Kraftstoff : Biosprit führt in die Klimafalle

Wissenschaftler zweifeln an den positiven Eigenschaften des Biosprit: Durch Beimischung von pflanzlich gewonnenen Kraftstoffen lässt sich die Kohlendioxidbilanz laut wissenschaftlicher Ergebnisse nicht verbessern.

Roland Knauer

Die Absicht erscheint lobenswert: das Klima mit Biodiesel schützen. So plant die Bundesregierung, ab dem Jahr 2010 für den Sprit an der Tankstelle ein Gemisch mit mindestens zehn Prozent Anteil Bioethanol vorschreiben. Dadurch würden weniger Treibhausgase in die Luft gelangen als mit herkömmlichem Superbenzin, argumentiert die große Koalition. Zudem würden fast alle Motoren in deutschen Autos diesen kurz „E10“ genannten Sprit vertragen,

An dieser Argumentation gibt es Kritik. Ein beträchtlicher Prozentsatz der Autos ausländischer Hersteller verträgt das Biospritgemisch nicht, sagt Dietmar Oeliger von der Naturschutzorganisation Nabu in Berlin. Experten des ADAC kommen auf mehr als zehn Prozent Automotoren in Deutschland, die mit E10 nicht laufen. Diese Autofahrer müssten dann auf den erheblich teureren Superplus-Kraftstoff ausweichen.

Kommt nun dieser Aufpreis, wie von der Bundesregierung suggeriert, wenigstens dem Klima zugute, weil der große Rest der Automotoren dank E10 in Deutschland weniger Treibhausgase als mit dem herkömmlichen Sprit aus 100 oder 95 Prozent Erdöl in die Luft pusten?

Dies bezweifeln nahezu alle Wissenschaftler, die sich weltweit mit Biosprit und Klimabilanz auseinandersetzen. Sie werfen der Bundesregierung vor, ihre Klimabilanz unzulässig zu verkürzen und nur den Weg des Biosprits von der Aussaat der Pflanzen bis zur Verbrennung im Motor zu berücksichtigen. Nur dann entstehen beim Verbrennen des Biosprits ähnlich viel Kohlendioxid, wie es die Pflanzen, aus denen der Biosprit hergestellt wurde, vorher aus der Luft gefangen haben. Nur dann würden mit Biodiesel betriebene Motoren hundert Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen, als es mit Sprit aus Erdöl der Fall ist.

Allerdings gibt es bei der Herstellung von Biodiesel beispielsweise aus Raps einige Schritte, bei denen Treibhausgase wie Kohlendioxid entstehen. So düngen Bauern den Energieraps mit Substanzen, deren Herstellung Energie gekostet hat, wie Stephan Saupe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln erklärt. Den Dünger fährt der Bauer mit dem Traktor auf das Feld und erntet die Energiepflanzen ebenfalls mit Maschinen, die Treibstoff aus Erdöl verbrennen und dabei Kohlendioxid erzeugen.

Während die Pflanzen wachsen, bauen Mikroorganismen im Boden überschüssigen Dünger ab und produzieren dabei Distickstoffoxid. Dieses „Lachgas“ wirkt ebenfalls als Treibhausgas. Es erwärmt die Atmosphäre ungefähr 300 Mal stärker als Kohlendioxid. Und da etwa ein bis 1,5 Prozent des in Düngemitteln eingesetzten Stickstoffs als Lachgas entweichen, ist die Klimabelastung aus dieser Quelle groß. Nach der Ernte werden die Pflanzen dann gepresst und zu Biodiesel verarbeitet. Auch dabei wird Energie verbraucht und es entstehen Treibhausgase.

Zieht man Bilanz, bleiben dem aus mitteleuropäischen Raps hergestellten Biodiesel nur rund 30 Prozent Klimavorteil gegenüber Benzin aus Erdöl. Noch schlechter sieht es für die in den USA übliche Methode aus, Mais zu Bioethanol zu verarbeiten. Nach offiziellen Angaben wird damit die Klimabilanz nur um 20 Prozent verbessert. Günstiger ist die Bilanz für Ethanol, das in Brasilien aus Zuckerrohr gewonnen wird. Weil die Erträge gut sind und Pflanzenreste verfeuert werden, um Ethanol zu destillieren, schafft der brasilianische Biosprit rund sechzig Prozent Kohlendioxideinsparung gegenüber herkömmlichen Erdölprodukten.

