Wissen : Jugendliche als Risiko

Sozial schwache Schüler brauchen Praxis

Uwe Schlicht

Für viele sozial schwache Jugendliche sind geistlose Computerspiele „eine virtuelle Form der Selbstverwirklichung“, sagt Christian Lüders, Leiter der Abteilung Jugend und Jugendhilfe im Deutschen Jugendinstitut. Wenigstens am Bildschirm erfahren sie so Belohnung – sei es auch dafür, virtuell einen anderen über den Haufen geschossen haben. Deswegen warnt Lüders vor Verboten. Der Experte sprach unlängst bei den „Reckahner Bildungsgesprächen“, zu denen der VdS Bildungsmedien e. V. gemeinsam mit der Humboldt-Universität, der Universität Potsdam und der TU Dresden nach Brandenburg eingeladen hatte.

Im Mittelpunkt standen Jugendliche, die zur „Risikogruppe“ zählen, also nach Definition der Pisaforscher jene Jugendlichen, denen es beim Lesen am einfachsten Textverständnis fehlt, die mit Zahlen im Alltag nicht umgehen können und die in der Naturwissenschaft keine Zusammenhänge begreifen. Das trifft in Deutschland auf 20 bis 25 Prozent der 15-Jährigen zu.

Haben die Pisaforscher die fehlenden Kompetenzen der Schüler in Schulfächern beschrieben, kümmert sich Lüders um ihre psycho-soziale Situation. Diesen Schülern werde das Gefühl systematisch ausgetrieben, sie könnten in der Welt noch etwas gestalten und bewegen. Ihnen fehlten die ernst zu nehmenden Bezugspersonen, die ihnen andere Erfahrungen vermitteln könnten als das persönliche Scheitern. Die Folge des frühen Scheiterns seien Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen, verbreitet auch Essstörungen und damit die Zerstörung des körperlichen Wohlbefindens.

Was könnte man tun? Da die Schule es nicht schaffe, diese Jugendlichen davon zu überzeugen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, müssten andere reale und nicht mehr virtuelle Erfahrungswelten erschlossen werden. Christian Lüders nennt Erfolge bei handwerklicher Tätigkeit oder bei Kanufahrten in der Wildnis (Erlebnispädagogik).

Jugendliche, die in die Risikogruppe abgleiten, machen ihre grundlegenden Erfahrungen des Scheiterns im Alter von zehn Jahren. Reiner Lehberger, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, sagte, in der siebten Klasse wüssten schon viele, dass sie nach der neunten Klasse selbst an der Gesamtschule keine Chancen mehr hätten.

In Hamburg hat Lehberger Betriebe gewonnen, die bereit sind, den Jugendlichen durch praktische Arbeit neue Lernchancen zu eröffnen. In Deutschland ist es jedoch nicht leicht, Betriebe zu finden, die solche Angebote machen.

Hans Bertram, Soziologe an der Humboldt-Universität und der einflussreichste Berater von Familienministerin Ursula von der Leyen, forderte, Kinder dürften nicht nur eine Chance im Leben erhalten. Es sollte vielmehr Aufgabe der Familien- und Bildungspolitik sein, die „Möglichkeit des permanenten Neuanfangs zu schaffen und zu organisieren“. Insofern sei die freie Jugendhilfe neben der Schule außerordentlich wichtig. Aber zurzeit streichen die Finanzminister die Stellen in der freien Jugendhilfe zusammen, kritisierte Bertram. Uwe Schlicht

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