Katastrophengefahr : Auch Europa können Tsunamis treffen

Tsunamis sind an vielen Orten möglich, auch in Europa. Vor allem das Mittelmeer ist bedroht. Doch von einem Frühwarnsystem, das auf dem aktuellen Stand der Technik ist, sind die Anrainer weit entfernt.

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Gefahr aus dem Meer. Ein Sturm wühlt das Wasser auf. Seebeben können mindestens ebenso hohe Wellen auftürmen.
Gefahr aus dem Meer. Ein Sturm wühlt das Wasser auf. Seebeben können mindestens ebenso hohe Wellen auftürmen.Foto: picture alliance / dpa

Tausende Tote, schwere Schäden an küstennahen Kernreaktoren – die Folgen des Erdbebens und des damit verbundenen Tsunamis in Japan sind verheerend. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auf europäische Länder häufiger solche tödlichen Flutwellen zurollen als man annehmen mag.

1755 wurde Lissabon von einem Tsunami getroffen, der vom Atlantik kommend den Tejo-Fluss hinaufschoss. Ursache war ein Seebeben. Beide Ereignisse zusammen sowie damit verbundene Folgen wie Brände zerstörten die Stadt fast vollständig. Zehntausende starben. Selbst in Nordwesteuropa, das seismisch weitgehend ruhig ist, sind Tsunamis möglich. Sie können durch abrutschende Hänge unter Wasser erzeugt werden. Das eindrucksvollste Beispiel ist eine Rutschung im Storegga-Canyon vor der norwegischen Küste vor geschätzt 7000 bis 25 000 Jahren: Dort lösten sich zeitgleich massenhaft Gashydrate im Sediment, gelegentlich als „Methaneis“ bezeichnet, buchstäblich in Luft auf. Die Sandschichten kollabierten und rutschten in die Tiefe. Daraufhin wurde ein Tsunami ausgelöst, der die Küsten Schottlands und Irlands überrollte.

Am wahrscheinlichsten sind jedoch Tsunamis im Mittelmeer. Nach Berechnungen des italienischen Geowissenschaftlers Stefano Tinti hat es dort in den vergangenen 2000 Jahren mehr als 250 gravierende Tsunamis gegeben.

Das liegt vor allem an den Erdbeben, die im Mittelmeeraum relativ häufig sind. Wenn dabei die Gesteinspakete unter Wasser vertikal versetzt werden, kann ein Tsunami entstehen. Aber nicht allein die Erdstöße sind gefährlich. „Während im Indischen Ozean rund 90 Prozent der Tsunamis durch Seebeben ausgelöst werden, gehen im Mittelmeer nur etwa zwei Drittel der Flutwellen auf Erschütterungen des Meeresbodens zurück“, sagt Jörn Behrens von der Universität Hamburg. Das übrige Drittel der Tsunamis wird durch Rutschungen an Unterwasserhängen ausgelöst, etwa wenn sich Flanken eines Vulkans plötzlich lösen. „Diese Ereignisse können auch von schwächeren Beben angestoßen werden, die normalerweise keine Flutwelle auslösen“, sagt Behrens, der auch eine Arbeitsgruppe leitet, die sich im Auftrag der Unesco mit der Modellierung und Schadensabschätzung von Tsunamis im Mittelmeer befasst.

Ein Frühwarnsystem für Tsunamis ist eminent wichtig

Dessen Küsten sind auch deshalb besonders bedroht, weil das Meer relativ klein ist: Eine Flutwelle ist schnell an der Küste. „Zum Beispiel gab es 2003 einen Tsunami, der vor der algerischen Küste begann“, erläutert Behrens. Nach einer halben Stunde hatten die Flutwellen bereits die Balearen erreicht, nach 45 Minuten die Côte d’Azur. „Zum Glück war die Welle nur etwa einen Meter hoch. Doch selbst das genügte, um in mehreren Häfen die Boote durcheinanderzuwerfen. Das zeigt, wie groß die Gefahr ist.“ Zum zweiten sind die Küsten des Mittelmeers dicht besiedelt, damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tsunami große Schäden anrichtet.

Doch welche Gebiete sind besonders bedroht? Das hat ein Team um Gottfried Grünthal und Stephan Sobolev vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam analysiert. Die Wissenschaftler haben berechnet, welche Flutwellen infolge von Erdbeben im Mittelmeerraum mit welchen Wahrscheinlichkeiten möglich wären. Vor allem im östlichen Teil treten häufiger starke Beben auf, die das Wasser in Aufruhr versetzen können.

Ihr Computermodell zeigt: Wenn etwa vor Kreta ein Seebeben stattfindet, würde ein Tsunami nach 65 bis 175 Minuten Alexandria erreichen – ein Ort, der in der Vergangenheit häufiger von derartigen Flutwellen getroffen wurde. Doch die Wellen können ebenso durch den nördlichen Teil des Meeres rollen. So war es beim letzten großen Tsunami im Mittelmeer 1956 in der Ägäis. „Damals gab es Wellen, die teilweise mehr als zehn Meter hoch waren“, sagt Grünthal. 53 Menschen kamen dabei um.

Die GFZ-Wissenschaftler arbeiten derzeit an einer detaillierten Karte, in der die jeweilige Gefährdung für sämtliche Küstenabschnitte vermerkt ist. Sie soll demnächst in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden. Nach diesen Untersuchungen besteht die größte Gefahr durch Tsunamis in Ostlibyen gefolgt von der Westküste des Peloponnes.

Umso wichtiger ist ein Frühwarnsystem für Tsunamis. Das gibt es, aber nur in Grundzügen. Die vorhandenen Geräte und Datenzentren seien längst nicht so fortschrittlich wie das System, das nach dem Tsunami 2004 im Indischen Ozean errichtet wurde, sagt Behrens. „Im Mittelmeer werden nur die Magnitude und der Ort eines Bebens betrachtet. Aufgrund historischer Erfahrungen ist in einem Katalog festgeschrieben, welche Warnstufe zu geben ist.“ Anders im Indischen Ozean. Dort gibt es für Tausende Seebeben detaillierte Computermodelle, die für jedes Ereignis zeigen, in welchen Küstengebieten mit welchen Wellenhöhen zu rechnen ist. „So weit sind wir hier leider noch nicht“, sagt der Forscher.

Zwar habe es bei den Anrainern seit 2004 ein Umdenken gegeben, aber der Durchbruch stehe noch aus. Vor allem die Länder im Norden versuchen nationale Lösungen zu entwickeln, eine Kooperation steht erst am Anfang. Doch gerade bei einem Tsunami können möglichst viele Messgeräte in einem gut organisierten Netzwerk einen wichtigen Zeitvorteil bei Evakuierungen bringen.

Bisher haben die Forscher mit allerlei Problemen vor Ort zu kämpfen, etwa den Animositäten zwischen der Türkei und Griechenland oder Frankreich und Italien. „Zudem wird das Mittelmeer intensiv genutzt“, sagt Behrens. „Da kann man nicht überall Messbojen einrichten, weil diese möglicherweise von Schiffen überfahren werden.“ Er glaubt dennoch, dass die Bestrebungen auf gutem Weg sind. „So schlimm die Folgen des aktuellen Tsunamis im Pazifik waren“, sagt er. „Hoffentlich lernen die Mittelmeerländer daraus.“

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