Krebstherapie : Eine bessere Brustkrebstherapie?

Das Hormon Progesteron könnte die Behandlung von bestimmten Brusttumoren unterstützen, zeigen Tierexperimente.

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Entdeckt. Brustkrebsabsiedlung (purpur) in einem Lymphknoten.
Entdeckt. Brustkrebsabsiedlung (purpur) in einem Lymphknoten.Foto: imago/Science Photo Library

Es ist fast schon ein wenig Glück im Unglück, wenn eine Patientin erfährt, dass ihr Brustkrebs „hormonabhängig“ ist. Denn das bedeutet, dass die wuchernden Zellen gestoppt werden können, wenn ihnen ihre „Droge“ entzogen wird – zum Beispiel, indem Hormone wie Östrogen blockiert werden. Jetzt haben Forscher der Universität Cambridge in Tier- und Zellkulturexperimenten entdeckt, dass der therapeutische Erfolg dieser Hormonblockade noch verbessert werden könnte – paradoxerweise mit dem Verabreichen eines Hormons, des Menstruations- und Schwangerschaftshormons Progesteron.

Progesteron ändert die Wirkung von Östrogen auf den Krebs

Schon lange wissen Forscher und Ärzte, dass manche Typen von Brustkrebs unter dem Einfluss von Hormonen wie Östrogen schneller wachsen. Medikamente wie Tamoxifen blockieren deshalb die Andockstellen für das weibliche Geschlechtshormon. Ob diese „Hormontherapie“ bei einer Patientin nötig und erfolgreich ist, das klären Ärzte vor Therapiebeginn meist über Gewebeproben des Tumors ab. Dabei wird überprüft, ob die Krebszellen viele Andockstellen (Rezeptoren) für Östrogen haben. Auch nach Rezeptoren für das Menstruationshormon Progesteron wird gesucht. Denn die Erfahrung zeigt, dass der Nachweis vieler solcher Progesteronrezeptoren ein Anzeichen dafür ist, dass eine Hormontherapie anschlagen könnte. Offenbar sind Brustkrebszellen mit Progesteronrezeptoren weniger aggressiv. Warum, das war Forschern bislang jedoch ein Rätsel.

Im Fachblatt „Nature“ präsentiert das Team von Jason Carroll vom Krebsforschungszentrum der Universität Cambridge nun eine mögliche Erklärung. In Experimenten mit Brustkrebszellen, die mit Östrogen und Progesteron behandelt wurden, untersuchten die Forscher nicht nur, welche Gene infolge der Hormone eingeschaltet wurden. Nach Transplantation der menschlichen Krebszellen in spezielle Mäuse überprüften sie auch, ob Progesteron das Wuchern der Krebszellen reduziert.

Hormonfutter für Versuchsmäuse

Sie bekamen Futter mit Östrogen, Östrogen und Progesteron und in einer Kontrollgruppe hormonfreie Mahlzeiten. Von den zehn transplantierten Tumoren (zwei pro Maus) wuchsen wie erwartet jene am meisten, die über das Futter Östrogen bekamen. Bei den Tieren, die keine Hormone gefressen hatten, veränderte sich der Krebs nicht. Aber in der Gruppe, die Östrogen und Progesteron verspeist hatten, gingen die Geschwulste zurück.

„Progesteron wirkt wie eine Bremse auf die Zellvermehrung“, schreibt Carroll. Das Hormon sorge dafür, dass ein genetisches Programm aktiviert wird, das das unkontrollierte Wuchern der Krebszellen reduziert und sie statt dessen weiterentwickelt zu spezialisierteren und damit weniger gefährlichen Zellen. Mithilfe molekularbiologischer Tests stellte Carroll fest, wie Progesteron das schafft: Offenbar bindet der Progesteronrezeptor an den Östrogenrezeptor und zwingt ihn, „nützliche“, krebsunterdrückende Gengruppen einzuschalten. Wandert der Östrogenrezeptor von der Zellmembran aber allein ins Innere der Zelle, dann werden krebsfördernde Gruppen von Genen eingeschaltet.

Die Forscher schlagen deshalb vor, dass zusätzlich zur Hormonblockadetherapie mit Medikamenten wie Tamoxifen auch Progesteron gegeben werden sollte. Dass eine solche Therapie erfolgreich sein könnte, darauf deuten auch Mutationen in jenen Genen hin, in denen die Information für den Progesteronrezeptor und dessen Regulation gespeichert ist. So fehlen bei 18,5 Prozent der Tumoren einer Gruppe von über 2000 Brustkrebspatientinnen die Geninformationen für den Rezeptor. Und erwartungsgemäß waren die Behandlungsversuche dieser Patientinnen weniger erfolgreich als bei Patientinnen, deren Progesteronrezeptor vorhanden und intakt ist.

Vorerst keine Änderung der Behandlungsleitlinien

Ob Progesteron in Kombination mit der Hormonblockadetherapie tatsächlich auch bei Patientinnen und nicht nur Mäusen wirkt, muss allerdings erst in klinischen Tests überprüft werden. "Zurzeit würde ich keine Progesterone zusammen mit Antiöstrogenen oder anderen Medikamenten einsetzen, weil ich Sorge vor Nebenwirkungen habe, die beste Dosis und Substanz nicht kenne und keine Experimente mit Patientinnen machen will", Jens Uwe Blohmer, Direktor des Brustzentrums der Berliner Universitätsklinik Charité. Zwar werden Progesterone (In Form von Medroxyprogesteron und Megestrolacetat) bei Frauen mit fortgeschrittenem, östrogensensitiven Mammakarzinom mitunter schon jetzt eingesetzt. "Aber die Nebenwirkungen wie Wassereinlagerungen,Thrombosen und Gewichtszunahmen haben den Einsatz von Progesteron als unterstützende Therapie eingeschränkt." Außerdem stehen synthetische Progesteron-Varianten, die im Zuge der Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden eingesetzt werden, im Verdacht, Brustkrebsentstehung zu fördern. Und das Aktivieren des Progesteronrezeptors scheint zumindest bei einigen Frauen Brustkrebs zu fördern.

Dass Progesterone die Therapieprognose beeinflussen, werde seit längerem vermutet, sagt Blohmer. Beispielsweise zeige die Erfahrung, dass Operationen erfolgreicher verlaufen, wenn vorher Progesteron verabreicht wurde oder in der 2. Zyklushälfte der Frau operiert wird, in der der Körper das Hormon selbst produziert. "Allerdings sind hier die Daten widersprüchlich", sagt Blohmer. Carrolls Experimente erklären nun den Zusammenhang zwischen Progesteron und Östrogen besser. "Das ist medizintheoretisch interessant, klinisch jedoch zunächst ohne Relevanz", sagt Blohmer. Mit einer (vor-)schnellen Änderung der Behandlungsleitlinien für Brustkrebs ist also nicht zu rechnen.

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