Kolumne "Was Wissen schafft" : Alle Menschen wurden, was sie sind

Kann man über Rassen reden, ohne Rassist zu sein? Über einen umstrittenen Versuch, den belasteten Begriff zu rehabilitieren.

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Die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen verdanken sich einer getrennten Entwicklung über Jahrtausende.
Vielfalt. Die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen verdanken sich einer getrennten Entwicklung über...Foto: Imago

Es gibt Wörter, die möchte man am liebsten nur mit der Kneifzange anfassen. Eines von ihnen ist „Rasse“, wie in „Menschenrasse“. Spätestens mit dem nationalsozialistischen Rassenwahn ist der Begriff diskreditiert. Inzwischen hat sich bei uns die Meinung durchgesetzt, dass es menschliche Rassen eigentlich gar nicht gibt, dass sie künstliche Gebilde mit dem Ziel sind, andere herabzuwürdigen, etwa Menschen anderer Hautfarbe.

Noch existiert der Ausdruck in Artikel 3 des Grundgesetzes, nach dem niemand wegen seiner Rasse benachteiligt werden darf. Doch gibt es EU-weit Anstrengungen, die sprachliche Altlast aus Gesetzestexten zu entfernen. Im März schlugen Berliner Grüne und Piratenpartei vor, die Berliner Verfassung entsprechend zu ändern. Brandenburg und Thüringen haben das Unwort bereits getilgt.

Mitten hinein in diese Bestrebungen platzt der britische Wissenschaftspublizist Nicholas Wade. Der ehemalige Reporter der „New York Times“ vertritt in seinem Buch „A Troublesome Inheritance“ („Ein belastendes Erbe“) die These, dass biologische Rassen durchaus existieren und dass sie und mit ihnen die menschliche Evolution bis heute die Entwicklung der Kulturen erheblich beeinflussen. Nur unterliege das Thema der Selbstzensur der Wissenschaftler. Wer es erforsche, gefährde seine Karriere.

Erwartungsgemäß waren die Reaktionen auf „A Troublesome Inheritance“ überwiegend negativ. Wade wird das einkalkuliert haben; wer austeilt, muss auch einstecken. Reflexhaft kam der Vorwurf, Wade sei selbst Rassist. Dabei widmet er ein ganzes Kapitel der „Perversion der Wissenschaft“, der Geschichte von Rassismus und Eugenik. Die Existenz von Rassen rechtfertigt nicht den Rassismus, schreibt Wade, also den Glauben an die Überlegenheit der einen Rasse über die andere. Nicht jeder, der an die Existenz von Rassen glaubt, ist ein Rassist.

Wade argumentiert mit der Stammesgeschichte. Vor 50 000 Jahren zog Homo sapiens aus Afrika in die Welt, um die Kontinente zu besiedeln. Was folgte, waren Zehntausende Jahre unabhängiger Entwicklung der einzelnen Menschengruppen, in erster Linie der Afrikaner, Europäer und Asiaten. Das hat sich auch im Erbgut niedergeschlagen.

Zwar überwiegen die genetischen Gemeinsamkeiten aller Menschen bei Weitem. Was die Unterschiede angeht, sind grob geschätzt 85 Prozent auf genetische Variationen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe zurückzuführen. Nur 15 Prozent der Unterschiede gehen auf das Konto verschiedener Menschengruppen, Populationen genannt. Ein Teil dieser 15 Prozent findet sich zwischen Populationen innerhalb eines Kontinents, ein weiterer zwischen den Kontinenten (Wades Rassen). Die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen sind subtil. Verschiedene Spielarten eines Gens sind in den einzelnen Gruppen unterschiedlich häufig.

Jedoch können selbst geringe genetische Unterschiede zwischen einzelnen Personen sich auf der Ebene von Gruppen, Völkern oder Zivilisationen deutlich auswirken, meint Wade. Und damit sind wir beim zweiten Teil seines Buchs, in dem er ausführt, dass sich zum Beispiel der Aufstieg der westlichen Zivilisation in den letzten 500 Jahren auf kürzlich stattgefundene evolutionäre Veränderungen im Erbgut bestimmter Völker zurückführen lässt. Das Genom macht den Unterschied, ob Menschen in Stammesgesellschaften oder hoch entwickelten Staaten zusammenleben. Und es erklärt zumindest zum Teil, warum Chinesen gute Geschäftsleute sind und Afrikaner möglicherweise eher zur Gewalt neigen als Europäer, meint Wade.

Hier verlässt Wade das Festland der Fakten und gleitet ins Meer des Spekulativen. Selbst Wissenschaftler, die biologischem Denken gegenüber aufgeschlossen sind, verweigern die Gefolgschaft. Am Sonntag erschien in der „New York Times Book Review“ ein offener Brief, in dem sich 140 Forscher distanzierten, weil Wade ihre Arbeit verzerrt darstelle.

Spekulieren ist legitim. Ob allerdings der Begriff der Rasse noch zeitgemäß ist oder gar einer Renaissance bedarf, ist mehr als zweifelhaft. Die Forschung kann auf ihn verzichten. Menschen sind nicht gleich, auch nicht auf biologischer oder genetischer Ebene. Aber das ist kein Grund für Vorurteile oder dafür, einen belasteten Begriff wieder aufleben zu lassen.

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