Mit solchen Zahlen argumentiert auch die Bundesregierung und begründet mit ihnen die Förderung von Biodiesel: Immerhin spart man so einige Prozent der Klimagase. In dieser Bilanz fehlt allerdings ein wichtiger Aspekt: Die neuen Energiepflanzen verdrängen Gewächse, die bisher als Nahrungsmittel verwendet wurden. Andreas Ostermeier vom Umweltbundesamt in Dessau erklärt dies mit einem Beispiel: Ein Bauer hat schon bisher Raps angebaut und diesen an die Lebensmittelindustrie verkauft. Daraus wird Pflanzenöl und schließlich Margarine hergestellt. Weil Energiepflanzen besser bezahlt werden, verkauft der Bauer seinen Raps jetzt an die Hersteller von Biodiesel. Handeln viele Bauern ähnlich, fehlt bald das Rapsöl, um es in die Margarine zu mischen.

Als Ersatz könnte Palmöl dienen. Tatsächlich boomt der Palmölmarkt weltweit und Länder wie Indonesien, Malaysia, Ecuador, Kolumbien oder Kamerun kommen mit der Anlage neuer Plantagen kaum nach. So wird der Regenwald oft für Palmölplantagen abgeholzt, sagt Markus Radday von der Naturschutzorganisation WWF in Frankfurt. Damit verschwindet nicht nur der Wald, der große Mengen an Kohlendioxid aufnimmt, sondern auch der Lebensraum für Schimpansen, Orang-Utans oder Neuweltaffen.

Das Beispiel eines auf Torfboden wachsenden Regenwaldes in Malaysia zeigt: Dort wird Kohlendioxid nicht nur beim Abbrennen des Waldes frei, sondern auch dadurch, dass Mikroorganismen beim Trockenlegen des Sumpfes den Torfboden zersetzen. Solche Vorgänge werden in offizielle Bilanzen bisher nicht berücksichtigt. In einer Online-Studie im Fachmagazin „Science“ kamen Tim Searchinger von der Princeton- Universität (US-Bundesstaat New Jersey) und seine Kollegen zu bemerkenswerten Ergebnissen. Wenn in den USA die letzten Reste der Prärie in Maisfelder zur Produktion von Bioethanol verwandelt oder in Malaysia Wälder für Palmölplantagen gerodet werden, kommen dabei so viele Klimagase frei, dass Bioethanol erst nach 167 Jahren gegenüber Sprit aus Erdöl die Klimabilanz entlastet.

Besser sieht die Situation auch für Deutschland nicht aus. Zurzeit werden auf ungefähr 3,5 Prozent der Ackerfläche Pflanzen für die stoffliche Nutzung, etwa für Stärke, angebaut. Auf weiteren 10,5 Prozent der Ackerfläche wachsen Energiepflanzen, meist Raps. Ausweiten lässt sich der Anbau kaum noch, sagt Saupe, weil der Rest der Ackerfläche für die Produktion von Nahrungsmitteln benötigt wird. Steigt also in Deutschland die von der Regierung mit dem E-10-Sprit geförderte Nachfrage nach Bioethanol oder nach Biodiesel, muss es importiert werden. Die für den deutschen Biosprit benötigte Fläche fehlt dann im Ausland für den Anbau von Lebensmitteln.

Bleibt die Frage, weshalb die Politik in Deutschland und vielen anderen Ländern trotzdem massiv auf Biosprit setzt? Die USA geben eine freimütige Antwort: Dort geht es natürlich auch um die Klimabilanz. Vor allem aber will das Land seine Abhängigkeit von Erdölimporten aus „unsicheren“ Ländern verringern. Von Energieimporten sind aber auch die Länder der EU abhängig.

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