ISS-Raumstation : In der Weltraum-WG

Seit zehn Jahren schwebt die Raumstation ISS über der Erde – schon 200 Astronauten haben dort gewohnt. Inzwischen ist das Leben dort fast Normalität.

Benedikt von Imhoff
Völlig schwerelos. Der Belgier Frank De Winne 2009 in einem Labor der Internationalen Raumstation ISS. Weil viele wissenschaftliche Forschungsprojekte hinter dem Zeitplan zurückliegen, steht das Projekt in der Kritik. Foto: p-a/dpa
Völlig schwerelos. Der Belgier Frank De Winne 2009 in einem Labor der Internationalen Raumstation ISS. Weil viele...Foto: picture-alliance/ dpa

Seit zehn Jahren leben dauerhaft Menschen auf der Internationalen Raumstation (ISS). Am 2. November 2000 erreichten zwei Russen und ein Amerikaner nach zweitägigem Flug als erste Langzeitbesatzung die Außenstation der Menschheit in knapp 400 Kilometern Höhe, die manchmal auch scherzhaft als „teuerste Wohngemeinschaft der Welt“ bezeichnet wird.

Was als großes Abenteuer begann, ist ein Jahrzehnt später fast Normalität. Aufsehen erregen heutzutage weniger die wichtigen Forschungsprojekte oder schwierigen Außeneinsätze, sondern oftmals Kuriositäten und Pannen. Dabei ist die Station ein Zeichen für erfolgreiche internationale Zusammenarbeit. Etwa 15 Nationen beteiligten sich an Bau und Finanzierung, darunter Deutschland.

Seit 2000 gab es häufige Aus- und Einzüge, etwa 200 Mitbewohner kamen und gingen im Abstand von nur wenigen Monaten. Der erste Deutsche war 2006 der Astronaut Thomas Reiter. Gemeinsam arbeiteten Raumfahrer aus 16 Ländern auf dem Außenposten im All. Außerdem besuchten sieben Abenteuertouristen die ISS. Jeder von ihnen zahlte dafür rund 20 Millionen Dollar. Doch die Bewohner haben auch mit Problemen wie in einer irdischen WG zu kämpfen: Immer wieder sind etwa die Millionen Euro teuren Hightech-Toiletten kaputt. Sie gewinnen einen Großteil des Wassers für den Gebrauch auf der Station zurück. Denn die Versorgungsflüge sind sehr teuer, jedes gesparte Kilogramm ist im Schnitt 20 000 Dollar wert.

Die ISS ist auch die größte Baustelle im All. Vor dem Bezug mussten mehrere Module in den Weltraum geschossen und dort zusammengeschraubt werden. Erst kommendes Jahr soll die Station endgültig fertig sein. Geplantes Betriebsende: frühestens 2020. Schon jetzt ist die ISS die am längsten bewohnte Raumstation. Der sowjetische Vorgänger Mir war 2001 im Pazifik versenkt worden.

Die Unterhaltskosten für die Station sind hoch. Der gesamte Nachschub muss mühsam mit Raumfähren herangeschafft werden: tonnenweise Wäsche, Post, Sauerstoff, Nahrungsmittel. Das Essen im All kostet so viel wie in einem Sterne-Restaurant: Umgerechnet 350 Euro pro Besatzungsmitglied werden jeden Tag fällig. Dabei gibt es kaum eine kulinarische Abwechslung für die Bewohner. Der Speiseplan wiederholt sich alle acht Tage. Und zu essen gibt es nur Gerichte, die wegen der Schwerelosigkeit gut am Besteck haften bleiben. Brot ist verboten – die Krumen könnten die teure Technik verkleben.

Millimeterarbeit ist bei den Andockmanövern gefragt, bei gleichzeitig enormem Tempo, schließlich rast die ISS mit etwa 28 000 Kilometern pro Stunde durchs All, immer wieder muss sie Weltraumschrott ausweichen. Etwa anderthalb Stunden braucht die Station für eine Erdumrundung. Zu Silvester können die ISS-Bewohner deshalb etwa 15 Mal auf das neue Jahr anstoßen.

„Die Station ist schön, sauber, hell, alles funktioniert“, funkte der Kosmonaut Juri Gidsenko dereinst seine ersten Eindrücke aus der ISS zur Erde. Mit seinem Landsmann Sergej Krikaljow und dem US-Astronauten William Shepherd gehörte er zur ersten ISS-Besatzung, der „Mission One“. „Es ist ein verblüffendes Raumschiff“, schwärmt der zuständige Manager der US-Weltraumbehörde Nasa, Mike Suffredini, zehn Jahre später. Für ihn ist die ISS schlicht „die wohl schwierigste Aufgabe, die die Menschheit je gemeistert hat“.

Doch die einstige Euphorie ist mittlerweile der Routine gewichen. Die immensen Investitionen von vermutlich etwa 100 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, kritisieren ISS-Gegner. Forschungsprojekte lägen hinter dem Zeitplan.

Von 2011 an stellen die USA ihre Shuttle-Flüge ein. Dann können Menschen nur noch mit russischen Sojus-Kapseln ins All fliegen. Für den Materialtransport gibt es neben den russischen Progress-Kapseln auch unbemannte Raumtransporter der Europäer und Japaner.

Beobachter fürchten, dass sich wegen der geringeren Transportmöglichkeiten die Entwicklung des Weltraumlabors weiter verzögert. Doch nun hat Russland den Bau von zwei Raumfähren ausgeschrieben. Es ist ein klares Signal: Die stolze Raumfahrtnation Russland hält an bemannten Flügen ins All fest. (dpa)

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