt, ist genervt von der „Vermaisung“ der Landschaft, von Zulieferverkehr, Lärm und Gestank. Und es entstehen immer mehr Betriebe. Droht die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen?

Wir haben in Deutschland rund 6.000 solcher Anlagen und in der Tat ist das ein kritisches Thema. Aufgrund hoher Einspeisevergütungen für Strom aus Biogas wird mancherorts die auf Nahrungsmittelproduktion ausgerichtete Landwirtschaft durch die neuen Energiewirte verdrängt. Das hat auch Auswirkungen auf Boden- und Pachtpreise. Abgesehen davon ist der monotone Maisanbau auch für die Böden nicht gut.

Worin besteht das Problem?

Dem Boden werden viele Nährstoffe entzogen. Um das auszugleichen, muss viel gedüngt werden. Hinzu kommen Erosion sowie Bodenverdichtung durch die Maschinen während der Ernte. In kurzer Zeit muss viel Mais geborgen werden, auf ungünstige Witterung kann keine Rücksicht genommen werden. Auch die Artenvielfalt leidet. Natürlich ist das je nach Standort verschieden, jeder Boden erfordert eine bestimmte Fruchtfolge. Aber Mais nach Mais nach Mais, das ist keine gute Idee.

Sie wollen deshalb die Einspeisevergütung streichen?

Nein, ich setze vorerst auf andere Wege. Das können Quoten für bestimmte Pflanzen oder Anbauformen sein. Wir sollten alternative Verwertungswege stärken. Etwa Getreidestroh für die Bioethanolproduktion, Kurzumtriebsplantagen, auf denen für wenige Jahre schnellwachsende Hölzer wachsen oder Agro-Forstanlagen, wo Hölzer gemeinsam mit landwirtschaftlichen Pflanzen angebaut werden. Sinnvoll wäre eine Zertifizierung, die den nachhaltigen Anbau einer bestimmten Energiepflanze nachweist. Ein solches Siegel darf es natürlich nur dann geben, wenn zum Beispiel wechselnde Fruchtfolgen oder Höchstmengen für Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingehalten werden. Letztlich muss es darum gehen, dass wir nicht mehr Energie – in Form von Maschinenbewegung, Dünger, Pflanzenschutz, Bewässerung, bis hin zur Verwertung in technischen Anlagen – reinstecken als wir rausholen. Für den Kohlendioxidausstoß muss die Bilanz selbstverständlich ebenfalls positiv sein. Ich will noch einmal hervorheben: Eine intensive Produktion ist möglich, ohne dabei die Natur zu zerstören.

In dem Bericht heißt es sogar: „Aktuelle Tendenzen in der Politik, eine Extensivierung der Landwirtschaft (Ökolandbau) zu fördern, sind zu hinterfragen.“ Was spricht gegen Ökolandbau?

Nichts, solange wir hier nicht janusköpfig agieren. Bereits heute führen wir 40 Prozent der hierzulande verarbeiteten Biomasse aus dem Ausland ein. Es wäre unredlich, unseren steigenden Bedarf über mehr Importe zu decken und zugleich die Flächenerträge der eigenen Landwirtschaft zu reduzieren.

Dennoch werden die Importe weiter zunehmen, sonst geht die Bioenergiestrategie nicht auf. Ist das zu verantworten, wenn dadurch vor allem in Schwellenländern die Nahrungsmittelversorgung unter Druck gerät?

Da stehen wir klar in der Verantwortung, und es heißt eindeutig: Food First. Aber wir verschwenden noch viel Potenzial. Nehmen wir zunächst Deutschland. 30 bis 40 Prozent der Nahrungsmittel werden weggeworfen, unter anderem weil das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist. Oft wird nicht geprüft, ob das Lebensmittel noch genießbar ist. Wenn wir diese Quote senken, etwa indem wir Nahrungsmitteln realistische Preise geben, haben wir viel gewonnen. Auch in den Entwicklungsländern gibt es eine ähnliche Verlustquote, die allerdings früher in der Produktionskette entsteht: durch wenig ausgereifte Erntetechniken und dadurch bedingte Ernteverluste oder lückenhafte Kühlketten bei Transport und Lagerung. Auch dort gibt es noch viele Möglichkeiten, um die Versorgung zu verbessern.

Gesetzt den Fall, diese Probleme werden entschärft: Ist es möglich, sieben Milliarden Menschen satt zu machen und gleichzeitig so viel Bioenergie zu erzeugen, dass ein nennenswerter Anteil des Gesamtbedarfs gedeckt wird, wie es die Bundesregierung vorsieht?

Ich bin fest davon überzeugt, dass dies gelingen kann, sonst hätten ich und meine Kollegen den Bericht nicht unterschrieben.

Das Interview führte Ralf Nestler.

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