Wissen : Kein Zuhause nirgends

Wenn Fledermäuse einen Schlafplatz suchen, bekommen sie Tipps von ihren Artgenossen

Dagny Lüdemann

Fledermäuse sind echte Orientierungskünstler, wenn es darum geht, in der Nacht Insekten im Flug zu orten. Doch bei der Wohnungssuche haben sie ziemliche Schwierigkeiten – es sei denn, sie bekommen einen Tipp von Artgenossen.

Auf der Jagd nach Insekten benutzen Fledermäuse ihr Echoortungssystem. Das funktioniert etwa wie ein Radar. Die Säugetiere senden mit ihrem Kehlkopf kurze Impulse im Ultraschallbereich aus, deren Echo sie mit ihren großen Ohren empfangen. So erkennen die Fledermäuse, wo sich die Insekten befinden. Und sogar die Flugbahn ihrer Beute können sie verfolgen, indem sie bis zu 100 Ultraschallimpulse pro Sekunde aussenden.

Bei diesen Fähigkeiten ist es umso überraschender, dass Fledermäuse Probleme dabei haben, nach ihren nächtlichen Jagdausflügen ein geeignetes Schlafquartier zu finden. Das haben Biologen vom Max-PlanckInstitut für Ornithologie im oberbayerischen Seewiesen mit Kollegen aus Polen und von der Universität Ulm herausgefunden, wie sie im „Journal of Experimental Biology“ (Band 210, Seite 3607) berichten.

Fledermäuse kehren nämlich keineswegs jeden Morgen im gleichen Quartier ein. Da viele bei uns heimische Arten – wie etwa der Große Abendsegler (Nyctalus noctula) – auf der Suche nach guten Jagdgebieten manchmal Tausende von Kilometern zurücklegen, müssen sie sich immer wieder neue Schlafplätze suchen. Das können Baumhöhlen, Mauerritzen, Dachvorsprünge an Häusern oder Schuppen, Zwischenräume in Plattenbaufassaden oder Fledermauskästen sein. Allerdings mögen Fledermäuse keine Einzelzimmer. „In einer Baumhöhle schlafen vielleicht 50 oder 60 Tiere, in Felsspalten können es auch mehrere Hundert sein“, sagt Björn Siemers vom Max-Planck-Institut in Seewiesen.

Abendsegler leben in Wäldern und jagen bei Dämmerung in großer Höhe über den Baumkronen und über Feuchtgebieten. Sie können zwar schnell fliegen, sind aber nicht so wendig wie die kleineren bei uns heimischen Fransenfledermäuse (Myotis nattereri) oder einige in Mittel- und Südamerika vorkommende Blumenfledermäuse, die wie Kolibris im Schwirrflug an Blüten heranfliegen und den Nektar trinken können.

Da die Bäume die Ultraschallrufe in alle Richtungen reflektieren, können sich Abendsegler im Wald nicht so gut orientieren. „Die Echos, die ein fliegendes Insekt zurücksendet, würden sie kaum von dem der Bäume unterscheiden können“, sagte Siemers dem Tagesspiegel. Dass sie dennoch jeden Tag einen Unterschlupf finden, machte ihn und seine Kollegen neugierig. Im Experiment wollten sie testen, welche Sinne die Abendsegler bei der Schlafplatzsuche nutzen.

Dazu mussten die Biologen erst einmal herausfinden, welche Quartiere Nyctalus nuctola am liebsten mag. Ireneusz Ruczynski vom Säugetierforschungsinstitut der Polnischen Akademie der Wissenschaften kartierte und vermaß deshalb in einem Nationalpark im Nordosten Polens diverse Fledermaushöhlen. Sein Ergebnis: Abendsegler mögen es warm und trocken. Außerdem bevorzugen sie einen Unterschlupf mit freier Einflugschneise und kleinem Eingang – denn Feinde sollten nicht hineinpassen. Zur Sicherheit sollte so ein Quartier zudem etwa 20 Meter über dem Boden liegen.

Anhand dieser Vorgaben bauten die Biologen Baumhöhlen nach. In einem eigens dafür gezimmerten, etwa vier Meter hohen Flugraum im polnischen Säugetierforschungsinstitut trainierten sie elf Abendsegler darauf, die Baumhöhlen zu finden. Entdeckten die Tiere das Einschlupfloch, wurden sie mit einem Mehlwurm belohnt.

Als Nächstes wurde den Fledermäusen in verschiedenen Versuchsdurchgängen jeweils eine andere Hilfestellung zur Wohnungssuche angeboten. „Dabei haben wir jedes Mal eine neue Baumhöhle verwendet, damit der Geruch anderer Tiere das Ergebnis nicht verfälscht“, sagt Siemers. In einem Versuchsdurchgang beleuchteten die Forscher den Flugraum künstlich, um den Tieren mehr optische Orientierung zu ermöglichen. „Abendsegler haben zwar keine guten Augen, aber sie können sicherlich Bergformationen oder Landschaften in der Ferne erkennen“, sagt Siemers. Das müssen sie auch, denn ihr Ultraschall hat höchstens eine Reichweite von 100 Metern. Da die Tiere auch tagsüber auf Beutefang gehen, hatte Siemers erwartet, dass sie auch bei der Schlafplatzsuche ihre Augen benutzen. Doch im Experiment brauchten sie bei Licht genauso lange, um den Höhleneingang zu finden, wie im Dunkeln.

In anderen Versuchsdurchgängen legten die Forscher etwas Fledermauskot als Duftmarke in die Höhle oder erhöhten die Temperatur, um die Verrottungswärme im Baum nachzuahmen. Die Duftnote half den Abendseglern gar nicht – die erhöhte Temperatur ließ sie zumindest etwas schneller ans Ziel kommen. Doch in fast allen Fällen fanden die Fledermäuse das Einschlupfloch nicht auf Anhieb, sondern mussten in der Nähe auf dem Baumstamm landen und zum Eingang kriechen.

Den größten Erfolg hatten die Forscher, als sie über Lautsprecher Ultraschalllaute von Artgenossen aus dem Baumloch sendeten. 22 Prozent der Fledermäuse fanden den Eingang dadurch direkt im Landeanflug. Bei den anderen verringerte sich der Fußweg auf dem Baumstamm um etwa die Hälfte. Diese Experimente zeigen nicht nur, dass Fledermäuse sich bei der Quartiersuche hauptsächlich auf ihre Echoortung verlassen. Es macht auch deutlich, dass der Schutz solcher Quartiere zur Arterhaltung der Tiere eine große Bedeutung hat.

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