Kokain-Entdecker Albert Niemann : Gift war sein Schicksal

Vor 150 Jahren starb Albert Niemann, der Entdecker des Kokains. Die Substanz war Arzneimittel, bevor es als Droge entdeckt wurde.

Andreas Hentschel
Verpulvert. Kokain war Arzneimittel, bevor es als Droge entdeckt wurde. Foto: p-a/dpa
Verpulvert. Kokain war Arzneimittel, bevor es als Droge entdeckt wurde. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Seit gut anderthalb Jahrhunderten ist ein Stoff in der Welt, der Aufsehen erregt: Kokain. Seine Geschichte ist untrennbar mit dem Namen von Albert Niemann verbunden. Er hatte als Erster sicher das Alkaloid isoliert, benannt und zu wissenschaftlichen Zwecken konsumiert. Darüber berichtete Niemann in seiner Dissertation „Über eine neue organische Base in den Cocablättern“, gedruckt 1860. Von seinen Forschungen hatte die Fachwelt bereits zuvor durch eine Veröffentlichung seines Doktorvaters Friedrich Wöhler (1800–1882) erfahren.

Niemann sollte herausfinden, „ob das Cocain wirklich den spezifisch wirksamen Bestandteil der Cocablätter ausmacht, worüber demnächst Versuche an Tieren und Menschen vorgenommen werden sollen“, schreibt Wöhler.

Der junge Wissenschaftler musste seine Arbeiten aber bald abbrechen, da sich sein Gesundheitszustand zusehends verschlechterte. Das war keine Folge des Genusses von Kokain, sondern seiner vorangegangenen Forschungen „Ueber die Einwirkung des braunen Chlorschwefels auf Elaylgas“. Dabei fand er ein „dem Meerettigöl gleichendes und mit einem ähnlichen, wenn nicht so heftigen penetranten Geruch begabtes Öl“. Es handelte sich offenbar um Dichlordiäthysulfid, was Niemann als Erster hergestellt haben soll. Eine Substanz von außerordentlicher Giftigkeit. Von ihm selbst erkannt und beschrieben, wurde Niemann auch ihr erstes Opfer, bevor sie als chemisches Kampfmittel (Senfgas) im 1. Weltkrieg das Leben tausender Soldaten beendete.

Dieses Schicksal ereilte den nur 26-jährigen Niemann in Goslar, wo er am 19. Januar 1861 laut Sterberegister der Stephanipfarrei an einer „Lungenvereiterung“ starb. Dieselbe Kirche hatte sein Vater am 20. Mai 1834 aufgesucht, um die Geburt des Sohnes registrieren zu lassen, der kurz darauf auf den Namen Friedrich Albert Emil Niemann getauft wurde.

Der junge Niemann begann 1849 als Lehrling in der Göttinger Ratapotheke. Drei Jahre später nahm er nebenher ein Studium an der Göttinger Universität auf. Er besuchte die Vorlesungen zur Chemie von Wöhler, wie auch solche zur Pharmazie und zur Botanik. Im Herbst 1853 reiste Nieman nach Linden bei Hannover, um in der dortigen Krankenhausapotheke zu arbeiten. Zur Vorbereitung seines pharmazeutischen Staatsexamens nahm Niemann im Herbst 1858 seine Studien an der Göttinger Universität wieder auf, wobei er nun auch noch Vorlesungen zu Mineralogie und Physik besuchte. Sein Hauptaugenmerk galt aber der Arbeit im Labor von Wöhler, wo er schließlich das Kokain fand.

Die ersten Veröffentlichungen darüber mobilisierten die Fachwelt, und bereits 1862 kam reines Kokain als pharmazeutisches Präparat in den Handel. Durch seine lokalanästhetische Wirkung setzte man es 1884 zuerst in der Augenheilkunde ein. Kurze Zeit später wurde aus einem Mittel gegen Magenverstimmung und Kopfschmerzen bald ein bis heute bekanntes Erfrischungsgetränk, welches seit 1914 aber kein Kokain mehr enthalten durfte. Grund dafür war die starke Suchtwirkung des Kokains, welche auch Sigmund Freud erlebte, nachdem er die vermeintliche „Wunderdroge“ im Selbstversuch einnahm.

In den zahlreichen Veröffentlichungen zum Kokain taucht auch immer wieder ein vorgebliches Bild des Entdeckers Nieman auf. Tatsächlich ist aber der dort abgebildete Rauschebart der Opernsänger Albert Niemann (1831 bis 1917). Bis heute konnte kein authentisches Bild des früh verstorbenen Kokainentdeckers gefunden werden. Andreas Hentschel

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