Wissen : Kleine Genies

Vom Glück des Lernens: Ein Film von Reinhard Kahl zeigt, wie Kinder die Welt erkunden

Dorothee Nolte

Richard ist ein Forscher. Er hat diesen prüfenden Blick, diese spärlichen Haare, diese Ernsthaftigkeit: eine Wissenschaftlernatur. Richard ist vielleicht anderthalb, und er liegt auf dem Boden, vor sich eine Trommel. Über die kann man sanft streichen oder mit dem Fingernagel kratzen, wie unterschiedlich das klingt! Richard lauscht. Versucht es noch einmal. Kratzt, schabt, streicht – und lacht. In seinem Gehirn ist etwas passiert, und das kann man von außen sehen. Richard hat gelernt, Richard ist glücklich.

Der Kleine ist einer der Helden in Reinhard Kahls neuem Film mit dem schlichten Titel „Kinder!“ Der 59-jährige Journalist und Filmemacher hat bereits mit seinem Film über Schulen als „Treibhäuser der Zukunft“ die pädagogische Diskussion beflügelt; diesmal hat er über zwei Jahre Orte aufgesucht, in denen Kinder zwischen null und zehn Jahren gefördert werden. Das „Lerngenie“ der Kinder möchte Kahl zeigen: in Berliner und Hamburger Kitas, in der Mülheimer „Lernwerkstatt Natur“ bis hin zur Schweizer experimentellen Schule „Primaria“. Herausgekommen ist ein Film über gelingendes Lernen – in bewusster Absetzung von all den Dokumentationen, die über Probleme im Bildungswesen berichten.

Reinhard Kahl hat einen Namen, das zeigt schon die rege Beteiligung bei der Premiere des Films, zu der jetzt die Telekom-Stiftung als Hauptförderer ins Cinemaxx am Potsdamer Platz lud: Alle waren da, die in der deutschen Bildungspolitik Rang und Namen haben. Bundesbildungsministerin Annette Schavan spricht das Grußwort, einträchtig beieinander sitzen der Nestor der Bildungsforschung Hartmut von Hentig, Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen und Jürgen Zöllner, KMK-Präsident und Berliner Wissenschaftssenator. Noch ist zwar unklar, ob der Film ins Kino oder ins Fernsehen kommt, aber er wird in jedem Falle über den DVD-Vertrieb Einfluss in Pädagogenkreisen haben, bei den Erzieherinnen und Lehrern, die ebenfalls zahlreich im Premierenpublikum saßen.

Die „Spur des Gelingens“: Überall filmt Kahl diese Momente, in denen Kindern ein Licht aufgeht, in denen sie Tiere beobachten, in Bodenlöchern stochern, Vermutungen anstellen, gemeinsam die Natur erforschen; Experten wie der Gehirnforscher Wolf Singer oder der Kinderarzt Remo Largo geben dazu ihre Kommentare ab. Leuchtende Augen, erleuchtete Gesichter: Das ist schön anzusehen, gerade bei den Jüngsten, den Unterdreijährigen, denen man bis vor kurzem nicht zutraute, dass sie in Gruppen lernen könnten. Filmen als eine „Chance, genauer hinzugucken“: So sieht Kahl das und das vermittelt sich auch den Zuschauern. Ja, es lohnt sich, den Kindern zuzusehen, wie sie die Welt erkunden.

Und Reinhard Kahl hat ja so recht: Ganz sicher sind Kinder unser höchstes Gut, wir sollten ihnen mehr zutrauen, ihr Spiel ernstnehmen; sie brauchen mehr Freiräume, mehr sinnliche Erfahrungen in der Natur. Möge der Film den einen oder anderen ermatteten Pädagogen, Erziehungsberechtigten oder Bildungspolitiker daran erinnern, wofür sich die ganze Anstrengung lohnt: für diese Momente, für diese Freude am Schaffen und am Lernen, für das „Verliebtsein in die Aufgabe“, wie es der Erfinder und Unternehmer Artur Fischer auch mit 87 Jahren noch empfindet.

Allein: Kahl neigt zum Romantisieren, und das nimmt dem Film ein Stück seiner Glaubwürdigkeit. Kinder, wenn man sie nur machen lässt, machen alles richtig, suggeriert er, sie suchen sich ihre Lernanlässe, auch Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen vertiefen sich in ihre Aufgaben, wenn man sie in die Natur bringt und ihnen Anregungen gibt. „Fabelhaft vollkommen“ nennt von Hentig die Kinder. Aber müssen sie als kleine Heilige dargestellt werden? Kein Kind, das da mal nölt, keines, das die Stöcke statt zum Forschen zum Kämpfen benutzt, keins, das lieber Gameboy spielen würde: Irgendwann fragt sich der Zuschauer, ob er selbst aus so einem Wunderwesen hervorgegangen sein kann – und wenn ja, wie er seitdem so tief sinken konnte.

Überhaupt, die Realität scheint weit weg in diesen neunzig Minuten. Wenn Hamburger Kita-Kinder mit trockenen Nudeln um sich werfen, greifen sie hinterher freiwillig zum Handfeger und es raunt aus dem Off, die „Lust am Aufräumen“ balanciere die Lust am Chaos aus. Wow! Diese Lust am Aufräumen ist in herkömmlichen Kitas und Elternhäusern unbekannt. Kahl zeigt, wie Daniel Barenboim und der Pianist Lang Lang den Berliner Musikkindergarten besuchen, und schwärmt von der Verbindung zwischen dem „Anfängerglück der Kinder“ und der „Meisterschaft der Erwachsenen“. Zu Recht, aber: Zum Meister wird man nicht nur durch Ausprobieren und Verliebtsein. Alles was am Lernen mühsam ist, was Disziplin verlangt und Überwindung, kommt im Film nicht vor: Da würden möglicherweise die Augen von Kindern und Pädagogen weniger leuchten.

Die DVD des Films „Kinder!“ kann für 15 Euro über die Homepage www.archiv-der-zukunft.de bestellt werden.

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