Interview : „Ohne Ekel wären wir längst ausgestorben“

18.02.2012 00:00 Uhr
Valerie Curtis (54) leitet das Hygienezentrum der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sie erforscht die Ursprünge des Ekels. Jonathan Player
Valerie Curtis (54) leitet das Hygienezentrum der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sie erforscht die Ursprünge des Ekels. - Jonathan Player

Valerie Curtis über die Ursprünge des Ekels - und warum er so wichtig für unser Leben ist.

Frau Curtis, Sie erforschen seit vielen Jahren den Ekel. Warum haben wir dieses Gefühl überhaupt?

Ekel schützt uns davor, von innen aufgefressen zu werden durch Parasiten, genauso wie Angst uns davor schützt, von außen von großen Raubtieren gefressen zu werden. Ohne Ekel wären der Mensch und andere Tiere wohl längst ausgestorben.

Tiere ekeln sich also auch?

Ja, nicht nur Menschen vermeiden klebrige, feuchte, warme und übel riechende Dinge, die Krankheitserreger beherbergen könnten. Selbst der Wurm C. elegans, der nur einen Millimeter lang ist und nur 302 Nervenzellen hat, vermeidet Mikroben, die ihn krank machen könnten, frisst aber gerne andere.

Und Schimpansen säubern sich, nachdem sie sich gepaart haben.

Warum hat es so lange gedauert, bis eine evolutionäre Erklärung von Ekel akzeptiert wurde?

Lange Zeit waren die Sozialwissenschaften äußerst misstrauisch gegenüber jedem Versuch, Verhalten biologisch zu erklären. Für diese Wissenschaftler sind Menschen leere Schiefertafeln, die die Gesellschaft beliebig beschreiben kann. Aber das stimmt nicht. Wir sind programmiert, nur bestimmte Dinge zu lernen. Sie lernen in einem frühen Alter sich vor Fäkalien zu ekeln, aber es ist sehr schwer, Ekel vor Blumen oder Keksen zu erlernen.

Aber Kultur spielt doch sicher auch eine Rolle dabei, vor was wir uns ekeln?

Ja, selbstverständlich. Kultur ist wichtig. Aber es ist eher so, dass die Natur bestimmte Themen vorgibt und die Kultur dann Variationen auf diese Themen.

Wie wichtig ist Ekel heute?

Ekel ist unsere erste Verteidigungslinie gegen Krankheitserreger. Weil wir Ekel empfinden, wollen wir nicht vom selben Teller essen wie andere Menschen, nicht dasselbe Handtuch nutzen, ihnen nicht zu nahe kommen. 90 Prozent der Erkrankungen in Entwicklungsländern sind immer noch Infektionskrankheiten. Wenn alle Menschen sich die Hände waschen würden, könnten wir jedes Jahr hunderttausende Leben retten.

Mit Ekel können Sie die Hygiene verbessern?

Wir versuchen, diese uralte Emotion anzusprechen. So haben wir in einer Studie gezeigt, dass an jedem sechsten Mobiltelefon Darmbakterien nachgewiesen werden können: Kot. Das ekelt Menschen an, aber so beginnen Sie vielleicht auch Ihr Verhalten zu ändern.

Die Fragen stellte Kai Kupferschmidt.

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